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„Was bleibt, ist der beflügelnde Stolz“

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Wer beim Sibbesser 100-Meilen-Lauf starten will, muss eine angemessene Wettkampferfahrung vorweisen und sich einer Überprüfung durch den Veranstalter unterziehen. Ich habe schon mehrere Ultramarathons und Trailläufe absolviert und so manche Stunde bei Wettkämpfen verbracht und bekam grünes Licht für den Start – Angst hatte ich trotzdem.

Der Lauf erstreckt sich über 161 Kilometer querfeldein durch das Hildesheimer Land. Insgesamt sind 4377 Höhenmeter zu überwinden. Wer hier starten darf, ist Läufer mit Leib und Seele. Oder aber nur verrückt.

Wie es bei Ultraläufen üblich ist, kamen am Tag vor dem Wettkampf alle Teilnehmer und der Veranstalter zu einer Einweisung mit anschließender „Nudelparty“ zusammen. Ziel ist es, dass jeder Läufer mit den grundsätzlichen Bedingungen der Strecke vertraut gemacht wird, bestimmte Abschnitte angesprochen und Karten ausgeteilt werden. Ich will nicht sagen, dass mich die Hinweise noch mehr verunsichert hätten, aber ich fragte mich, wann wohl die Ausgabe der Buschmesser für den Dschungellauf stattfinden würde.

Wie will man einen 161km Lauf angehen? Ich würde sagen: erst einmal mit Gelassenheit. Diese fußte nicht allein auf dem Vertrauen in mich selbst, sondern auch auf den vielen Helferinnen und Helfer, die über die gesamte Dauer der Veranstaltung in bestimmten Abständen Versorgungsstände betrieben und mit Nahrung und aufmunternden Worten meinen Optimismus schürten. Da es sich bei dem Großteil der Helfer selber um Läufer handelte, schienen mir ihre mitleidserfüllten Blicke nicht nur aufgesetzt zu sein.

Wem tagsüber noch nicht vollends klar war, was so ein Traillauf alles mit sich bringt, der konnte spätestens nach Einbruch der Dunkelheit feststellen, wie schwierig sich die Orientierung durch Wälder und Wiesen in der Nacht gestaltet – erst recht, wenn das GPS oftmals versagt. Nicht zuletzt deshalb ist die mentale Anforderung hier so hoch, wie die körperliche.

So manches Mal ertappte ich mich beim Zweifeln, während ich, bewaffnet mit dem Licht meiner Kopflampe, den raschelnden Geschöpfen ein paar Meter neben mir warnende Worte an den Kopf warf. Du bist müde, fantasierst und das einzige, was in diesem Moment real ist, ist die Strecke. In den dunkelsten Stellen der Nacht war mein Mentor Helmut Eickermann, Veranstalter des münderschen Sünteltrails, der mich begleitete, für mich das innere helle Leuchten an den Versorgungsplätzen, das mir Kilometer entfernt den Weg wies.

Obwohl ich gegen Ende das Gefühl hatte, das Ziel liefe vor mir weg, schaffte ich es schlussendlich, nach 24:31 Stunden den Lauf als Zweiter zu beenden. Ich freute mich wie ein kleines Kind, nicht nur, weil ich es endlich geschafft hatte, sondern auch, weil ich bei der erste Bewältigung einer solchen Herausforderung nicht mit so einem guten Abschneiden gerechnet hätte.

Obwohl ich mich wenige Tage nach dem bisher forderndsten Wettkampf meines Lebens noch ein bisschen dagegen wehre, es wahrhaben zu wollen: Ich bin mir sicher, dass dieser Lauf nicht die letzte Herausforderung dieser Dimension bleiben wird. Denn egal, welche Schmerzen ich auch während des Laufes hatte: Was bleibt, ist der beflügelnde Stolz.



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