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Ab 7,50 Meter Land unter in der Altstadt

Das Szenario ist klar: Tauperiode nach einem schneereichen Winter wie 2009/2010, extreme Regenfälle wie 2002 an der Elbe. Wenn dann das Wasser kommt, wird in Rinteln die Altstadt über das Ostertor und die Brennerstraße geflutet. Das Ostertor ist nach den Erkenntnissen des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz in Hildesheim der einzige noch neuralgische Punkt beim Hochwasserschutz der Altstadt. Ab sieben Metern wird es ernst. Das wussten auch die Altvorderen. An den Pfeilern kann man noch heute die Aussparungen für Holzbohlen sehen.

Autor:

Hans Weimann

In Hameln ist die Pfortmühle die Schwachstelle, wo die Weser überschwappen könnte. Doch Thomas Wahmes, Pressesprecher der Stadtverwaltung, schilderte, die Altstadt sei auch bei extremen Wasserständen nicht in Gefahr, weil die Straßen zur Altstadt aufsteigen.

Anders ist die Lage in der Nordstadt von Hameln, wo ein Rückstau über einen Graben einen Wassereinbruch bescheren könnte, ebenso im Bereich der Jugendherberge. Hier werden ab sechs Meter Pegelstand „Sicherungsmaßnahmen“ ergriffen. Als gefährdet wird auch Wehrbergen eingestuft.

Umwelt-Planer Hartmut Deppmeyer von der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz sah bei seinen Berechnungen im August 2002 eine Gefahr für Hamelns Altstadt dann auch erst bei einem „Jahrtausendhochwasser“, wie es Dresden heimgesucht hat. Erst bei Weserpegelständen ab 7,50 Metern würde die Altstadt von Hameln versinken.

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Im Jahr 2004 hat die Stadt Rinteln eine mobile Hochwasserschutzwand angeschafft, die hier vom THW aufgebaut wird.

Auch für die Innenstadt von Hess. Oldendorf sieht Ordnungsamtsleiter Wolfgang Linde keine übermäßigen Risiken bei den üblichen Wasserständen der bisherigen Winterhochwasser. Bis der Platz am Rathaus zur Seenplatte werde, müsse es schon ziemlich dick kommen. In Großenwieden kann man dagegen schon bei einem „normalen“ Hochwasser auf dem Sportplatz Wasserball spielen.

Dipl.-Ingenieur Hartmut Sander vom Hildesheimer Landesbetrieb, Spezialist für Oberflächengewässer, und Bernd Hugo von der unteren Wasserbehörde beim Landkreis Schaumburg, hatten am Dienstag vergangener Woche bei einem Gespräch im Rintelner Rathaus die Hochwassergrenzen aufgezeigt, die mit neuen Computermodellen errechnet worden sind und Grundlage für die geänderten gesetzlichen Überschwemmungsgebiete werden sollen.

Tiefblau leuchtet die Weser, hellblau zeigen Sanders Karten an, welche Dimensionen der Fluss bei Hochwasser erreichen kann. Man geht dabei von einem sogenannten HQ 100 aus, einem Hochwasserereignis, das alle 100 Jahre möglich sein könnte.

Zum Vergleich: Das Hochwasser 1995, das die Keller rund um das Schulzentrum in der Walter-Maack-Straße und Wilhelm-Ande-Straße geflutet hat und am Ostertor bis zur Abzweigung am Bären stand, war gerade mal ein HK 25, ein Hochwasserereignis, das alle 25 Jahre zu erwarten ist. Weserhöchststand damals: 6,62 Meter. Im Januar 1987 waren es 6,47 Meter, zum Jahresbeginn 2003 stoppte der Weserpegel bei 6,54 Meter.

Nach den neu ermittelten Hochwassergebieten, bei denen die sogenannten „natürlichen“ wie „gesetzlichen“ erstmals identisch sind, ist der Steinanger Hochwassergebiet, kein Streitfall mehr für Gutachter wie noch vor vier Jahren, als über eine Bebauung dieses Geländes diskutiert worden ist. Nördlich der Dankerser Straße dagegen darf gebaut werden – hier ist eine Wohnbebauung bereits in Planung.

Tabu bleibt in Rinteln der Bereich der Extertalstraße hinter dem Friedhof. Hier hatte in den neunziger Jahren Marktkauf umsiedeln wollen und war am Einspruch der damaligen Bezirksregierung gescheitert, die das Gelände zum Hochwassergebiet erklärt hatte. Dieser Status wird jetzt festgeschrieben.

Die Anlage von neuen Sportplätzen westlich der Burgfeldsweide wäre nach wie vor möglich, wenn man in Kauf nähme, dass hier bei Hochwasser Land unter ist. Bauten wären nur genehmigungsfähig, wenn sie aufgeständert würden. Eine Reithalle ist hier also kein Thema. Tabu bleibt auch die Zone jenseits des Schildgrabens.

Dass es selbst bei Wasserständen von über sieben Metern die Altstadt so schwer erwischen könnte wie zu Kriegsende, kann sich niemand vorstellen. Damals rollte eine Hochwasserwelle von 7,88 Metern die Weser hinab. Ausgelöst worden ist aber die Katastrophe durch mehrere unglückliche Faktoren: Die gesprengte Weserbrücke lag im Wasser, davor staute sich Eisgang, beides blockierte einen schnellen Hochwasserabfluss, die Flut drückte in die Stadt. Und damals hat es auch keine intakte Edertalsperre gegeben, die Wasser hätte zurückhalten können.

Trotzdem mahnt Rintelns Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz, die Hochwassergefahr der Weser nicht zu unterschätzen: Eine Situation wie an der Elbe könnte auch den Weseranrainern das Fürchten lehren.

Für Rinteln bleibt ein Grundproblem: Die Stadt ist von den Stadtgründern nicht an, sondern in die Weser gebaut worden.

Rinteln hat in den letzten Jahren eine Menge Geld und Know-how in den Hochwasserschutz investiert: Die Hartler Straße ist erhöht worden, wo jetzt der Wohnmobilstellplatz ist, wurde eine Flutmulde ausgehoben. An der Dauestraße hat man das Gelände so angepasst, dass der Wasserabfluss schneller anspringen kann, dazu wurden große Durchlässe geschaffen. Und die Stadt hat 2004 eine 180 Meter lange, mobile Hochwasserschutzwand angeschafft.

Rintelns Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz hatte bereits 2006 bei Umweltminister Hans-Heinrich Sander einen Hochwasseraktionsplan Weser angemahnt, wie er in NRW verwirklicht worden ist. Die jetzt vorliegenden neuen Hochwasserberechnungen sollen der erste Schritt dazu für den Bereich von Rinteln bis Holzminden sein.

Im künftigen Aktionsplan will man ganz praktische Fragen klären: beispielsweise, welche Straßen bei Hochwasser noch befahrbar sind, welche nicht. Was man übrigens über die Gullydeckel ermitteln kann, deren Höhe über Normalnull bei den Abwasserbetrieben gespeichert ist.

Grund zur Panik bei Bauherren, dass mit den neuen Festsetzungen, die 2012 Gesetz werden sollen, auch jede Bautätigkeit an der Weser zum Erliegen kommen könnte, besteht allerdings nicht. Schon bisher, betonte Rintelns Bauamtschef Reinhold Koch, habe sich die Stadt bei Bebauungsplänen an der HQ-100-Linie orientiert.

Außerdem bleibe nach wie vor die Möglichkeit, bei Baumaßnahmen im Detail zu prüfen, ob es Lösungen gibt, trotz Hochwassergefahr zu bauen wie aufständern oder das Ausschachten neuer Flutmulden und Retentionsräume. Auch offene Garagen wären kein Problem: Da läuft das Wasser einfach durch.

So detailliert wie in Rinteln hat man sich offensichtlich weder in Hameln noch Hess. Oldendorf bisher mit den neu vorgestellten Hochwassergrenzen beschäftigt, ergaben gestern mehrere Telefongespräche. Auch beim Landkreis Hameln-Pyrmont war kein informierter Gesprächspartner anzutreffen. Zu hören war nur so viel: Die Pläne seien „im Prinzip“ bekannt und würden jetzt geprüft.

Nach dem Hochwasser ist vor dem Hochwasser. Die Gefahr kommt aus dem Osten und Süden. Blitztauwetter nach einem schneereichen Winter in Thüringen und in der Rhön, dann extreme Regenfälle und an der Weser heißt es „Land unter“. Mit neuen Computermodellen sind mögliche Hochwasserstände der Weser errechnet und Hochwassergrenzen neu festgelegt worden.

Die Hochwasserbereiche auf den neuen Karten sind blau markiert. Bei einer Besprechung im Rintelner Rathaus: Bernd Hugo, Hartmut Sander und Karl-Heinz Buchholz (v.l.). Foto: wm




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