Kommt jetzt der Boom im Frauen-Handball?
Rotterdam. Ist nach der WM vor dem Boom? Oder doch vor der Ernüchterung? Die Begeisterung, die sich zuletzt rund um die deutsche Handball-Nationalmannschaft der Frauen entwickelt hat, soll anhalten und neue Strukturen ermöglichen. Silber als Initialzündung, das wäre der Traum vieler, die es mit dem Frauen-Handball halten. Nachhaltig soll das Ganze sein, auch wenn Ingo Meckes, Vorstand Sport beim Deutschen Handballbund (DHB), gebetsmühlenartig die „Politik der kleinen Schritte“ proklamiert.
Dass die Beteiligten nach so einem intensiven Ereignis wie einer Weltmeisterschaft mit strammen neun Partien binnen 19 Tagen kurz durchatmen müssen, ist klar. So sagte Nieke Kühne nach dem - mit 20:23 knapper als von vielen befürchtet - gegen Norwegen verlorenen Endspiel: „Ich muss das erst mal alles verarbeiten.“ Selbst Alina Grijseels, die mit 29 Jahren und nach ihrem 123. Länderspiel durchaus über Erfahrung verfügt, gab zu: „Es gab einfach zu viele Momente, die atemberaubend waren. Ich persönlich werde auf jeden Fall Wochen, wenn nicht sogar Monate brauchen, um das zu verarbeiten, zu ordnen und richtig zu begreifen, was wir hier die letzten drei Wochen abgerissen haben.“
Bundestrainer ist weniger stolz als enttäuscht
Erschöpft, aber glücklich waren die meisten – trotz der Niederlage. Auf den Trainer traf – zumindest der zweite Teil – nicht unbedingt zu. Müde sah Markus Gaugisch nach Turnierende aus, dabei habe er zuletzt so gut geschlafen wie im ganzen Jahr nicht: „Auch wenn’s stressig war.“ Und im Gegensatz zu den Aktiven kam bei ihm weniger Stolz als Enttäuschung durch, den allerletzten Schritt nicht auch gegangen zu sein: „WM-Silber ist toll. Aber wir sind Leistungssportler. Und nach dem Spiel bist du traurig, dass du verloren hast.“
Zum Innehalten bleibt indes kaum Zeit. Die Bundesliga startet am 21. Dezember wieder, mit der Partie der TuS Metzingen gegen den VfL Oldenburg, dem auch DHB-Rechtsaußen Jenny Behrend angehört. Der erste komplette Spieltag der Post-WM-Ära ist für den 27. Dezember terminiert. Kapitänin Antje Döll hofft direkt auf volle Hütten. „Ich glaube, das wird man an der Zuschauerzahl spüren“, sagte sie. „In den Spielen nach Weihnachten sind die Hallen eh immer besser gefüllt. Und ein paar Nationalspielerinnen tummeln sich ja auch in der Bundesliga.“ Sieben der 18 Kadermitglieder verdienen hingegen im Ausland ihr Geld.
Volle Hallen, Millionen vor dem TV
In der Spielzeit 2024/2025 verzeichnete die höchste deutsche Spielklasse einen Zuschauerschnitt von 1244 Fans pro Partie, das waren in Summe erstmalig über 200.000 Zahlende - und 37 Prozent mehr als im Vorjahr. Gegenüber den Großereignissen wie Europa- und Weltmeisterschaften fällt der Zuspruch aber deutlich ab. Die WM-Hallen in Stuttgart (5500 Plätze) und Dortmund (mehr als 10.000) waren mehrfach ausverkauft. Bei den TV-Liveübertragungen von Halbfinale und Endspiel schauten in der ARD 3,09 Millionen respektive 5,79 Millionen Menschen (Marktanteil 31 Prozent) zu. Die anstrengende Diskussion um die Übertragung der Turniere im frei empfangbaren Fernsehen wird zumindest in den Folgejahren verstummen, da ProSieben und Sat.1 die Rechte bei Männern und Frauen erwarben.
Ob Gaugisch in einem Jahr bei der EM in Polen, Rumänien, Tschechien, der Slowakei und der Türkei noch in die Wohnzimmer flimmert? Unklar. Der Vertrag des Erfolgstrainers läuft im Juni 2026 aus. Eine Verlängerung steht offenbar nicht unmittelbar bevor. „Wir haben uns unterhalten“, sagte DHB-Vorstand Meckes. „Ich finde es schön, dass es zwischen uns bleibt, was jetzt ist und wir euch noch ein bisschen auf die Folter spannen können. Irgendwann gibt es dann ein Ergebnis. Aber die spielerische Entwicklung, die die Mannschaft genommen hat, spricht natürlich für sich.“
Jetzt kommt vielleicht die Generation geiler Handball.
Bundestrainer Markus Gaugisch hat keine Lust mehr auf die "Generation Viertelfinale".
Gaugisch selbst, seit 2022 im Amt, hätte schon Lust auf eine Fortführung, ein klares Bekenntnis hat aber auch er sich bisher nicht entlocken lassen. Von seiner Schule ist der Lehrer für Deutsch und Sport bis Sommer beurlaubt. Nur so viel: Nach der „Generation Viertelfinale“, wie die deutschen Frauen lange leicht despektierlich bezeichnet wurden, könnte er sich nun etwas Neues vorstellen: „Jetzt kommt vielleicht die Generation geiler Handball.“
Mit welchem Team? Auseinanderfallen wird die gut durchmischte Mannschaft kaum. Selbst die Älteste, die 37-jährige Döll, wird wohl weiter dabei sein. Sie stehe zur Verfügung, solange der Bundestrainer sie nominiere, sagte sie. Und das wird er nach ihren WM-Galaauftritten sicher tun. Auf vielversprechenden Nachwuchs - neben den jüngsten WM-Teilnehmerinnen Kühne, Viola Leuchter (beide Jahrgang 2004) sowie Nina Engel (2003) - kann Gaugisch zudem hoffen: Die U19 des DHB wurde im Sommer Europameister.
Auch Nationalteam-Managerin Anja Althaus hat Vorschläge: „Ich hoffe, dass ein paar Leute oder Sponsoren jetzt die Bundesligisten unterstützen. Wir brauchen mehr Fokus auf die Bundesliga, müssen sie pushen. Wir brauchen die Politik, wir brauchen mehr Hallen. Wir animieren gerade dazu, dass viele Kinder Handball spielen. Aber dann müssen die auch Orte haben.“
Eins ist somit klar: Nach WM-Silber ist auf jeden Fall vor der Arbeit.