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Über eine Million Jahre für 600 Kilometer

Unbeweglich schwer liegen die großen Steine an Feldwegen, auf Äckern oder in Vorgärten. Einige haben schroffe tiefe Riefen, andere glatt geschliffene Seitenflächen. Oftmals sind sie von Algen- und Flechtenwuchs überzogen. Werden sie von der Sonne beschienen, glitzern Quarzeinschlüsse, und bei näherer Betrachtung ist die Farbenvielfalt der unterschiedlichen Arten gut zu erkennen. Heidedichter Hermann Löns hat seine letzte Ruhestätte unter einem dieser Steine gefunden. Andere ihrer Art erinnern als Denkmale an besondere Ereignisse. So zum Beispiel im Stift Fischbeck, wo ein Findling anlässlich eines Besuchs des letzten Deutschen Kaisers aufgestellt wurde oder vor der Rintelner Realschule, wo ein Findling an die in den Weltkriegen gefallenen Schüler erinnert.

Autor:

Frank Neitzund Jessica Rodenbeck

Als Findlinge werden einzeln lagernde, aus dem Erdreich freigelegte Steine bezeichnet, die zu ihrer heutigen Lage erst verdriftet wurden. Deshalb werden sie auch als „Erratische Blöcke“ oder „Erratiker“ bezeichnet. Diese Namen leiten sich vom lateinischen Wort „erraticus“ ab, was „umherirrend“ bedeutet. Und tatsächlich kommen sie in vielen Fällen von weit her und haben sich gewissermaßen in die Norddeutsche Tiefebene verirrt.

So hat auch einer der größten norddeutschen Findlinge einen weiten Weg hinter sich. Seit 1999 liegt er im hamburgischen Övelgönne am dortigen Elbufer: 217 Tonnen Gewicht und 19,70 Meter Umfang zeichnen diesen Koloss aus. Er ist 7,90 lang, 5,20 tief und 4,50 Meter hoch. „Alter Schwede“ wird der steinerne Koloss genannt, der 1999 bei Baggerarbeiten zur Fahrrinnenvertiefung der Elbe geborgen wurde. Sein Taufname „Alter Schwede“ sagt dabei aber viel mehr aus, als bloß das Erstaunen über die Größe dieses Steines. Alt ist er natürlich, sprichwörtlich sogar steinalt: Rund 1,8 Milliarden Jahre. Und Schweden? Da kommt er her. Ursprünglich stammt der steinerne Granit-Riese aus der Gegend um Växjö in der Provinz Småland und wurde vor 400 000 Jahren während der Elster-Eiszeit durch einen Gletschertransport nach Norddeutschland verbracht.

Nicht ganz so groß, aber doch beeindruckend ist der größte Findling im Findlingsgarten Möllenbeck. 2,40 Meter breit, 2,10 Meter hoch und immerhin 1,50 Meter tief ist der Stein, der mit insgesamt 31 weiteren Findlingen auf einer Ausstellungsfläche bewundert werden kann. Alle Steine, die im Findlingsgarten gezeigt werden, wurden im Rahmen des Kies- und Sandabbaus des Kieswerks Wilhelm Reese zu Tage gebracht. Neben Erläuterungen zu den einzelnen Steinen findet der Besucher auch ausführliche Informationen darüber, wie die Steine von Skandinavien bis ins Weserbergland gelangen konnten.

Doch nicht nur während des Kiesabbaus, auch bei Straßenarbeiten werden immer wieder Findlinge entdeckt. So auch in diesem Sommer bei Straßenbauarbeiten in Fischbeck: 2,80 Meter lang, 1,80 Meter hoch und 20 Tonnen schwer ist der dort geborgene Stein. „Bei der Größe handelt es sich automatisch um ein geologisches Naturdenkmal“, erklärt Dr. Klaus-Dieter Meyer vom Landesamt für Bergbau und Geologie. „Er muss eigentlich vom Landesamt für Bergbau und Geologie entsprechend bearbeitet werden.“ Der Geologe gilt als Experte für Findlinge und war bis zu seiner Pensionierung vor zehn Jahren in der damals noch „Landesamt für Bodenforschung“ genannten Behörde beschäftigt. Die genaue Anzahl der von ihm begutachteten Findlinge kennt der 75-Jährige nicht: „Hunderte, viele Hunderte“ seien es.

Während einige Quellen Steine ab einem Volumen von einem Kubikmeter erst als Findling bezeichnen, zählt für den Spezialisten auch ein kopfgroßes Gestein zu den Findlingen. Meyer stellt sich schon auf einen Besuch in Fischbeck ein: „Weil es in diesem Haus keinen Spezialisten mehr gibt, werden die Kollegen mir das zukommen lassen. Dann landet es doch wieder bei mir,“ sagt er. „Der Stein wird mindestens eine Milliarde Jahre alt sein, und das ist noch wenig. Das Grundgebirge Skandinaviens ist ungefähr drei Milliarden Jahre alt, und die ältesten Steine, die wir aus Skandinavien als Geschiebe hier haben, sind zwei Milliarden Jahre alt“, so Meyer.

Die meisten der in unseren Breiten vorkommenden Findlinge wurden während der Saale-Eiszeit vor 250 000 bis 130 000 Jahren durch Gletscher aus Skandinavien transportiert. Die Gletscher waren damals aus dem Gebirge herausgetreten und hatten sich zu einer großen Inland-Eismasse vereinigt. Die maximale Eisrandlage der Saale-Eiszeit erreichte Amsterdam, den Randbereich des Ruhrgebietes, Paderborn, das Weserbergland, die flache Umgebung des Harzes und das Thüringer Becken.

Neben Findlingen aus Granit, das bei der Erstarrung von Gesteinsschmelzen innerhalb der Erdkruste entsteht, gehören häufig auch Gneise zu den hiesigen Findlingen. Gneis ist ein metamorphes Gestein, das unter großem Druck und Hitze umgewandelt wurde und dadurch eine Struktur bekam. „Außer den Steinen ist ganz gewöhnlicher Sand und Ton, also geriebenes Gestein, mitgetragen worden“, erklärt Meyer. Diese eiszeitlichen Schichten wurden bei uns in Niedersachsen bis zu 500 Meter mächtig. „Denkt man sich den ganzen ,Dreck‘ weg, wäre heute bis zum Deister alles Meer“, so Meyer. Glatt geschliffene Flächen und tiefe Kratzer zeugen von den gewaltigen Kräften, denen die Findlinge als Geschiebe auf ihrer rund 600 Kilometer langen Reise ausgesetzt waren. Über die Geschwindigkeit, mit der die Gesteine mit der Moräne fortbewegt wurden, kann nur spekuliert werden. Es dürften nur einige Dezimeter pro Jahr gewesen sein.

Neben der Entdeckung bei Bauarbeiten oder beim Kiesabbau stoßen auch immer wieder landwirtschaftliche Maschinen im wahrsten Sinne auf Granit. Erst in diesem Jahr hat der Landwirt Heinrich Struckmeier auf diesem Weg einen rund vier Tonnen schweren Findling entdeckt. Seit 1982 beackert der Obernkirchener das betroffene Feld jetzt schon, auf den Stein aufmerksam wurde er aber erstmals vor etwa vier Jahren. „Da habe ich mir auf einmal ein paar Schrauben an der Maschine abgerissen“, erinnert er sich. Wieso es so lange dauerte, bis der Stein entdeckt wurde, weiß seine Frau Karin. „Die Steine wachsen“, sagt sie. Damit meint sie nicht etwa, dass die Steine im Laufe der Zeit größer werden, sondern vielmehr dass sie im Laufe der Jahre „nach oben wachsen“, also sich der Erdoberfläche annähern. Das bestätigt auch Steinexperte Meyer: „Die Steine frieren nach und nach hoch“, sagt er.

Als Struckmeier dann in diesem Jahr wieder auf den Stein gestoßen ist, beschloss er, ihn endlich zu bergen. „Das war gar nicht so einfach“, erzählt er. Der Findling habe zwar nur 20 Zentimeter unter der Erdoberfläche gelegen, trotzdem hätten sich selbst die großen Trecker schwer damit getan, ihn zu heben. Erst ein herbeigerufener Bagger konnte helfen und den mittlerweile freigelegten Stein zumindest auf die nächstgelegene Grasfläche transportieren.

Obwohl der Landwirt bei seiner Arbeit immer wieder auf kleine und größere Steine stößt, war dieser Fund auch für ihn etwas Besonderes. „Es war das erste Mal, dass ich wirklich einen Findling gefunden habe“, sagt er. Sonst seien es vor allem kleinere Sandsteinplatten, die bei der Arbeit zutage kommen. In Zukunft soll der Findling die Hofzufahrt der Familie zieren, allerdings ist Struckmeier gerade noch dabei zu tüfteln, wie er ihn dort hinbekommt.

Diese Probleme kennt auch der Landwirt Fritz Söhlke aus Barksen. Bei Drainagearbeiten stieß eine Maschine Ende der 80er Jahre in 80 Zentimeter Tiefe auf einen ganz dicken Brocken. Zwei Jahre lang lag der Findling dann neben dem Acker, bis er erneut verdriftet wurde: Unter Mithilfe Britischer Pioniere wurde der 20 Tonnen schwere Granitfindling auf Söhlkes landwirtschaftliches Anwesen transportiert und liegt heute als Schmuckstück für jeden sichtbar im Vorgarten.

Nicht alle Findlinge, die in der Region gefunden werden, stammen zwingend aus Skandinavien. Es gibt auch Findlinge, die im hiesigen Weserraum entstanden sind und entgegen der Nord-Süd-Route transportiert wurden – durch die Weser. In Urzeiten floss diese hinter Hameln erst Richtung Hannover, bog dort nach Westen über Osnabrück ab und mündete im Bereich der Niederlande in der Nordsee. „In Weserkiesen an der Ems habe ich metergroße Blöcke gefunden, die von der alten Weser dorthin geschleift wurden. Da kann man sich mal vorstellen, was die alten Flüsse für eine Dynamik hatten“, sagt Meyer und ergänzt aus Geologensicht: „Zum Glück.“

Überall in der Region sind sie zu sehen – als Denkmale, zu Deko-Zwecken oder auch einfach in der freien Natur: Findlinge. Die steinernen Kolosse sind dabei stumme Zeugen einer Zeitspanne, die für den Menschen schwer vorstellbar ist. Sie haben Millionen Jahre auf dem Buckel, und viele von ihnen machten sich sogar von Skandinavien auf den Weg ins Weserbergland.

Sooo groß! Der zweijährige Henri ist beeindruckt vom Findling in Barksen.

Foto: fn




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