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Friedrich Accum – ein Schaumburger macht in England Karriere und flieht außer Landes

Absturz nach Kultstatus

Wenn ein junger Schaumburger Ende des 18. Jahrhunderts seine Heimat verließ, dann meist nur, weil ihn Not und Elend außer Landes trieben oder weil er in der Fremde kämpfen musste. Bei Friedrich Accum (1769-1838) waren vor allem Unternehmungslust, Ehrgeiz und Neugier im Spiel.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Sein Job als Apothekenhelfer war dem 24-Jährigen nicht genug.1793 siedelte er nach London über – damals für weltoffene Deutsche eine vielversprechende Adresse. Mit King Georg III., in Personalunion Kurfürst Georg Wilhelm Friedrich von Braunschweig-Lüneburg, saß sozusagen ein „halber Landsmann“ auf dem britischen Thron.

Die Erwartungen des jungen Bückeburgers wurden nicht enttäuscht. Accum startete eine große Wissenschaftler-Karriere.Sein Name hat im englischsprachigen Raum bis heute einen guten Klang. In seiner einstigen Heimat ist der vor 175 Jahren verstorbene Professor dagegen weitgehend in Vergessenheit geraten.

Über die Jugendzeit Accums ist wenig bekannt. Das meiste von dem, was man hierzulande noch weiß, hat in den 1930er Jahren der Bückeburger Gymnasiallehrer Viktor Koch zusammengetragen. Nach dessen in den „Schaumburg-Lippischen Heimat-Blättern“ abgedrucktem Bericht war der junge Friedrich in beengten und ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater war Seifensieder, ein damals vor allem in Städten betriebenes, nicht sonderlich ertragreiches Geschäft. In einer schmuddelig-schwülen Kellerwerkstatt wurden tierische Fettreste unter Beigabe von Laugen und anderer Zutaten zu einer als Reinigungsmittel nutzbaren Masse zerkocht. Ruf und Geschäftserfolg des Siedemeisters hingen von Wirkungsweise und Wohlgeruch seiner Produkte und damit auch und vor allem von der Zusammensetzung der Mixturen ab. Fachbücher gab es noch nicht. Die Chemie als Wissenschaft steckte noch in den Kinderschuhen. Laut Koch mischte Accum Junior schon als Schuljunge mit großer Begeisterung in der väterlichen Seifenküche mit. Lesen und Schreiben soll ihm in der nahe gelegenen Lateinschule beigebracht worden sein.

3 Bilder
Das Geburtshaus Accums in der Schulstraße 7 (auf der historischen Abbildung das dritte Haus von rechts) lag unmittelbar neben der alten Bückeburger Lateinschule.

Eine interessante Erklärung ist zu Herkunft und Entstehung des bis dato unbekannten Familiennamens überliefert. Als Friedrich Accums Vater nach Bückeburg kam, hieß er noch „Herz Markus“ und war Jude. Später soll er, um in eine streng gläubige Hugenottenfamilie einheiraten zu können, Christ geworden sein. Zur Verdeutlichung des Neuanfangs nannte er sich „Christian Accum“. Die hebräische Wortverbindung „accum“ bedeutet so viel wie „Diener der Sterne“. Obwohl später sieben Kinder dieses Namens zur Welt kamen, gibt es hierzulande schon seit Längerem keine(n) „Diener(in) der Sterne“ mehr.

Seine Erfahrungen mit experimentellen Mixturen brachten Friedrich Accum in seiner neuen Londoner Umgebung schnell voran. Er hielt Vorträge, schrieb Gutachten und beriet Firmen bei der Entwicklung neuer Produktionsverfahren. Nach der Hochzeit mit Mary Ann Simpson 1798 machte er sich selbstständig. Er vertrieb Laborgeräte, fertigte Gutachten für Nahrungsmittelhersteller an und beriet Kommunen beim Ausbau der neuen Straßenbeleuchtung. Wie nur ganz wenige seiner Zunft konnte er wissenschaftliches Know-how gewinnbringend vermarkten. Seine mit spektakulären Vorführungen angereicherten Werbeauftritte erreichten Kultstatus.

Zur wachsenden Popularität kam zunehmende fachliche Anerkennung. 1801 wurde er in die neu gegründete Royal Institution of Great Britain berufen. Daneben war er als Gerichts- und Parlaments-Sachverständiger im Einsatz. 1809 machte das renommierte Surrey-Institut (heute Universität Surrey) den damals 40-Jährigen zum Professor.

Mindestens ebenso erfolgreich wie als Unternehmer und Forscher war der Seifensieder-Sohn aus Bückeburg als Autor. Er schrieb zahllose wissenschaftliche Abhandlungen und mehr als ein Dutzend dickleibiger Sachbücher. Einige, darunter das 1815 veröffentlichte Werk „A Treatise on Gas-Light“, erreichten (für damalige Verhältnisse) ungewöhnlich hohe Auflagen und wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Umso überraschender kam es – auch und vor allem für Accum selbst – zu einem harten Karriereknick. Der populäre Professor hatte der britischen Lebensmittelindustrie in einem 1820 neu auf den Markt gekommenen Werk Betrug vorgeworfen. Die Branche mische ihren Produkten aus Gewinnsucht in großem Stil minderwertige und zum Teil gesundheitsschädliche Ballastware bei, war in dem Buch „A Treatise on the Adulteration of Food and Culinary Poisons“ zu lesen.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Die Bosse der namentlich angeprangerten Herstellerfirmen ließen nichts unversucht, um die Glaubwürdigkeit des Autors zu erschüttern. Bei den von ihnen in Auftrag gegebenen Nachforschungen kam heraus, dass Accum einstmals Archivgut beschädigt hatte. Genauer gesagt: Accum hatte zu Beginn seiner Londoner Zeit aus einigen, von ihm ausgeliehenen wissenschaftlichen Werken mehrere Textseiten herausgerissen. Seine Gegner starteten eine groß angelegte Pressekampagne. Die Popularität des Deutschen geriet ins Wanken. 1821 kam es zum Prozess. Accum reagierte panisch. Er ließ alles stehen und liegen und tauchte für mehrere Monate auf dem europäischen Festland unter.

1822 trat er am Königlich-Preußischen Gewerbeinstitut in Berlin eine Stelle als Professor für Chemie und Mineralogie an. Anders als in England mied er die Öffentlichkeit. Als er 15 Jahre nach seiner Rückkehr nach Deutschland zu Grabe getragen wurde, waren sein Name und sein Wirken nur noch in Fachkreisen bekannt.

In Vergessenheit geraten ist auch ein Werk, das er noch vor seinem Weggang aus Bückeburg zu Papier gebracht hatte. Die 1792 abgefasste Arbeit mit der Überschrift „Physicalisch-chemische Beschreibung von der Lage und den Bestandteilen der Schwefelquellen zu Eylse“ stellt, soweit bekannt, die erste wissenschaftliche Beschreibung der damals ins Blickfeld der Obrigkeit geratenen Schwefelquellen im heutigen Bad Eilsen dar. Accums Bewertung fiel positiv aus. Die Heilwirkung werde bislang zu gering erachtet, ließ er die damalige schaumburg-lippische Fürstin Juliane wissen. Für den Fall, dass noch Zweifel bestünden, sehe er weiteren Untersuchungen zuversichtlich entgegen. „Ob ich mit vollem Rechte dieses Wasser in die Zahl der wahren kalten Schwefelwasser Teutschlands gesetzet habe, wird mir hoffentlich Niemand streitig machen.“




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