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Hochwasser 1946 war eine Katastrophe für Lügde / Immer wieder drangen Emmerfluten in die Stadt

Über 200 Kühe lagen ertrunken in den Ställen

Lügde ist seit Gründung der befestigten Stadt um 1240 immer wieder von Hochwasserkatastrophen betroffen worden. Die tiefe Lage der Stadt im Talkessel und ihre Anlage als mittelalterliche Festung mit Wasserumfluss durch die Emmer und den Wallgraben brachten für Lügde schon immer die Gefahr der Überschwemmungen mit sich, denn die Emmer tritt oft mehrmals im Jahr über ihre Ufer und überschwemmt dann weite Gebiete.

Autor:

Dieter Stumpe

Der Januar 1946 war sehr frostreich. Später fiel auf den gefrorenen Boden eine nicht unbeträchtliche Schneemenge. Anfang Februar 1946 aber setzte Tauwetter ein und brachte die Schneemassen zum Schmelzen. Innerhalb weniger Tage führten alle Bäche und Nebenflüsse der Emmer dieser so viel Wasser zu, dass sie über die Ufer trat und weite Flächen überschwemmte. Bei Beginn der zweiten Woche des Februars standen die bekannten Überschwemmungsgebiete innerhalb der Stadt (Kanalstraße, An der Mauer, Teile der Hinteren/ Vorderen Straße) und die anderen tiefer gelegenen Flächen wie meist alljährlich unter Wasser. Der Regen dauerte an, und das Wasser innerhalb der Stadt stieg langsam immer höher.

Das Wasser stieg

höher und höher

Am Montagabend war über die Hälfte der Stadt von einer Wasserfläche bedeckt. Der Regen hörte auf, und bis Donnerstag, 7. Februar, war das Wasser dann bis auf einen Teil in der Kanalstraße abgeflossen. Starker Regen ließ dann am Freitag, dem 8. Fe-bruar, die Emmer wieder weiter anschwellen, so stark, dass am Mühlenhoftor große Wassermassen in die Stadt eindrangen und zunächst den unteren Teil der Hinteren und Mittleren Straße bedeckten. Sehr rasch waren bald auch die bekannten anderen Flächen der Stadt mit Wasserflächen bedeckt. Die bei drohendem Hochwasser üblichen Absperrungen und Abdichtungen an den Toren und Mauerdurchlässen waren rechtzeitig geschlossen worden und wurden nun laufend überprüft und, wenn nötig, ergänzt. Bei Einbruch der Dunkelheit stand zwar überall Wasser in der Stadt, aber man konnte die meisten Straßen mit Stiefeln noch ohne Schwierigkeiten überqueren. Doch draußen, außerhalb der Stadtmauer wuchs die Gefahr, das Wasser stieg höher und höher.

Dann allerdings nahm das Schicksal seinen Lauf, als nämlich das Wasser von Süden her, vor und hinter dem Gasthaus Spilker, über den alten Wall in die Kleine Emmer floss und diese rasch auffüllte. Nun war die Altstadt wie eine Insel von allen Seiten vom Hochwasser eingeschlossen. Die bange Frage machte die Runde: Hält die Stadtmauer?

2 Bilder
Noch 1955 auf der Vorderen Straße möglich.

Zunächst floss das Wasser am Hägischen Tor über die Mauer, da die Mauer hier am niedrigsten war. Kurze Zeit später brachen Teile der Stadtmauer unter dem Druck der Wassermassen in der Nähe Wichernhaus ein. Das Wasser ergoss sich nun ungehindert in die Stadt. Am Oberen Tor überstieg das Wasser den vermeintlich genügend hohen Damm.

Auch der Damm am Brückentor wurde überspült, und nun rauschte das Wasser von allen Seiten in die Stadt. Mittlerweile war völlige Dunkelheit eingetreten. Gegen 18 Uhr bekamen die tiefer gelegenen Stadtteile das erste Wasser in die Häuser. Nur mit Mühe konnte man das Notwendigste in die höher gelegenen Stockwerke bringen, denn innerhalb einer halben Stunde war die gesamte Innenstadt stellenweise 1,70 m bis 2,40 m in eine einzige Wasserflut getaucht.

Unbeschreibliche Szenen spielten sich vor allem in den landwirtschaftlich genutzten Häusern ab. Das meistens angekettete Vieh in den Ställen schrie und brüllte in Todesangst. Doch kaum jemand konnte den Tieren helfen, denn durch den zeitweiligen Stromausfall herrschte in den Ställen völlige Dunkelheit. So war es kaum möglich, in die Stallungen zu gelangen, um die Tiere loszubinden. Auch ließen sich die Türen durch den einseitigen Wasserdruck kaum bewegen oder öffnen.

Gegen 23 Uhr erreichte das Hochwasser den Höchststand. Als das Wasser der Emmer somit überall außerhalb der Stadtmauer fiel, suchte sich das Wasser, welches nun innerhalb der Stadt, bedingt durch die Stadtmauer, höher stand, selbst einen Abfluss. Die Stadtmauer in der Nähe der Vikarie hielt dem Druck des „Stadtwassers“ nicht stand und brach ein. So konnte der größte Teil des Wassers ab ca. 1 Uhr des 9. Februars unter Getöse abfließen.

Kaum jemand konnte

den Tieren helfen

Als die Schreckensnacht dem Licht des Tages gewichen war, sah man das Ausmaß der Verwüstungen. Auf Kähnen, alten Badewannen und Holztrögen nahm man die ersten Kontakte mit den Nachbarn und den Straßenanliegern auf und versorgte sich gegenseitig mit Lebensmitteln. Erst im Laufe des Spätnachmittags waren die Straßen teilweise wieder frei. In der Innenstadt lagen über 200 Stück Großvieh tot in den Ställen bzw. auf den Straßen, dazu eine große Anzahl von Schweinen und Kleinvieh. Sämtliche Räume der unteren Etagen von den rund 300 Häusern der Innenstadt waren zunächst unbewohnbar geworden. Schränke, Vitrinen und Regale waren umgestürzt. In den Vorratskammern waren die eingemachten Vorräte aus den Regalen gefallen. Zerstört, verdorben und ungenießbar lag alles wild herum und durcheinander.

Überall lag bis zu fünf Zentimeter hoher Schlamm, kein Raum, kein Möbelstück, war davon verschont worden. In vielen Häusern waren die Fachwerkwände eingedrückt. Die Straßen waren übersät mit Steinen, Schlamm, Unrat und Holz. Sehr rasch begannen die Landwirte mit dem Abtransport der Kadaver der Großtiere zum Bleich- bzw. Waschplatz vor dem Brückentor. Der Gesamtschaden in der Stadt wurde damals auf weit über eine Million Reichsmark geschätzt.

Aus der Katastrophe des 8. Februar 1946 zog der Rat der Stadt schnell Lehren. Man baute 1952 eine neue Brücke am Brückentor mit einem Kostenaufwand von 200.000 Mark. Die alte Wehranlage wurde gleichzeitig mit dem Brückenbau um 45 Meter verlängert und ca. 50 cm tiefer gelegt, verbunden mit einer Verbreiterung des Flussbettes.

Stadtmauer garantierte

den Hochwasserschutz

Da es in den folgenden Jahren immer wieder zu Überschwemmungen der tiefer gelegenen Straßen kam, das Regenwasser konnte ja wegen des hohen Wasserstandes der Emmer nicht abfließen, wurde 1957 durch die Errichtung eines Pumpwerkes an der Kleinen Emmer hinter der Vikarie mit einem Kostenaufwand von 92.000 Mark dieser Missstand beseitigt. Durch dieses Pumpwerk wird das Wasser der Kleinen Emmer und auch das Oberflächenwasser aus der Innenstadt abgepumpt. Später, nach Einstellung des Mühlenbetriebes, wurden der Mühlengraben zugefüllt und die Wehranlage neu konzipiert und der Wasserspiegel nochmals um 40 cm abgesenkt. Bei der Errichtung der Stadt im 13. Jahrhundert garantierte die Stadtmauer schon damals nicht nur Wehrfestigkeit, sondern auch Hochwasserschutz. Daher konnte man, als die Wehrfestigkeit im ausgehenden Mittelalter nicht mehr gegeben war, die Stadtmauer, wie in vielen alten Städten, nicht abreißen. Allein dieser Tatsache, dass die Mauer auch weiterhin als Hochwasserschutz erforderlich ist, ist es zu verdanken, das Lügde heute noch von dieser mittelalterlichen Schutzmauer von ca. 1550 Metern Länge umgeben ist.




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