×
Einblicke in die vor 280 Jahren erschienene „Medicinal-Ordnung und Taxen“

2 Reichstaler für die Besichtigung eines Körpers

Die Medici sollen sich eines guten und mäßigen Wandels befleißigen“ heißt es in der 1734 erschienenen „Hoch-Gräflichen Schaumburg-Lippischen Medicinal-Ordnung“. Das neue Paragraphenwerk solle und werde „zum gemeinen Besten“ beitragen und „allen Mißbräuchen vorbauen“. Solch hehre Ziele blieben, wie wir heute wissen, unerreicht. Trotzdem darf das vor 280 Jahren auf den Weg gebrachte Papier als eines der bedeutsamsten und nachhaltigsten heimischen Gesetzesvorhaben gelten.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Zum ersten Mal wurde eine klare Beschreibung der Aufgaben und Pflichten der „bey in rem medicam“ tätigen Berufsgruppen verfasst. Das waren damals neben Apothekern und Hebammen auch zwei Gruppen von Ärzten – die Medici und die Chirurgi. Als Medici bezeichnete man die niedergelassenen Allgemein-Mediziner. Chirurgi waren Heilkundige, die mit der Behandlung äußerer Verletzungen vertraut waren und sich mit der Erstversorgung von Knochenbrüchen und klaffenden Fleischwunden auskannten. Das traf vor allem auf die „Feldscherer“ (kriegserprobte Wundsanitäter) und die nicht selten auf Marktplätzen auftretenden „Bader-Gesellen“ zu.

Mindestens genauso bedeutsam wie das fortschrittlich-fachliche Regelwerk war der neue, in die Medicinal-Ordnung eingeflossene gesundheitspolitische Denkansatz. Die ärztliche Versorgung sollte nicht mehr ausschließlich als Gnadenakt, sondern als Menschenrecht betrachtet und bewertet werden. Bislang waren die Untertanen den Folgen von Krieg, Hunger, Seuchen und den katastrophalen hygienischen Verhältnissen hilflos ausgeliefert gewesen. Ob jemand gesund oder krank war und wie lange er auf dieser Welt weilen durfte, galt als gottgewollt-schicksalhafte Fügung.

Zu Ohnmacht und Abhängigkeit kam über Jahrhunderte hinweg der Mangel an medizinischer Versorgung. Für Linderung sorgte allenfalls die Heilkraft von Pflanzenblättern, -blüten und/oder -wurzeln. Erst im Laufe des späten Mittelalters traten mehr oder weniger seriöse und/oder gut ausgebildete Heilkundige auf den Plan. Der erste „richtige“ Arzt und der erste „richtige“ Apotheker hat sich den Überlieferungen zufolge Ende des 16. Jahrhunderts in der damaligen Residenzmetropole Stadthagen niedergelassen. Einige Zeit später soll es auch in Bückeburg, Rinteln und (Hessisch) Oldendorf so weit gewesen sein. Das platte Land blieb bis in die jüngste Vergangenheit hinein „praxisfrei“.

Anfang des 18. Jahrhunderts begann, ausgelöst durch die Ideen und Ideale der Aufklärung, eine neue Epoche. Man fing an, die Untertanen als Mitmenschen zu betrachten. Fortschrittlich denkende Landesherren dachten über ihre Verantwortung in puncto Gesundheitsfürsorge nach. Zur praktischen Ausformung und Umsetzung wurden spezielle Sachverständigengremien (Collegii Medici) ins Leben gerufen.

Als einer der Ersten nahm sich auch der seit 1728 im Bückeburger Schloss amtierende Albrecht Wolfgang des Themas an. Das war kein Zufall. Der Graf war am Londoner Hof aufgewachsen, damals ein Zentrum der europäischen Aufklärung. Einige Zeit später traten ähnliche, zuvor bereits in den kurhessischen Stammlanden geltende Vorschriften auch in der benachbarten Grafschaft Schaumburg in Kraft. Die Regelung der Fachfragen wurde der Medizinischen Fakultät der Academia Ernestina in Rinteln übertragen.

Wie viel damals was gekostet hat

Der für die Untertanen interessante Teil der Medicinal-Ordnungen waren die Vergütungsregelungen. Aus der Bückeburger „Taxa“-Auflistung wird deutlich, wie preiswert, aber auch wie schlicht und zum Teil geradezu abenteuerlich das medizinische Leistungsvermögen damals war. „Für ein Recept, so aus des Medici Hause gelanget wird“, durfte der Medicos 3 Mgr. (Mariengroschen) verlangen. „Für eine Visite bey Nacht schlafender Zeit“ musste der Patient „4 Mgr. bis 1 Rthlr.“ (Reichstaler) bezahlen. Die „Besichtigung eines Körpers, sammt dem Berichte“, kostete 2 Rthlr. Für den Fall, dass „selbiger Körper zugleich geöffnet wird“, war der doppelte Betrag fällig.

Etwas mehr durften die Chirurgi für ihre naturgemäß groben und nicht selten unappetitlichen Handreichungen in Rechnung stellen. Für „einen Aderlaß in des Patienten Hause“ bekamen sie 4 bis 6 Mgr. Eine „beinschrötige Wunde zu heilen, wohin auch die Absetzung der Glieder gehört“ kassierten sie – je nach Aufwand – 5,10 oder gar 15 Rthlr. Und „für eine gefährliche Haupt-Wunde, da der Cranium (Schädel) und Pericranium (Kopfknochenhaut) verletzt und eingedruckt, auch wohl eine Fissur (Riss) vorhanden“, musste der Patient (oder seine Hinterbliebenen) 6, 8 oder auch 10 Rthlr. auf den Tisch legen.

Mit den in der Taxa festgelegten Werten müssten sich die Medici und Chirurgi begnügen, heißt es in einem erläuternden Hinweis. „Armen aber werden sie gerne, wenigstens aus menschlicher Billig- und Schuldigkeit, umsonst beystehen“. Im Gegenzug könne man sich an den Wohlhabenden und Reichen schadlos halten, „denen die Hände (diesbezüglich) gar nicht gebunden sind“.

Noch keine Gebührensätze waren in der schaumburg-lippischen Medicinal-Ordnung für die Leistungen der Apotheker und Hebammen ausgewiesen. Dazu seien noch Vorarbeiten erforderlich, war zu lesen. Angebot und Preisgestaltung dürften in etwa dem entsprochen haben, was auch andernorts üblich war. Danach ging es auf dem Arznei-Sektor – gemessen an heutigen Maßstäben – höchst abenteuerlich und unübersichtlich zu. Anders gesagt: Es gab nichts, aus dem nicht ein Heilmittel gemixt wurde. In den Taxa-Veröffentlichungen anderer Fürstentümer sind bis zu 500 Variationen aufgelistet. Die Palette reicht von Aeris floris (Kupferblümlein) über Ulmariae (Geißbartwurzel) bis hin zu Viperarum Italicarum (Nattern-Fett).

Groß in Mode scheint bis ins 18. Jahrhundert hinein auch die Verwendung und/oder Beimengung von menschlichen Leichenteilen gewesen zu sein. „Der Mensch, das Ebenbild welchs Gott ist angenehm, Hat Vier und Zwanzig Stuck zur Artzney bequem“, heißt es in dem 1663 veröffentlichten „Thier-, Kräuter- und Bergbuch“ des Dr. med. Johann Joachim Becher aus Speyer. Was man alles gebrauchen konnte, beschrieb er so:

„Bein, Mark, die Hirnschal auch, sampt ihrem Mos ist gut,

Das Fleisch und Fett, die Haut, Haar, Harn, Hirn, Hertz und Blut,

Die Gall, die Milch, der Koth, der Schweiß und auch der Stein,

Das gelbe Schmaltz, so in den Ohren pflegt zu seyn,

Die Nägel, Speichel, auch die Nachgeburt ist gut,

Der Helm, der Samen und das Menstrualisch Blut“.

Gesundheitspolitischer Meilenstein: die Schaumburg-Lippische Medicinal-Ordnung aus dem Jahre 1734.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt