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Heimische Heilpflanzen mit „heiligen“ und „himmlischen“ Namen

Alle Dinge sind Gift

Zu den größten Merkwürdigkeiten unseres Gesundheitssystems gehört die ärztlicherseits verordnete Medikamentensucht. Laut jüngsten Pressemitteilungen bekommt jede(r) dritte Deutsche über 65 mindestens fünf verschiedene Pillen verordnet. Auch bei „auffälligem Sozialverhalten“ von Kindern werden immer öfter Tabletten verschrieben.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Eine solche Art der medizinischen Fürsorge hätten sich unsere Altvorderen nicht einmal im Traum vorstellen können. Industrielle Arzneimittelherstellung spielte bis vor gut 40 Jahren noch eine untergeordnete Rolle. Wichtigster und über Jahrtausende hinweg einziger Heilmittellieferant war die Natur. Was und wie viel bei welchem Leiden und Gebrechen geschluckt, eingeatmet oder auf die Wunde aufgetragen werden musste, war seit alters her von „Kräuterhexen“, Badern und anderen „weisen“ Frauen und Männern an die nachfolgenden Generationen weitergegeben worden. Wichtige Pionierarbeit wurde auch in den mittelalterlichen Klöstern geleistet.

Über die Entwicklung der Kräuterheilkunde im heutigen Schaumburg ist wenig bekannt. Einiges deutet darauf hin, dass der Wissensstand aufgrund der ländlich-bäuerlichen Siedlungsstruktur in den einzelnen Dörfern und Gegenden unterschiedlich hoch war. Tempo und Umfang hingen offenbar nicht zuletzt davon ab, ob es jemanden gab, der lesen konnte. Hintergrund: Im Laufe des Mittelalters waren mehrere, meist in Latein abgefasste Arzneimittel-Ratgeber auf den Markt gekommen. Als bedeutsamste und brauchbarste Nachschlagewerke gelten die Naturheilkunde-Veröffentlichungen der Äbtissin Hildegard von Bingen (1098-1179). Die von ihr bearbeitete Themenpalette reicht von Gicht, Bauchschmerzen, Entzündungen und Harndrang über Haarschwund und Impotenz bis hin zu Verrücktheit und „unmäßigem Lachen“. Der Behandlungsvorschlag bei „Blutfluss aus dem Mastdarm“ liest sich so: „Man nimmt Brombeerblätter und zweimal soviel Blutkraut (Blut-Weiderich) und zerstampfe dies zu Saft, thut es dann in Wein und trinkt den Wein während und nach der Mahlzeit, aber nicht nüchtern.“

Eine spezielle „Schaumburger Kräuterkunde“ wurde, soweit bekannt, bisher nicht geschrieben. In den meisten Abhandlungen zum heimischen Pflanzenvorkommen geht es um art- und/oder standortbezogene Einzeldarstellungen. Eine nicht alltägliche Betrachtung hat vor gut 50 Jahren der Bückeburger Gymnasiallehrer Hans Rausch vorgelegt. Danach gab und gibt es in der hiesigen Region auffällig viele Heilpflanzen, deren Namen und/oder Eigenschaften mit religiöser Symbolik und/oder mit christlicher Legendenbildung zu tun haben.

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Auf den feuchten Wiesen entlang der Gehle, Wemke und Schermbeeke blüht das „Herrgottsschellchen“ – gemeinhin als (Bach-) Nelkenwurz bekannt. Im Harrl sowie auf Taubenberg und Westendorfer Egge wächst das „Engelsüß“ (Tüpfelfarn), und im Scheier Bruch und im Aue- und Extertal waren und sind „Engelwurz“ und „Erzengelwurz“ zu Hause.

Das Gros dieser „Himmelspflanzen“ ist seit alters her wegen ihrer Wurzelheilstoffe bekannt. Das Öl des „Herrgottsschellchen“ half bei Fieber und Bauchschmerzen. Das „Engelsüß“ befreite von „schlechter Feuchtigkeit“. Und das Destillat von „Angelica“ (Engelwurz) und „Angelica archangelica“ (Erzengelwurz) kam zum Einsatz, wenn man es „upper Bost“ (auf der Brust) oder „in’n Rüje“ (im Rücken) hatte. Mancherorts wird der „Engelwurz“ deshalb auch „Brustwurz“ genannt.

Auch Heilige standen als Namenspatrone offenbar hoch im Kurs. Einige der an Böschungen und Feldwegen außerhalb der Städte blühenden Stauden taufte man Johanniskraut, Jakobskreuzkraut und Christophskraut. Im Hausgarten wuchs die „Jakobsleiter“. Als weitaus wirksamste der „Heiligenpflanzen“ galt und gilt das Johanniskraut. Der Name hat mit der Blütezeit der Pflanze zu tun. Ihre gelben Dolden leuchten in der Zeit „um Johannis“ (24. Juni), dem Namenstag Johannes des Täufers. Unsere heimischen Vorfahren waren besonders vom roten Saft in den Blütenblättern beeindruckt. Manche fühlten sich an Christi Blut erinnert. Pflanzenbüschel über der Haustür sollten den Teufel abwehren.

Etwas Vorsicht war beim Einsatz der anderen „Heiligenpflanzen“ angesagt. Der Saft des Jakobskreuzkrauts sollte tunlichst nicht getrunken, sondern hauptsächlich zum Einreiben verwendet werden. Die Wirkung auf von Gicht und Rheuma geplagte Knochen muss gut gewesen sein. „Darumb dieweil es (das Jakobskreuzkraut) ein wundkraut ist, sollens die wundärtzt hoch in ehren haben“, heißt es in einem 1543 gedruckten Kräuterbuch des seinerzeit hoch angesehenen Arztes und Pflanzenkundlers Leonhart Fuchs (1501-1566). Auch bei Nutzung des Christophskrauts war Zurückhaltung geboten. Es galt als radikales Brech- und Abführmittel und soll früher – sozusagen als „letzter Versuch“ – bei der Bekämpfung von Seuchen zum Einsatz gekommen sein.

Eine ganze Reihe anderer Heilkräuter brachte man auch und vor allem mit Teufelswerk (Teufelszwirn, Teufelsabbiss, Teufelskralle, Teufelshand) und Hexerei (Hexenkraut) in Verbindung. Das Adonisröschen war – je nach Betrachtungsweise und Erfahrung – als Teufelsauge oder Christusauge bekannt.

Die himmlische Segnungen und/oder Höllenpein verheißende Namensgebung kam nicht von ungefähr. Die Menschen waren – auch gefühlsmäßig – in die Natur eingebunden. Das unerklärliche Geschehen um sie herum war von dunklen Ahnungen und Ängsten begleitet. Laboruntersuchungen zur Bestimmung der Zusammensetzung und Wirkung der pflanzlichen Einzelbestandteile gab es noch nicht. Dass ein Gewächs sowohl heilen als auch Schaden anrichten konnte, schien Zauberei zu sein. Nicht umsonst stand der große Arzt und Philosoph Paracelsus (1493 bis 1541) mit seiner Forderung nach Befreiung der Pflanzenheilkunde von abergläubischem Teufels- und Hexenwahn lange Zeit allein. Seine Erkenntnis „Alle Dinge sind Gift und nichts ohne Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist“, hat sich auch heute, 500 Jahre später, noch nicht überall herumgesprochen.

Hildegard von Bingen (1098-1179), Verfasserin der ersten brauchbaren Naturheilkunde-Veröffentlichungen (Miniatur aus dem sogenannten Lucca Codex des „Liber divinorium“ aus der Zeit um 1220).

Die „Heiligenpflanzen“ Johanniskraut (l.) und Christophskraut (Buchillustrationen des deutschen Kupferstechers und Naturforschers Jakob Sturm (1771-1848) aus dessen Werk „Deutschlands Fauna in Abbildungen nach der Natur“).gp (4)



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