weather-image
20°

Warum 96-Fans den „Roten“ auch nach dem Abstieg treu bleiben

SPRINGE. Es war der 20. Oktober 2011, als Kai Andersen so enttäuscht war von seiner großen Liebe, dass er beschloss, ihr fortan die kalte Schulter zu zeigen – lange konnte er ihr allerdings nicht böse sein.

„Da können Sie mal sehen, wie rot ich bin.“ Hans Krämer mit einem Trikot aus seiner Zeit als 96-Amateur (r.) und einem, das ihm die Traditionself zum 70. Geburtstag schenkte. Foto: Bertram
jan

Autor

Jan-Erik Bertram Redakteur zur Autorenseite

„Nach dem peinlichen 2:2 gegen Kopenhagen war ich so wütend, dass ich zu Hause meine Dauerkarte auf den Tisch geknallt und zu meiner Tochter gesagt habe, dass sie am Sonntag ins Stadion gehen kann“, erinnert sich der Fan von Hannover 96. An besagtem Sonntag war Andersens Wut noch nicht verraucht. Er blieb tatsächlich zu Hause und verpasste den 2:1-Sieg von 96 gegen den FC Bayern. Andersen war versöhnt und ist seitdem wieder treuer Anhänger der „Roten“ – daran ändert auch der Abstieg in die 2. Liga nichts.

Wenn die Hannoveraner am Sonnabend bei Fortuna Düsseldorf ihren Bundesliga-Abschied geben, ist Andersen (54) natürlich dabei – gemeinsam mit 65 weiteren 96-Fans aus Springe und Umgebung. Seit 15 Jahren organisiert er Bus-Reisen zu Auswärtsspielen der „Roten“, auch in der Europapokal-Saison 2011/12 nach Kopenhagen. „Das war ein absolutes Highlight“, sagt Thomas Koslowski (48), der wie Andersen dem vor acht Jahren gegründeten Springer Fanclub „Roter Deister“ angehört.

Als 14-Jähriger war Koslowski zum ersten Mal im Niedersachsenstadion, „zwei Jahre später hatte ich meine erste Dauerkarte“. Was ihn so fasziniert hat damals, „weiß ich auch nicht so genau. Die Stimmung war ja damals nicht so toll“. 96 spielte zu der Zeit in der 2. Liga vor wenigen Tausend Zuschauern. Es war wohl das Zusammengehörigkeitsgefühl, glaubt Andersen, der in den 1970ern zum ersten Mal im Stadion war, als der kleine gegen den großen HSV aus Hamburg, damals noch mit Uwe Seeler, spielte: „Wir haben unsere Gesichter angemalt und Kutten getragen – und hatten irgendwie das Gefühl, zu den Alten zu gehören.“

Thomas Koslowski (l.) und Kai Andersen vom Fanclub „Roter Deister“ werden auch in der 2. Liga eine Dauerkarte haben. Foto: Bertram

Der DFB-Pokalsieg 1992 als Zweitligist gegen Borussia Mönchengladbach war Andersens schönster Moment als 96-Fan. Es folgten harte Zeiten im Mittelmaß der 2. Liga und sogar zwei Jahre in der Regionalliga. Selbst in der Drittklassigkeit verpasste er kein Spiel der „Roten“, „außer eins, da war ich krank“. Denn immerhin „kamen wir da in Stadien, die wir noch nicht kannten“, sagt Andersen. Etwas, worauf sich auch die Fans vom „Roten Deister“ freuen würden: „Keiner von uns war schon mal in Kiel oder Heidenheim.“ Knapp 30 Mitglieder hat der Fanclub, sagt Koslowski, dessen Frau Tanja die Vorsitzende ist. „Natürlich findet es jeder schade, dass wir absteigen“, sagt er, „aber fast alle holen sich wieder eine Dauerkarte.“ Das ist sie wohl, die „Alte Liebe“, die in der Vereinshymne vor jedem Heimspiel besungen wird.

Die kennt auch Hans Krämer. Auch er war 1992 beim Pokalsieg in Berlin dabei, „danach haben wir auf dem Ku’damm mit Gladbachern gefeiert“. Seine Erinnerungen reichen noch weiter zurück. Der Aufstieg in die Bundesliga 1964 war für den heute 81-Jährigen der erste Höhepunkt als 96-Fan. Dabei ist der Namensvetter des Torwarts der 96-Meisterelf von 1954 mehr als nur ein Fan.

Seit 62 Jahren ist er Mitglied im Verein, spielte in der Amateurmannschaft, gehörte jahrelang dem Ehrenrat an, war Teil der Traditionself. „Da können Sie mal sehen, wie rot ich bin“, sagt der Völksener. So ein Abstieg kann seiner Treue nichts anhaben.

Dafür habe ihm der Verein für seine Treue auch zu viel zurückgegeben. Viele Kontakte habe er knüpfen können, die der ehemalige Vorsitzende des SC Völksen auch für seinen Dorfverein nutzte. So holte er einst das Profiteam von 96 für ein Freundschaftsspiel nach Völksen und fädelte einen Besuch der SCV-Herren im ZDF-Sportstudio ein.

Im Stadion ist Krämer nicht bei jedem Heimspiel – die Familie geht vor. „Aber ich sehe die Spiele im Fernsehen“, sagt er und hofft, „dass wieder Kontinuität einkehrt und der Wiederaufstieg nicht zu lange dauert“. Bis dahin gilt: „Ich werde immer ein Roter sein, und selbst wenn sie in der Kreisklasse spielen würden.“



Weiterführende Artikel
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt