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Zwei 93-jährige SS-Männer aus Auschwitz sind wegen NS-Verbrechen angeklagt

470 000 Morde

Die deutsche Justiz beschäftigt sich mit zwei der letzten großen NS-Kriegsverbrecherfälle. Zwei alte Männer, beide sind 93 Jahre alt, werden von ihrer SS-Vergangenheit im Vernichtungslager Auschwitz eingeholt. Während der eine Prozess am 21. April in Lüneburg beginnt, ist im zweiten Fall gegen einen Mann aus Lage Anklage erhoben worden.

Autor:

von Oliver Pietschmann

Solche Verfahren Jahrzehnte nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau wurden möglich, weil die Justiz seit dem Urteil gegen den ukrainischen KZ-Aufseher John Demjanjuk 2011 nicht mehr darauf besteht, individuelle Schuld nachzuweisen – was oft unmöglich ist. Die Ludwigsburger Zentralstelle war nach dem Prozess gegen Demjanjuk der Frage nachgegangen, ob es weitere niedere Ränge der SS-Wachmannschaften gebe, die belangt werden könnten. Demjanjuk war 2011 wegen Beihilfe zum Mord in Tausenden Fällen im Vernichtungslager Sobibor verurteilt worden. Dabei reichte die Tatsache, dass er als Wärter Teil der Vernichtungsmaschine war. Das Urteil wurde allerdings nie rechtskräftig, Demjanjuk starb vor der Entscheidung des Bundesgerichtshofs.

Der NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg zufolge wurde im Zuge dieses Verfahrens aber die Rechtslage neu beurteilt. Es reicht aus, dass ein Beschuldigter dazu beigetragen hat, dass die Tötungsmaschinerie funktionierte – egal, ob direkt als Aufseher bei den Gaskammern oder indirekt etwa als Koch. Der NS-Fahndungsstelle zufolge wurden nach der Neubeurteilung der Rechtslage bundesweit 49 Verfahren gegen mögliche NS-Verbrecher eingeleitet. Eine Vielzahl sei jedoch wegen Verhandlungsunfähigkeit der Beschuldigten eingestellt worden. Gegen wie viele mutmaßliche Täter noch ermittelt wird, konnte die Fahndungsstelle nicht sagen. Die beiden jetzt bekannt gewordenen Fälle:

Oskar G. soll an

300 000 Morden beteiligt gewesen sein

Die Staatsanwaltschaft Hannover wirft dem früheren SS-Unterscharführer Oskar G. vor, im Frühjahr 1944 im Konzentrationslager Auschwitz Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen geleistet zu haben. Das Landgericht Lüneburg hat für das Verfahren bereits 27 Termine vorgesehen. Der Angeklagte war für das Gepäck der verschleppten Menschen auf der Bahnrampe von Auschwitz mit zuständig und verbuchte das Geld, das sie bei sich hatten. Nach den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft hat er Spuren der Massentötung verwischt, indem er half, Gepäck wegzuschaffen. Dabei sei ihm bewusst gewesen, dass die bei der Selektion als nicht arbeitsfähig eingestuften Häftlinge nach ihrer Ankunft in Gaskammern ermordet wurden. Er habe dem NS-Regime wirtschaftliche Vorteile verschafft und die systematische Tötung von Menschen unterstützt. Durch seine Arbeit habe er das systematische Morden unterstützt, lautet der Vorwurf.

Die Anklage beschränkt sich auf den Zeitraum der sogenannten „Ungarn-Aktion“. Zwischen dem 16. Mai und 11. Juli 1944 trafen in Auschwitz mindestens 137 Eisenbahntransporte mit rund 425 000 Menschen aus Ungarn ein, von denen mindestens 300 000 in den Gaskammern getötet wurden. Das Verfahren stößt laut Gericht auf internationales Medieninteresse. Mittlerweile hätten sich zudem 55 Nebenkläger unter anderem aus den USA, Kanada, Ungarn oder Israel angeschlossen, heißt es. Unter ihnen sind nach Angaben ihres Anwaltes Menschen, die als Kinder und Jugendliche das Lager Auschwitz durchlitten haben, und Angehörige von Ermordeten.

Frühere Ermittlungen gegen Oskar G. hatte den Angaben zufolge die Staatsanwaltschaft Frankfurt 1985 mangels Beweises eingestellt. Das jetzt von der Staatsanwaltschaft Hannover angestrengte Verfahren geht auf Ermittlungen der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg zurück. Diese hatten vor einem Jahr zu bundesweiten Untersuchungen von Wohnungen ehemaliger SS-Angehöriger geführt.

Bei der in Niedersachsen für die Verfolgung von NS-Verbrechen zuständigen Staatsanwaltschaft Hannover waren nach eigenen Angaben neben dem Verfahren gegen Oskar G. drei weitere Ermittlungsverfahren gegen ehemalige SS-Angehörige aus dem Lager Auschwitz anhängig. Diese wurden aber wegen Todes oder dauerhafter Verhandlungsunfähigkeit der Tatverdächtigen eingestellt.

Überlebende des Holocaust haben bereits angekündigt, in dem Lüneburger Prozess den Horror des Vernichtungslagers schildern zu wollen. Kritiker bemängelten, dass solch ein Prozess Jahrzehnte zu spät kommt. Täter seien über die Jahre hinweg straffrei geblieben. Auschwitz-Birkenau war das größte der deutschen Vernichtungslager. Mehr als eine Million meist jüdischer Häftlinge wurden ermordet.

Rentner aus Lage

bestreitet Beteiligung am Massenmord

Gegen einen 93-jährigen Mann aus dem nordrhein-westfälischen Lage hat die Staatsanwaltschaft Dortmund Anklage wegen Beihilfe zum Mord im NS-Vernichtungslager Auschwitz erhoben. Das Landgericht Detmold entscheidet jedoch erst frühestens Ende März über die Zulassung der Klage. Der frühere SS-Mann soll im Januar 1942 in das KZ im damals deutsch besetzten Polen versetzt worden und unter anderem für die Bewachung des Lagers Auschwitz I zuständig gewesen sein. Als Angehöriger der Wachmannschaft soll er an der Tötung von mindestens 170 000 Menschen in der Zeit von Januar 1943 bis Juni 1944 beteiligt gewesen sein. Der Rentner bestreitet dies.

Der SS-Mann soll unter anderem bei Transporten die Ausladung und Selektion der Gefangenen bewacht haben. Er habe laut Anklage mit seiner Wachdiensttätigkeit die vieltausendfach geschehenen Tötungen der Lagerinsassen durch die Haupttäter fördern oder zumindest erleichtern wollen, erklärte das Gericht. Ihm seien sämtliche Tötungsmethoden bekannt gewesen. Auch müsse ihm bewusst gewesen sein, dass die Lagerinsassen nur dann regelmäßig und in großer Zahl getötet werden konnten, wenn die Opfer durch Gehilfen wie ihn bewacht wurden.

Der Angeklagte hat den Angaben zufolge zwar eingeräumt, in Auschwitz I eingesetzt gewesen zu sein. Er bestreitet jedoch eine Beteiligung an den Tötungen. Die Anklage wirft dem früheren SS-Mann dagegen Beihilfe an regelmäßigen Massenerschießungen und der sogenannten Selektion vor, der Aussonderung von schwachen und kranken Gefangenen, die überwiegend in den Gaskammern getötet wurden. Der Angeklagte hat nach der Zustellung der Anklageschrift vom 10. Februar eine Frist von sechs Wochen, um Stellung zu nehmen. Danach entscheidet das Landgericht über die Eröffnung des Verfahrens. Bei der Staatsanwaltschaft Dortmund ist die nordrhein-westfälische Zentralstelle für die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbrechen angesiedelt.

70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz müssen sich zwei frühere SS-Männer vor Gericht verantworten. Der Vorwurf lautet: Beihilfe zum Mord – in einem Fall in 300 000 Fällen, in dem anderen in 170 000 Fällen. Die beiden Angeklagten sind 93 Jahre alt, sie gehörten während des HitlerRegimes beide der Waffen-SS an.




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