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Ab in die Presse

Was an den Obstbäumen hängt, ist ein Geschenk der Natur! Nehmt es an und tretet es nicht mit Füßen!“ Ja, so leidenschaftlich kann Olaf Seifert (62) über seine Saft-Mosterei in Ockensen bei Salzhemmendorf reden. Er stellt Direktsaft her, zum größten Teil aus Früchten, die ihm Privatleute vorbeibringen. Die Vorstellung, dass Obst in den Gärten, auf Streuobstwiesen oder von den Apfelbäumen am Wegesrand einfach ungenutzt verfault, die gefällt ihm ganz und gar nicht. „Es ist gut, dass in den letzten Jahren überall vermehrt wieder Streuobstwiesen angelegt werden“, sagt er. „Aber man muss sich dann auch darum kümmern und sie abernten.“

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Persönlich Grund zur Klage hat er allerdings nicht. Etwa 3000 Kunden bringen der Hof-Mosterei jährlich insgesamt 300 Tonnen Äpfel, Birnen und andere Früchte, aus denen dann rund 230 000 Liter Saft entstehen. Manche verkaufen ihm das Obst für 12 bis 14 Euro pro 100 Kilo, viele aber wollen ihren eigenen Saft dafür eintauschen, Saft, der dann wirklich aus den selbst geernteten Früchten besteht und vor Ort auch nach Wunsch gemischt werden kann.

„Die Leute kommen mit solcher Vorfreude hier an“, sagt er. „Es ist eben so etwas anderes, ob man einfach ins Supermarkt-Regal greift oder ob man selbst geerntet hat und wirklich was getan hat für den besonderen Genuss.“

Ein paar Vorgaben muss man dabei beachten. Zwar können Äpfel und Birnen ruhig vom Baum geschüttelt werden, Druckstellen machen nichts aus. Doch Blätter, kleine Zweige und schon angefaultes Obst muss aussortiert sein, wenn der Saft nicht bitter schmecken soll. Auch der Erntezeitpunkt ist nicht unbedeutet. Birnen müssen immer noch hart sein, Äpfel kann man früher oder später abernten, je nachdem, ob man es eher säuerlich, eher süß haben will. Ab und zu will jemand sortenreinen Saft, nur aus Boskop oder Cox Orange oder von Äpfeln einer alten Sorte. „Es ist immer wieder spannend, wie der jeweilige Saft schmecken wird. Bei uns besteht ja nicht, wie in einer Saftfabrik, der Anspruch, einen möglichst einheitlichen Geschmack herzustellen.“

Abgefüllt wird der Saft entweder in eigens mitgebrachten Schraubverschluss-Flaschen oder in den Saftboxen der Mosterei, die bis zu zehn Liter fassen und einen Zapfhahn besitzen, der das Eindringen von Luft verhindert, so dass man auch zwei bis drei Monate nach dem ersten Anzapfen noch unbesorgt genießen kann. Diese patenten Saftboxen werden auch an die Supermärkte der weiteren Umgebung geliefert.

Spottbillig sind diese Direktsäfte nicht, auch dann nicht, wenn man das Obst selbst vorbeigebracht hat. Je nach Abnahmemenge und Obstsorte kostet ein Liter zwischen 90 Cent und 1,20 Euro, wobei Selbstanlieferer die Früchte, die sich nicht selbst nutzen, dabei verrechnen können. Ohne eigene Anlieferung bezahlt man jeweils mehr als doppelt so viel. „Den meisten Leuten geht es auch nicht ums Geldsparen, sondern um die Freude, Obst, das sie anders nicht verwenden können, auf so schöne Weise zu nutzen.“ Ein gewisser Idealismus gehöre sicherlich dazu. „Immerhin, auch wir sind Idealisten“, sagt Seifert. Immer wieder lädt sein Unternehmen Kindergärten zum Besuch in der Mosterei ein oder verteilte auch, in Zusammenarbeit mit der Freiwilligen Feuerwehr Salzhemmendorf, an die 12 000 Liter Saft an Schulen und Altenheime. 600 Liter Obstsaft bekam die Hamelner Tafel, nachdem dortige Mitarbeiter die Früchte dafür gesammelt hatten.

Der höhere Preis der Direktsäfte bedeutet allerdings nicht, der Ockensener Saft würde nicht ziemlich guten Absatz finden. „Je mehr Nahrungsmittelskandale bekannt werden, desto mehr Menschen suchen auch nach Alternativen zur Industrieware“, so Olaf Seifert. „Natürlich werden unsere Säfte, die wir in den Supermärkten anbieten, von externen Firmen geprüft. Ich kann sagen, dass wir dabei von 100 möglichen Punkten immer die vollen 100 Punkte bekommen.“

Wenn es um das Stichwort „Idealismus“ geht, so kann allerdings auch das im großen Stil international wirtschaftende Rintelner Unternehmen wie riha Wesergold mitreden. Neben den normierten Fruchtsäften, die in die ganze Welt geliefert werden, bietet Firmenchef Richard Hartinger ebenfalls Direktsäfte an, aus frisch gepresstem Obst ohne jegliche Zusatzstoffe. Das sind in erster Linie Säfte aus solchen Äpfeln, die zum allergrößten Teil von Obstplantagen im „Alten Land“ kommen. Etwa ein Prozent aber stammt von Privatleuten aus dem Schaumburger Land und Umgebung. Regelmäßig zur Erntezeit veröffentlicht Wesergold Zeitungsanzeigen und ruft dazu auf, eigene Äpfel zur Saftgewinnung anzubringen.

Rein wirtschaftlich gesehen spiele das kaum eine Rolle, so Richard Hartinger. „Aber das hat nun mal Tradition bei uns, und die will ich nicht aufgeben! Die Leute hier erwarten es außerdem von uns als Süßmosterei. So haben wir angefangen, so machen wir es weiter.“

Seit 1934 stellt Wesergold Direktsäfte her, damals auch noch aus Sauerkirschen und schwarzen Johannisbeeren. Wer heute seine Äpfel auf dem Firmengelände in Exten abliefert – Birnen sind dort nicht mehr gefragt – der nimmt dann zwar nicht den eigenen Saft wieder mit, kann sich aber im Getränkemarkt bedienen. Die hiesigen Äpfel ergänzen die Lieferungen aus dem Alten Land.

„Alles in allem wollen die Kunden, die unsere Direktsäfte kaufen, den gleichbleibenden Geschmack“, so Richard Hartinger. „Natürlich schmecken die Säfte trotzdem immer etwas anders, das hängt auch von den Temperaturen im Sommer ab.“ Am Unternehmensstandort in Dodow in Mecklenburg-Vorpommern, wo die Firma 900 Hektar Land selbst bebaut und überhaupt viel mehr Streuobstwiesen existieren als hierzulande, variiert der Geschmack noch etwas mehr, da die privaten Obstwiesen ja nicht sortenrein geführt werden. „Ich persönlich liebe diese Vielfalt“, sagt Hartinger. „An sortenreinen Säften, wie sie mancherorts zum Beispiel nur aus Golden Delicious oder Cox Orange hergestellt werden, läge mir nichts, das finde ich eher langweilig.“

Die Mosterei-Chefs in Ockensen und Rinteln, so unterschiedlich insgesamt ihre Strategien und Kundenkreise sind, sie verbindet eine Sache: Beide mögen sie am liebsten den etwas rauen, säuerlichen Boskop, ohne den sie sich einen richtig wohlschmeckenden Apfelsaft nicht vorstellen können.

So lecker viele alte Apfelsorten auch schmecken können – es gibt genug Sorten, vor allem diejenigen, die wild auf Wiesen und Wegesrändern wachsen, bei denen sich nach einem Biss glatt der Mund zusammenzieht und man die harte Schale gleich wieder ausspuckt. „Gerade aus Sorten, die man nicht unbedingt essen würde, entsteht besonders geschmackvoller Saft“, sagt Olaf Seifert. „Zu süß nämlich sollte Apfelsaft nicht sein, um richtig zu erfrischen.“ Bei ihm können auch Quitten kalt ausgepresst werden, auch so eine Obstsorte, die man nicht direkt aus der Hand isst (man würde sich die Zähne dran ausbeißen), aus der aber fantastische Säfte zum Mischen oder für Gelees entstehen.

Bei Wesergold sind die allermeisten angelieferten Äpfel ebenfalls solche, die nicht in den normalen Verkauf kämen. Was auf den großen Obstplantagen nicht der Tafelobst-Norm entspricht, sei es, weil die Größe nicht stimmt oder weil bereits Druckstellen daran sind, landet in der Saftpresse. „Unsere Mostobstsorten sind immer solche Früchte, die man gar nicht essen würde“, sagt Richard Hartinger.

Umso besser, dass Direktsäfte immer beliebter werden. In Ockensen wird Saft inzwischen auch aus Holunder, Weintrauben, aus Johannisbeeren, Saurer Kirsche, aus Möhren und Roter Beete hergestellt. Wer diese Sorten zum Entsaften vorbeibringen will, muss allerdings mindestens 20 Kilo parat haben, sonst wäre der Aufwand zu groß. Oft tun sich Nachbarn dafür zusammen und lassen sich dann ganz eigene Säfte zusammenmixen.

Der Trester übrigens, die zusammengepressten Abfälle, auch der findet noch eine gute Verwendung. Er kann an Vieh verfüttert werden und auch Jäger aus der Umgebung holen ihn sich ab, um Wildschweine und Rehe an bestimmte Futterstellen zu locken.

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