×

Alkohol, Drogen – Jugend im Vollrausch

Die meisten Erwachsenen haben als Jugendliche auch „mal einen über den Durst getrunken“ oder gar gekifft – und erinnern sich heute lächelnd an alte Zeiten. Die eigenen Kinder tun es ihren Eltern nun vielfach nach. Oft sind sie allerdings viel jünger als ihre Eltern damals, sie trinken wesentlich häufiger und saufen sich nicht selten bis ins Koma. Das Zahlenwerk des Bundesministeriums für Gesundheit dazu ist alarmierend – die Gesellschaft macht sich auf die Suche nach den Ursachen.

Autor:

Inken Philippi

Keine Party ohne Alkohol. Was den Erwachsenen recht ist, ist den Kindern und Jugendlichen schon lange billig – im wahrsten Sinne des Wortes. Flatrate-Angebote locken zum günstigen Zechgelage, laden zum Komasaufen geradezu ein. Das „Abhängen“ in der Freizeit wird bei vielen jungen Leuten begleitet von Alkohol, oft auch von anderen Drogen. Hatten Eltern im Stillen lange gehofft, es träfe nur Kinder aus sozial schwachem Elternhaus, belegen Studien längst, dass sich das Problem durch alle Gesellschaftsschichten zieht. Aber was sind die Ursachen für die ausufernden Trinkgelage und Drogenexperimente bei einer Jugend, von der die meisten Erwachsenen annehmen, es ginge ihr doch gut? Während Kinder und Jugendliche aus sozial schwachem Umfeld als Gründe Langeweile, Perspektivlosigkeit und das Austesten der eigenen Grenzen angeben, haben Studien ergeben, dass „bessergestellte“ junge Menschen oft dem Leistungsdruck der Gesellschaft und den Ansprüchen der eigenen Familie nicht mehr gewachsen sind und sich deswegen zumeist am Wochenende einfach „wegbeamen“.

Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann von der Universität Bielefeld bezeichnet in einer Stellungnahme in „welt-online“ Trinkgelage in der Gruppe als normale Ausfälle eines Heranwachsenden, der die Dinge ins Extrem treibe, seine Kräfte teste. Gefährlich werde es dann, wenn der Alkohol zum Ventil werde. „Die Arbeitswoche ist für Jugendliche so anspannend, dass sie ein Ventil brauchen. Der Leistungsdruck ist zunehmend belastend. Wer hinaus will, betäubt sich. Und merkt nicht, dass es keine Entspannung ist, sondern Besinnungslosigkeit.“ Als besonders alarmierend betrachtet Hurrelmann die Tatsache, dass immer mehr Kinder immer früher damit beginnen, Alkohol zu trinken. „Mit 12 oder 13 Jahren kann ein Kind kaum auf etwas zurückgreifen“, so der Soziologe. „Mit 18 oder 19 Jahren ist das anders, da haben sich die Jugendlichen schon eine Meinung gebildet.“

Das Bundesministerium für Gesundheit legt in der Tat erschreckende Zahlen vor, was den Alkoholkonsum bei Kindern und Jugendlichen angeht: 25 700 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 10 und 20 Jahren wurden 2008 stationär behandelt. Das entspricht einer Steigerung um 11 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Seit der Erst-Erhebung im Jahr 2000 (9500 Kinder und Jugendliche) sind die Alkoholvergiftungen damit um 170 Prozent gestiegen. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, erklärt dazu: „25 700 volltrunkene Kinder und Jugendliche in der Notaufnahme sind der traurige Rekord der letzten zehn Jahre. Noch nie betrank sich eine so große Zahl von Kindern und Jugendlichen derart hemmungslos. Besondere Sorgen bereiten mir die 4500 Kinder im Alter von 10 bis 15 Jahren, welche aufgrund einer Alkoholvergiftung stationär behandelt werden mussten. Auch in dieser sehr jungen Gruppe ist die Zahl der Alkoholvergiftungen um 19 Prozent angestiegen (von 3800 auf 4500).

Insgesamt ist das eine schockierende Entwicklung. Trotzdem darf bei aller Betroffenheit nicht vergessen werden, dass diese Kinder eine Minderheit in der jungen Generation darstellen. Die meisten Heranwachsenden sind in der Lage, ihren Alkoholkonsum im Griff zu behalten. Diejenigen jedoch, die „außer Kontrolle“ geraten, wissen in den meisten Fällen nicht, was sie sich und ihrem Körper antun.

Schon eine einmalige Dosis kann sich verheerend auf den empfindlichen Organismus auswirken: Bei bereits 0,5 Promille Alkohol im Blut kann ein Kind bewusstlos werden. Generell gilt, dass die Wirkung des Alkohols umso größer ist, je weniger das Kind wiegt. Ein anderes Problem ist, dass kleine Kinder nach dem Trinken von Alkohol übergangslos und ohne Vorwarnung ins Koma fallen können, weil bei ihnen der rauschartige Zustand nicht eintritt. Kinder und Jugendliche reagieren daher anders auf Alkohol als Erwachsene. Sie verfügen über weniger Körperfett und ein geringeres Blutvolumen. Weil Gehirn und Leber noch wachsen, reagieren sie empfindlicher, die Leber baut Alkohol langsamer ab. Ein Bier für einen Zwölfjährigen entspricht dem Konsum von mindestens drei Bieren durch einen Erwachsenen. Die Grenzen zwischen angeheitert, betrunken und alkoholvergiftet liegen teilweise nur bei einem halben Glas. Hinzu kommt, dass das Gehirn des Menschen erst im Alter von 17 bis 18 Jahren ausgereift ist. Alkohol bremst dieses Wachstum und zerstört Gehirnzellen. Anders als beim Erwachsenen regenerieren sie sich nicht. Die Folge: Denkprozesse verlangsamen sich. Deshalb sollten Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren möglichst keinen Alkohol trinken. Besonders gefährlich am Koma-Saufen: Gerade schneller Konsum von viel Alkohol kann das Hirnzentrum lähmen. Der Reflex der selbstständigen Atmung setzt aus, und der Jugendliche erstickt. Weitere Gefahr: Während die Leber mit dem Abbau des Alkohols beschäftigt ist, setzt sie keine Glukose frei. Die Unterzuckerung kann Bewusstlosigkeit, epileptische Anfälle und schwere Hirnschäden zur Folge haben oder einen tödlichen Schock auslösen. Die gesundheitlichen Folgen für Kinder und Jugendliche können also dramatisch sein.

Neben Bier und Schnaps wird gerade bei jungen Leuten nach wie vor gern zum Joint, schlimmstenfalls sogar zu härteren Drogen gegriffen. Und während unbestritten ist, dass Kokain, Ecstasy und Co. den Konsumenten langfristig in die Abhängigkeit treiben – von medizinischen und sozialen Begleiterscheinungen ganz zu schweigen –, erscheint der Konsum von Cannabisprodukten den meisten doch eher als harmlos. Strittig sind Cannabis-Produkte als Auslöser von Psychosen. Erwiesen ist jedoch, dass Menschen die anfällig für psychische Krankheiten sind, mit dem Konsum von Cannabis die Wahrscheinlichkeit, seelisch zu erkranken, um ein Vielfaches erhöhen und die Konsumenten in eine psychische Abhängigkeit geraten.

Zu den medizinischen Folgen eines übermäßigen Alkohol- oder Drogenkonsums gesellen sich für die Kinder und Jugendlichen aber auch rechtliche Konsequenzen. Jürgen Kanngießer, Polizeihauptkommissar bei der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden erklärt, dass aufgrund der bundesweit dramatischen Zahlen auch im heimischen Gebiet nun Zahlen erhoben werden, wie viele Jugendlichen bei Kontrollen alkoholisiert angetroffen werden. Betrunken aufgegriffen, werden die jungen Leute im Falle eines Verstoßes gegen das Jugendschutzgesetz entweder mit auf die Wache genommen und müssen dort abgeholt werden, „oder aber die Eltern werden direkt an Ort und Stelle bestellt und müssen ihre Kinder mit nach Hause nehmen“, erläutert der Polizeibeamte. Als Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz und damit grundsätzlich strafbar gilt jeder Umgang mit Cannabisrauschmitteln. Die Polizei erstattet in einem solchen Fall umgehend Anzeige und schreibt eine Meldung an die Fahrerlaubnisbehörde. Ein solcher Eintrag im Verkehrszentralregister kann im schlimmsten Fall den Erwerb des Führerscheins verhindern, rechtlich werden regelmäßige Cannabiskonsumenten als ungeeignet zum Führen eines Kraftfahrzeuges eingestuft – und das kann gerade in ländlichen Gebieten verheerende Folgen haben. Wer nämlich als Jugendlicher einen Ausbildungsplatz nicht unmittelbar an seinem Wohnort findet, ist oft auf einen eigenen Führerschein angewiesen.

Häufig sind sich Kinder wie Eltern über die weitreichenden Konsequenzen des missbräuchlichen Umgangs mit Alkohol und Drogen in keiner Weise im Klaren. Jugendforscher Hurrelmann führt die steigende Anzahl gefährdeter Kinder und Jugendlicher in diesem Bereich daher auch auf die fehlende soziale Kontrolle im Elternhaus zurück. „Noch vor zehn Jahren war es charakteristisch, dass man das erste Bier oder den ersten Schluck Sekt im Elternhaus trank. Die Eltern gaben Hinweise, sagten Stopp, wenn es zu viel wurde, übten eine soziale Kontrolle aus“, betont Hurrelmann. „Die gleichaltrige Gruppe ist nun an die Stelle der Eltern getreten. Die hat aber keinerlei erzieherische Absicht, da geht es um Trinkfestigkeit und Reaktionen auf Alkohol. Da gelten viel brutalere Regeln.“ Nachgewiesenermaßen ist bei 50 Prozent der Menschen, die alkoholsüchtig werden, die Sucht genetisch bedingt, 50 Prozent sind private Umstände. Dazu gehört auch die Erziehung. Die jetzige Elterngeneration der komasaufenden Heranwachsenden muss sich selbst infrage stellen, denn es sind ihre Kinder, um die es geht.

Volltrunkene Kinder, besinnungslose Jugendliche – immer früher und immer öfter greift der Nachwuchs zu Alkohol und Drogen. Komasaufen ist bei Jugendlichen in Mode, immer mehr Minderjährige landen mit Alkoholvergiftungen in Kliniken. Die Zahlen sind erschreckend.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt