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Überleben können sie nur im Moor-Mosaik

Es ist ein zweifelhafter Ruhm, zu dem es Kreuzottern und Schlingnattern – zwei der insgesamt sechs in Deutschland heimischen Schlangenarten – gebracht haben. Denn auch diese beiden Vertreter der Reptilienfauna stehen bereits seit Langem auf der „Roten Liste“ der im Bestand gefährdeten Arten. Mit der aktuellen Situation der am Steinhuder Meer vorkommenden Populationen und deren Zukunftsaussichten hat sich der Biologe Moritz Wartlick auf Vorschlag und in Zusammenarbeit mit der Ökologischen Schutzstation Steinhuder Meer (ÖSSM) befasst und hierüber eine Diplomarbeit angefertigt.

Der Diplombiologe Moritz Wartlick erläutert die Ergebnisse seine

Von Michael Werk

Vor allem der Verlust an geeigneten Lebensräumen und negative Veränderungen der noch verbliebenen Rückzugsgebiete machen Kreuzottern und Schlingnattern das Überleben schwer, erklärt der 26-Jährige aus dem Rehrener Ortsteil Nordbruch. So sind beide Arten im Bereich der norddeutschen Tiefebene auf das Vorhandensein von halboffenen bis offenen und dennoch reich strukturierten Moor- und Heidegebiete angewiesen, in denen es viele sonnige Plätze und Versteckmöglichkeiten gibt. Außerdem müssen geeignete Beutetiere in Form von etwa Eidechsen und kleinen Nagetieren verfügbar sein. Ungestörte Biotope, die all das bieten, sind inmitten der intensiv genutzten Kulturlandschaft jedoch rar geworden.

Ein weiteres Problem stellt laut Wartlick die seit Jahren zu verzeichnende hohe Bestandszunahme des Schwarzwildes dar, das zu den natürlichen Fressfeinden dieser Schlangen gehört. Dabei graben die mit einem ausgeprägten Geruchsinn ausgestatteten Wildschweine sogar überwinternde Kreuzottern und Schlingnattern aus ihren Verstecken aus. Und je mehr Schwarzwild es gibt, desto stärker werden die Schlangen von ihm bejagt; in der Ökologie spricht man dann von großem Feinddruck.

Bei den Kreuzottern (zu erkennen an einem durchgehenden, dunklen Zickzackband auf dem Rücken und den senkrechten Pupillen der Augen) kommt hinzu, dass diese in früheren Zeiten stark unter der Verfolgung durch den Menschen gelitten haben: Noch Anfang des 20. Jahrhunderts seien in Deutschland regelrechte „Kopfgelder“ auf diese Art ausgesetzt worden, weiß der Diplombiologe. „Das hat schon damals zu enormen Bestandseinbrüchen geführt.“ Ursächlich für den Verfolgungswahn durch den Menschen waren letztlich dessen übersteigerte Angst vor diesen giftigen Reptilien sowie dessen Unwissenheit hinsichtlich der tatsächlichen Gefährlichkeit der Kreuzottern: „Man muss eine Kreuzotter schon sehr reizen oder auf sie drauf treten, bevor das Tier beißt“, relativiert der Experte. Und das dabei von der Schlange injizierte Gift sei so schwach, dass ein Biss in der Regel nicht tödlich sei.

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  • Auf solchen abgetorften Moorflächen finden die Kreuzottern und Schlingnattern keine Lebensgrundlage mehr vor.
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  • Noch seltener als die normal gefärbten Kreuzottern sind deren „melanistische“, dunkle, Farbvarianten, die im Volksmund früher als „Höllenottern“ bezeichnet wurden. Rund neun Prozent der von Wartlick gefundenen Kreuzottern entsprechen dieser Laune der Natur. Fotos: wk

Um herauszufinden, wie es heute um die Kreuzottern und Schlingnattern des Toten Moores steht, hat Wartlick den nordöstlichen Teil dieses Gebietes in der Zeit von März bis November vergangenen Jahres quasi wortwörtlich unter die Lupe genommen. An insgesamt 126 Tagen durchstreifte er das rund 443 Hektar messende Untersuchungsgebiet – so groß wie ungefähr 443 Fußballfelder –, das zu etwas mehr als 40 Prozent aus bereits abgetorften Moorbereichen besteht.

Dabei war er meistens morgens und in den Vormittagsstunden unterwegs, wenn insbesondere die Kreuzottern mit dem Tanken von Sonnenenergie beschäftigt waren, um auf ihre „Betriebstemperatur“ von zirka 30 Grad Celsius zu kommen. Nur bei kühler Witterung unternahm er seine Kontrollgänge auch später am Tag, da sich die wechselwarmen Tiere bei zu großer Hitze wieder in ihre Verstecke zurückziehen.

„Das war schon eine Sisyphusarbeit“, berichtet Wartlick. Denn zum einen ist die Tarnfärbung der beiden Schlangenarten perfekt an deren Lebensraum angepasst. Zum anderen sind die Tiere sehr scheu und verkriechen sich lautlos, wenn sie die Annäherung des Menschen – etwa durch den sich über den Boden ausbreitenden Trittschall – bemerken. Die sich von den Kreuzottern durch eine nur undeutliche Fleckenzeichnung auf dem Rücken und runde Pupillen unterscheidbaren Schlingnattern haben zudem eine deutlich verstecktere Lebensweise. Auch sonnen sich die Tiere weniger als Kreuzottern, und wenn, dann tun sie dies häufig innerhalb der Vegetation, wo sie nur schwer zu entdecken sind. Mit der Zeit habe er aber ein Auge für die Untersuchungsobjekte bekommen und auch ein Gefühl dafür entwickelt, welche Plätze von ihnen bevorzugt werden, verrät der Diplombiologe.

Unterm Strich konnte Wartlick bei seinen Exkursionen ins Tote Moor 124 verschiedene Schlangen feststellen: 76 Kreuzottern und 48 Schlingnattern. Die Identifikation der einzelnen Tiere erfolgte jeweils anhand der Zeichnung und Schuppenanordnung auf ihrer Kopfoberseite, der sogenannten Pileusbeschilderung, die der damalige Student mittels Digitalkamera und starkem Telezoomobjektiv aus ein paar Metern Entfernung fotografierte. Insbesondere bei den Kreuzottern sei die Beschilderung der Kopfoberseite ähnlich individuell wie der Fingerabdruck eines Menschen, so der Schlangenfachmann.

Beim Wiederauffinden der Sonnenplätze half dem Feldforscher ferner ein GPS-Gerät, mit dem er die Koordinaten der jeweiligen Standorte festhielt. Insgesamt konnte er im Laufe der neun Monate 369 Kreuzotter- und 78 Schlingnatterbeobachtungen in seinem Notizbuch vermerken.

Zum Vergleich: Bei einer zehn Jahre zuvor von einer Biologiestudentin durchgeführten Bestandserhebung für eine ähnliche, ebenfalls von der ÖSSM initiierten Diplomarbeit, wurden mehr Kreuzottern (97 Exemplare) und weniger Schlingnattern (31 Exemplare) ermittelt. Die Anzahl der – in dem damals elf Monate umfassenden Untersuchungszeitraum – gemachten Beobachtungen wiederum betrug bei den Kreuzottern beachtliche 1001 Sichtungen, bei den Schlingnattern indes nur 72 Sichtungen.

Eine konkrete Aussage zur Bestandsentwicklung der beiden Arten lässt sich aus der Gegenüberstellung der beiden Studien zwar nicht ableiten, da die unterschiedlichen Ergebnisse auch Folge von natürlichen Schwankungen sein können, erläutert Wartlick. „Was man aber sagen kann, ist, dass es im Untersuchungsgebiet immer noch Kreuzottern und Schlingnattern gibt, wobei nur dort Schlangen gefunden wurden, wo die letzte Abtorfung mindestens zehn Jahre zurückliegt.“

Zudem habe es aufgrund von Veränderung des Landschaftsbildes beziehungsweise wegen neu entstandener halboffener Flächen teilweise räumliche Verlagerungen der Populationen gegeben. Die als Lebensraum für Kreuzottern und Schlingnattern geeignete Fläche selbst ist heute um 31 Hektar größer als noch vor zehn Jahren.

„Solange es im Toten Moor trotz der Abtorfungsflächen noch ein vernetztes Mosaik aus besiedelbaren Flächen gibt, ist ein Fortbestehen der dortigen Kreuzotter- und Schlingnatterpopulationen wahrscheinlich, wenn die Flächen den Bedürfnissen der Schlangen entsprechend gepflegt werden“, zieht Wartlick als Fazit aus seinen Feldforschungen. „Die Naturschutzarbeiten sollten sich dabei auf diejenigen Bereiche konzentrieren, in denen noch Schlangen gefunden worden sind, und der Waldbildung sollte entgegengewirkt werden.“ So sei es etwa erforderlich, große Teile des neuen Aufwuchses von Kiefer oder Birke regelmäßig zu entfernen.

Die Ergebnisse aus Wartlicks Diplomarbeit werden nun von der ÖSSM aufgearbeitet und in spezielle Artenschutzvorschläge eingearbeitet, berichtet dessen wissenschaftlicher Leiter Thomas Brandt. Zusammen mit der Region Hannover als zuständige Behörde sollen die vorgeschlagenen Naturschutzmaßnahmen möglichst bald umgesetzt werden, um die seltenen Tiere vor dem Aussterben zu bewahren. Mit den gravierenden Landschaftsveränderungen durch den Torfabbau müsse der Naturschutz dagegen noch mindestens 20 Jahre lang leben, da die dafür erteilten behördlichen Genehmigungen noch bis zum Jahr 2030 Gültigkeit haben.

Für die ÖSSM war es ein Glücksfall, mit Wartlick einen Studenten gefunden zu haben, der sich des schwierigen Themas angenommen hat, resümiert Brandt und bescheinigt dem 26-Jährigen eine „hervorragende Arbeit“: „Schlangen sind eine sehr schwierig zu bearbeitende Tiergruppe, für die man mehr Fingerspitzengefühl benötigt als für die meisten anderen Tierarten.“ Die Diplomarbeit von Wartlick war die mittlerweile 47. studentische Abschlussarbeit, die von der ÖSSM initiiert und betreut wurde.

Mit genauem Auge und viel Fingerspitzengefühl hat sich ein junger Biologe eine der schwierigsten Tiergruppen zur Beobachtung ausgesucht: heimische Schlangen. Kreuzotter und Schlingnattern kommen zum Beispiel am Steinhuder Meer vor – doch ihre Bestände sind gefährdet.

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