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Jonna Tilgner ist seit acht Monaten Mutter – und will es als Leichtathletin noch einmal wissen

Ohne Tiefschlaf zu den Olympischen Spielen ?

Bakede. Sie hat erreicht, wovon jeder Leistungssportler träumt: 2008 startete Jonna Tilgner mit der deutschen 4 x 400-Meter-Staffel bei den Olympischen Spielen in Peking. Im August 2012 steigt das weltgrößte Sportevent in London – die gebürtige Bakederin will wieder dabei sein. Im September begann sie mit der gezielten Vorbereitung. Die Voraussetzungen sind jetzt aber andere, schwierigere: Im April ist Tilgner Mutter geworden, seitdem bestimmt Söhnchen Lorenz den Tages- und Trainingsrhythmus. Das muss auch der Journalist in Kauf nehmen. Anruf auf Tilgners Handy: Es klingelt lange, aber sie geht nicht ran. Zehn Minuten später ruft sie aber zurück: „Ich habe gerade Lorenz zum Mittagsschlaf hingelegt“, sagt sie entschuldigend, „jetzt habe ich Zeit.“

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Jan-Erik Bertram Redakteur zur Autorenseite

Die 27-Jährige weiß, wie es ist, wenn man sich organisieren muss. Zu ihren Glanzzeiten – 2008 und 2009 war sie Deutsche Meisterin über 400 Meter Hürden – trainierte sie bis zu zehnmal in der Woche. Dennoch hat sie im vorigen Jahr ihr Psychologiestudium abgeschlossen. Als Mutter ist die Belastung eine andere, aber Tilgner steckt sie weg: „Ich bin erstaunt, wieviel man mit fast keinem Tiefschlaf schaffen kann“, sagt sie lachend.

Die Herausforderung ist groß, nicht nur wegen Lorenz. Tilgner lebt in Linköping in Schweden, ihr Mann Ora arbeitet dort an einem Forschungszentrum. „Die 400 Meter Hürden sind hier nicht sehr verbreitet“, sagt sie. In Linköping gebe es zwar eine gute Leichtathletikhalle, aber fast nur Jugendliche Athleten. Also fährt sie zweimal in der Woche die halbe Stunde nach Norköping. Dort hat sie eine Trainingsgruppe gefunden. Die Beste dort läuft die 400 Meter Hürden in knapp 60 Sekunden, damit war sie Dritte bei den schwedischen Meisterschaften – Tilgners Bestzeit liegt fast fünf Sekunden darunter.

Schon sechs Wochen nach Lorenz‘ Geburt hat sie begonnen, wieder Sport zu treiben. Erst Walking, dann Dauerlauf. Im September trainierte sie bereits fünf- bis sechsmal in der Woche, seit Dezember jeden Tag. „Im Januar wird es nochmal gesteigert“, sagt sie. „Wenn es gut strukturiert ist, bringt mehr Training auch mehr.“

Es klappte nicht immer. Etwa 2010. Das war nicht ihr Jahr. Die Zeiten waren schlecht, „der dritte Platz bei der DM in dem Jahr war eigentlich noch recht gut, aber nicht das, was ich wollte“, sagt sie, „ich wollte zur Europameisterschaft.“ Sie schaffte die Norm nicht, „dann habe ich mir gesagt: Ich kann mir auch vorstellen, eine Familie zu gründen.“ Die hat sie nun – und ist froh, dass die den Sport auch noch hat. „Lorenz ist ohne Frage eine große Bereicherung in meinem Leben“, sagt sie, „aber es ist gut, auch was eigenes zu haben.“ Ihren Sohn nimmt sie nur ausnahmsweise mit zum Training. Etwa, als sie in der Adventszeit zu Besuch in Deutschland war, und bei ihrem Verein in Bremen, dem TuS Komet Arsten, vorbeischaute. Mit ihren dortigen Trainer Jens Ellrott steht sie in ständigem Kontakt, die Hauptorganisation ihres Trainings übernimmt mittlerweile aber Krister Hultberg in Norköping. Trainiert sie in Schweden, passt ihr Mann auf Lorenz auf, „er hat zum Glück flexible Arbeitszeiten“.

Tilgner sieht sich auf einem guten Weg: „Es fühlt sich insgesamt gut an“, sagt sie, „ich staune, wie schnell die Technik wiederkommt. Aber die 400 Meter maximal zu laufen – damit hätte ich noch ein Problem.“ Sie wird jetzt öfter wieder in Deutschland sein, um sich bei Wettkämpfen auf hohem Niveau zu messen. Und natürlich, um die Quali-Zeiten zu laufen. Im März steht ein dreiwöchiges Trainingslager in Südafrika an. „Das kann ich wegen Lorenz noch nicht zusagen“, erklärt sie. Ohne ihn will sie so lange nicht sein, also müsste jemand zur Betreuung mitfliegen. Das kostet Geld, Sportförderung bekommt sie nicht mehr, ihr Verein unterstützt sie zwar, so gut es geht, viel muss sie aber aus eigener Tasche bezahlen.

London ist kein einfaches Projekt, das Tilgner da in Angriff nimmt. Aber sie bleibt gelassen. „Ich will dahin“, sagt sie. Wenn es nicht klappt, bricht für sie keine Welt zusammen – dann gibt sie sich auch mit einer Nummer kleiner zufrieden: Ende Juni sind in Helsinki die Europameisterschaften. „Da war ich noch nie dabei, dafür würde sich der Aufwand auch lohnen.“



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