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Ernste und heitere Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg von A. Butsch und Dr. med. Höltscher

Abschied von der Welt von gestern

Das Prädikat „Bad“ wurde der Stadt Pyrmont 1914 ausgerechnet in jenem Jahr verliehen, mit dem eine bislang glanzvolle Epoche von der Bühne abtrat. Denn auch hier veränderte der Erste Weltkrieg die „Welt von gestern“ (Stefan Zweig) und löste spürbare Umwälzungen aus. Das illustrieren die hier auszugsweise mitgeteilten Erinnerungen, die noch nie öffentlich erschienen sind. Diese wertvollen Zeitzeugen liefern uns „neue“, unretuschierte lokale Nachrichten aus der Welt unserer Groß- bzw. Urgroßväter.

Autor:

VON TITUS MALMS

So erinnerte sich 1988 Anni Butsch, geb. Reinhardt, an ihre Kindheit: „Dann kam 1914 der Krieg! Ein Aufruhr in Pyr-mont! Wir hatten ja noch viele ausländische Kurgäste, die überstürzt abreisten. Und in der Erinnerung erlebe ich noch oft den Ausmarsch der Soldaten. Es war ja August und sehr heiß. In endloser Kolonne, so schien es mir jedenfalls, zogen die Männer im Eiltempo, feldmarschmäßig mit Gepäck und Waffen, die Schillerstraße herauf. Ja, herauf, in Richtung Holzhausen-Hagen. Ich hatte die Vorstellung, so müssten die armen Kerle bis nach Frankreich marschieren. Unsere Mutter – und andere wohl auch – schleppte Wassereimer an die Straße und die Kinder liefen mit Krügen neben den marschierenden Soldaten her und füllten ihnen die Wasserflaschen. Ich höre diesen Marschtritt noch heute!

Ich war damals zwölf Jahre und habe keine rechte Vorstellung mehr, was sich in Pyrmont so im Einzelnen tat. Langsam wurden aus vielen Pensionen Lazarette, Lebensmittel wurden knapp, und als 12-14-jährige zogen wir bis nach Eschenbruch, um zu hamstern. Aber außer dieser Einschränkung und dem Anblick der Verwundeten merkten wir Kinder wenig vom Kriege, Bombenflugzeuge gab es ja noch nicht. Extrablätter meldeten Siege, Kur und Kurmusik gingen meines Wissens in begrenztem Umfange weiter. Ich fuhr nach Hameln zur Schule, unser Triebwagen ging im Sommer schon um 5:58 Uhr, im Winter um 6:58. Ich musste also zeitig aufstehen und es war morgens oft noch sehr dunkel, denn die Straßenlaternen brannten nur abends. Ich ging dann mitten auf der Schillerstraße, wo die Kastanienbäume ein Stückchen Himmel und Helligkeit herein ließen.“

Der Sanitätsrat Dr. med. Adolf Hölscher, der seine repräsentative Kurpension am Kaiserplatz 3 führte, schrieb 1950 im Alter von 91 Jahren seine Erinnerungen nieder. In diesem Manuskript notierte er in Bezug auf die Jahre 1914-18 folgende Beobachtungen: „Wie immer hatte sich 1914 in unserem Hause eine glänzende Gesellschaft zusammengefunden, auch ein russisches Ehepaar, eine Engländerin mit ihrem Bruder, unsere rheinischen Freunde, Damen der Marine, des Ostheeres und viele andere. Das Kurleben war in vollster Blüte; eine große Modenschau, die tags zuvor im Kurhause gezeigt worden war, wurde in unserem Hause für unsere Gäste wiederholt, als Mannequins traten die eleganten, vornehmen Damen auf, und der Unternehmer verkaufte an dem Abend bei uns mehr, als vorher im Kurhaus. In dieses lustige Treiben und den in höchster Blüte stehenden Kurbetrieb schlug wie eine Bombe die Kriegserklärung ein! Alsbald glich Pyrmont einem aufgestöberten Ameisenhaufen; fluchtartig enteilten die Kurgäste nach allen Himmelsrichtungen. Berge von Koffern häuften sich auf dem Bahnhof, in kurzer Zeit war der Ort leer und nur wenige besonnene Leute blieben zurück. Zum ersten Mal seit Menschengedenken war Pyrmont ein toter Badeort.

Aber schon 1915 kamen die Kurgäste wieder, bald noch zahlreicher als vorher und zu den Sorgen, die uns alle drückten, gesellte sich doch bald wieder allerlei anderes bemerkenswertes. Während früher das badende Publikum zum größten Teil nur dem weiblichen Geschlecht angehörte, brachte der Krieg darin eine große Veränderung. Zur Erholung kamen immer mehr und mehr Offiziere hierher, um besonders die kohlensauren Stahlbäder zur Kräftigung des Herzens zu gebrauchen. Und während Pyrmont sonst als Damenbad verschrien war, machten jetzt zahlreiche Kur gebrauchende Herren diesem Ruf der Langweiligkeit ein Ende. Es war nun im Kriege sehr unterhaltend zu beobachten, mit welcher Liebe sich die Damen der Herren annahmen, sodass es diesen ein Leichtes war, sich im Paradiese zu wähnen. Die meisten Offiziere wurden in dem vornehmen Kurhotel untergebracht und dort feierte man große Feste ohne und mit Damen.

Im Sommer 1915 wohnte wieder wie schon eine Reihe von Jahren vorher eine schöne, vornehme, lebenslustige Dame bei uns, mit der wir sehr gut bekannt geworden waren. Sie hatte ein Zimmer im Parterre mit großer Veranda. Eines Nachts, so gegen 3 Uhr, wurde ich zu einer Patientin nach auswärts gerufen und beim Hinausgehen aus dem Hause passierte mir das Missgeschick, dass die Windfangtür hinter mir zuklappte, während ich ohne Schlüssel war. Rückkehrend von der Praxis wollte ich meine Frau, die von der Tagesarbeit sehr ermüdet war, nicht durch die Nachtglocke wecken; ich umging unser Haus ringsum, ob irgendwo ein Fenster zu schließen vergessen sei, und als ich keins fand, wollte ich von der Veranda aus diese Dame bitten, mich durchzulassen.

Gesagt, getan. Die Verandatür war offen, das Rollo tief herabgelassen; ich krieche vorsichtig darunter her, alles ist still. Als ich mich umdrehe, um nach der anscheinend in tiefem Schlafe liegenden Dame zu sehen, ist das Bett leer, unbenutzt! Die Zimmertür war zugeschlossen, auf dem Flur standen die zur Reinigung herausgesetzten Schuhe, ich konnte natürlich die Tür nicht wieder zuschließen.

Am anderen Tage war sie darüber sehr erstaunt, dass die von ihr doch verschlossene Tür offen gestanden hätte. Natürlich sagte ich ihr nichts von meiner Entdeckung...

Während der Kriegsjahre sah unser Haus viele Menschen, die fast alle sowohl Heilung ihrer Leiden als auch bessere Ernährung zu finden hofften. Um die dann unterernährten Menschen aus den Großstädten aber hinreichend verpflegen zu können, war man schon genötigt, sich Lebensmittel auf illegale Weise zu verschaffen. Von der Regierung war stillschweigend die Parole ausgegeben worden: Schafft an, soviel Ihr könnt, aber lasst Euch nicht dabei er-wischen! So wurden dann nachts, oft auf Umwegen durch die Wälder oder irgendwie gut getarnt, Eier, Fleisch, Milch, Butter und anderes nach den Pensionshäusern gebracht, von denen eines das andere überwachte und denunzierte. Öfters bekamen wir nachts gegen ein Uhr ein Viertel Rind, ein ganzes Schwein, Pfunde Butter und Speck und dergleichen mehr auf einmal ins Haus. Dann wurde von den Hausangestellten durchgearbeitet bis zum Morgen, um alles als Vorrat aufbewahren zu können. Prompt kam auch schon die Anzeige „lieber Freunde und Nachbarn“ und die Polizei musste auf Suche gehen. Natürlich wurde nie etwas gefunden. Oder es wurde erlaubt, ein Schwein zu schlachten, wenn man es drei Monate auf seinem eigenen Grundstück gemästet hatte. Obgleich wir gar nicht die Möglichkeit hatten, ein Schwein im Hause zu halten, überzeugte sich die nachsichtige Polizei bei der Revision gern von der Anwesenheit eines solchen lieben Tieres, das beim Schlachten später oft zwei oder drei Köpfe hatte.

Oder wir erwarteten eine Lieferung aus dem lippischen Lande. Ein Radfahrer kommt in rasender Eile stellt einen großen Schließkorb in unseren Keller. Unmittelbar hinterher kommt ein Gendarm und fragt uns, was in dem Korbe gebracht worden wäre. Niemand von uns hatte den Bringer, der sofort geflohen war, gesehen. So konnten wir alle mit gutem Gewissen erklären, nichts von dem Korbe, seinem Inhalt und dem Überbringer zu wissen. In dem Korbe fand der Polizist ein halbes Schwein, das natürlich beschlagnahmt wurde. Und Ähnliches ereignete sich alle Augenblicke. Unser ehemaliger Amtsrichter, ein sehr gemütlicher Herr von Bardeleben, der selber gern gut aß und daher sehr unter der Lebensmittelknappheit litt, hatte volles Verständnis für die drückende Lage der Pensionshäuser. Bei gerichtlichen Vernehmungen stellte er seine Fragen meist so, dass man mit gutem Gewissen seinen Kopf aus der Schlinge ziehen konnte. Als Beispiel: Eines Tages wurde von Dieben in den Emmerwiesen eine Kuh geschlachtet und das Fleisch am nächsten Tage verteilt. In derselben Nacht bekamen wir aus einem Bergdorf ein Viertel Rind. Bei der gerichtlichen Vernehmung wurde ich nur gefragt, ob ich von der Kuh aus den Emmerwiesen Fleisch bekommen hätte. Diese Frage konnte ich mit Recht verneinen.

Es war eine aufregende, aber recht unbehagliche Zeit; mit einem Bein stand man immer im Gefängnis. Und doch mussten die hier Erholung und Heilung suchenden Kurgäste gut verpflegt werden. Mit dem Ende des Krieges kam auch das Ende dieses Zustandes; aber dafür hatten wir die noch schlimmer sich auswirkende Inflation. Der Wert des Papiergeldes sank immer tiefer, die Preise der Lebensmittel stiegen rapide in die Höhe, berechnet werden durfte nur nach dem Index, so kam es, dass die Wochen-Nahrung am Sonnabend kaum die Hälfte noch wert war. Das Haus hatte Gäste, so viele es nur fassen konnte, unter ihnen als unverschämteste auch Holländer. Der Gulden galt, sagen wir, am Montag 1000 Mark, den Sonnabend drauf 2000 Mark, dann bezahlten sie am Sonnabend den Aufenthalt einer Woche mit einem halben Gulden = 85 Pfennig Friedenswert! Diese furchtbare Inflation verschlang unser ganzes Barvermögen, zum Glück blieb unser Haus schuldenfrei, weil ich den Rat eines Bankdirektors eines hoch angesehenen Bankhauses in Hannover nicht befolgt hatte, der mir noch 1917 geraten hatte, auf unser Haus eine hohe Hypothek aufzunehmen, um damit Kriegsanleihen zu zeichnen. Hätte ich das getan, hätten wir nach dem Kriege als Bettler auf der Straße gesessen. Mein altes Bauernblut hatte mich gewarnt: „Lieber Grund und Boden als Hypotheken und Papiere...“.

Ein vom

Hamburger Bildhauer Wilkening

geschaffenes sogenanntes „Nagel-Relief“, denn es wurde gegen eine Spende für die Pyrmonter Kriegsfürsorge mit Nägeln

beschlagen. Ursprünglich für das Portal der Stadtkirche gedacht, gehört es jetzt zu ihrer Innenausstattung. Darstellung des Erzengels Michael mit Waldeck-

Pyrmonter Wappenschild, der den Lindwurm

erschlägt.

Inschrift: Eine feste Burg ist unser Gott. A.D. 1916..




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