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Demo gegen Agnes-Miegel-Kult: Glühende Hitler-Anhängerin oder nur geblendete Humanistin?

"Aggressive Kampagne politischer Randgruppen"

Bad Nenndorf (rwe/gus). Ein "Bündnis gegen Agnes-Miegel-Verherrli chung" hat zu einer Demonstration aufgerufen unter dem Motto "Mit dem Agnes-Miegel-Kult brechen! Gegen Opfermythen und Revisio nis mus". Diese ist für morgen, Sonnabend, 1. März, von 14 bis 20 Uhr anmeldet (wir berichteten). Klare Worten finden die Veranstalter der Demonstration für Agnes Miegel. Diese sei eine Anhängerin des Nationalsozialismus gewesen, 1933 in die nazistische "Deutsche Akademie der Dichtung" eingetreten, 1937 in die "NS-Frauenschaft" und 1940 in die NSDAP.

Das Agnes-Miegel-Denkmal am "Schlösschen" im Kurpark. Foto: fox

"Sie erhielt in dieser Zeit zahlreiche Auszeichnungen des NS-Regimes, darunter das Ehrenzeichen der Hitlerjugend. Ihre Zustimmung zur nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wird darüber hinaus an von ihr verfassten Lobeshymnen auf Adolf Hitler deutlich", schreibt Martin Angenfort. Vor dem Hintergrund ihrer "eindeutigen Bekenntnisse zum Nationalsozialismus" hält es dieser für absolut inakzeptabel, dass mit Veranstaltungen wie den Agnes-Miegel-Tagen eine Glorifizierung der Person Miegel zu begehen. Angenfort will eineöffentliche Diskussion anregen. Die solle "hoffentlich dazu führen, dass die Verherrlichung von Agnes Miegel in der Kurstadt ein Ende hat und dass eine Verbreitung geschichtsrevisionistischer Positionen in Bad Nenndorf und anderswo langfristig nicht mehr möglich ist." In einem Flugblatt an die Anwohner der Innenstadt lädt Karl Wischnewski aus der Bahnhofstraße dazu ein, friedlich gegen den "Agnes-Miegel-Kult" zu protestieren. Diese sei 1933 in die Preußische Akademie der Künste eingetreten, als dem NS-Regime missliebige Künstler das Land in Scharen verlassen mussten. Miegel habe sich von der NSDAP zu einer literarischen Karriere verhelfen lassen. In einem ihrer Gedichte habe sie Hitler als Friedensbringer glorifiziert, den Nationalsozialismus als "eine neuen Frühling in uns" beschrieben. Obwohl Miegel als literarische Repräsentantin ihren Beitrag zur nationalsozialistischen Kulturpolitik geleistet hatte, sei sie nach 1945 nicht belangt worden und habe weiter hohes Ansehen genossen, so Wischnewski. Die Vertriebenenverbände hätten sie dann zur "Mutter Ostpreußens" stilisiert. Das sagt die Wissenschaft: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Agnes Miegel eine der populärsten deutschen Schriftstellerinnen. Inzwischen ist das Werk der "Mutter Ostpreußen" aus der literaturwissenschaftlichen Debatte weitgehend verschwunden. Wenn über Miegel diskutiert wird, dann in aller Regel in Bezug auf ihre Rolle im Dritten Reich. Florian Treibel nahm in seiner Doktorarbeit an der Universität Konstanz Stellung zu dem Thema. "Über den gesamten Zeitraum des Dritten Reiches avancierte Miegel zur meist- und höchstdekorierten Autorin des Eugen-Diederichs-Verlages. Die preisverleihenden Institutionen überreichten ihr insgesamt neun bedeutende Ehrungen. Darunter 1940 den Goethe-Preis", schreibt Treibel. Als eine von sechs Schriftstellerinnen wurde sie in die "Gottbegnadetenliste" aufgenommen und vom Hilfseinsatz im Krieg freigestellt. Diese Ausnahmestellung hat Miegel laut Treibel auch nach 1945 nie zu rechtfertigen versucht. Das wirft auch Hans-Heinrich Holland, Nordrhein-Westfälischer Kommunalpolitiker und Historiker, Miegel vor. Diese Haltung ist mitverantwortlich für die Aussparung der letzten bedeutenden Balladendichterin des deutschsprachigen Raums in der heutigen Literaturwissenschaft. Ebenso wichtig ist, dass Miegel künstlerisch obsolet geworden ist. Während diese noch Balladen und neo-romantische Prosa verfasste, kreierten die aus heutiger Sicht maßgeblichen Autoren Bewegungen wie den Expressionismus, Dadaismus und Futurismus. Als Vertreterin der Neo-Romantik griff Miegel währenddessen auf eine Epoche des 19. Jahrhunderts zurück. Die Qualität Miegelscher Texte wird derweil nicht angezweifelt. Dass sie ein enormes erzählerisches und illustratives Talent hatte, ist unbestritten. Nur ist eine inhaltliche Untersuchung ihrer Werke heute nicht mehr interessant. Auf ihrer Internetseite setzt sich die Agnes-Miegel-Gesellschaft mit der "lautstarken, aggressiven Kampagne politischer Randgruppen" auseinander. Vorsitzende Marianne Kopp räumt ein: "Wir wissen, dass Agnes Miegel sich leider für Hitler begeisterte und schließlich sogar der NSDAP beitrat. Wir wissen aber auch, dass ihre Huldigungsgedichte an Hitler rein emotionaler Natur sind und nichts von seiner Ideologie verherrlichen." Ihrer Ansicht nach finden sich "keine Zeichen für Antisemitismus, Hassparolen, Kriegspropaganda, Terror und Gewalt darin". Bekannt sei Miegels "tiefe Religiosität", die auch in der NS-Zeit deren Lebenshaltung bestimmte. "Wir wissen ebenso, dass Agnes Miegel ihr ganzes Leben lang Toleranz und Menschlichkeit propagierte und sich zu einer umfassenden Humanitas bekannte, so wie sie es in ihrem Spruch für den Ostdeutschland-Gedenkturm in Schloss Burg an der Wupper schrieb: Nichts als den Hass zu hassen". Kopp nennt dieses Bekenntnis "umfassender und beeindruckender als ein Bekenntnis zu irgendeiner Ideologie oder Staatsform". So ein Aufruf tue wohl jeder Zeit und Epoche not. Die Agnes-Miegel-Gesellschaft bemühe sich um eine Klärung der Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus, so Kopp. Etliche Mosaiksteine für eine wahrheitsgetreue Sicht auf diese Jahre fehlten aber noch. Sie warnt vor einem schablonenhaften Schwarzweiß-Denken. Der Verein sehe sich als eine literarische Gesellschaft. "Uns geht es um die Dichterin, um ihr bedeutendes literarisches Werk, um den unbestreitbaren Rang ihrer Dichtung, die sogar Marcel Reich-Ranicki in den "Kanon der deutschen Literatur" aufgenommen habe.

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