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Zehnkämpfer Frank Busemann über Quälerei, Glückshormone und gesunden Sport

„Nie eine Chance leichtfertig verschenkt“

Zehnkämpfer Frank Busemann war der Stargast am Wochenende beim Aktionstag „Bad Münder bewegt“ im Kurpark. Er plauderte ungezwungen mit Fans, animierte zu einem kurzen

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Lauf – und gab NDZ-Sportredakteur Jan-Erik Bertram ein Interview.

Sie sind vor allem für ihren Zehnkampf bei den olympischen Spielen 1996 in Atlanta berühmt, bei dem Sie die Silbermedaille holten – schauen Sie sich die Videoaufzeichnung davon noch häufig an?

Ich liebe es. Das ist ein ganz großer Teil meines Lebens. Ich habe es mal meinen Kindern gezeigt und gedacht: Mann, war ich mal gut und jung und knackig. Ich gucke mir gerne beim Sport zu. Dann erkenne ich aber auch, wie schlecht ich damals eigentlich noch war. Oder besser gesagt: ungeschliffen.

Einen besseren Zehnkampf als in Atlanta haben Sie nicht abgeliefert.

Hätte ich das damals gewusst, hätte ich mir eine Menge Schinderei ersparen können. Aber es ist ja auch blöd, mit 21 in Rente zu gehen.

Heute geben Sie Motivations-Seminare und halten Vorträge, unter anderem über Grenzerfahrungen – ist ein Zehnkampf eine?

Ja, das ist eine Grenzerfahrung. Aber schon der ganze Weg dahin: das Training, das Sich-Aufraffen. Auf der einen Seite macht man sich die Hose voll und sagt: Ich gehe jetzt in den roten Bereich. Aber wenn man es schafft, ist es ein gutes Gefühl.

Wie beim 1500-Meter-Lauf, der abschließenden Zehnkampf-Disziplin?

Da steht man am Start und denkt sich: Ich könnte jetzt auch auf dem Sofa liegen. Ich habe mir irgendwann gesagt: Über die 1500 werden Helden gemacht und ein Zehnkampf hat nun mal zehn Disziplinen. Und wenn man sich sagt: Ich freu mich drauf, macht es das leichter. Außerdem ärgert es die Konkurrenten.

Sich drauf freuen – ist das ein Tipp, den Sie in Ihren Motivations-Seminaren geben?

Klar. Man muss es doch realistisch sehen: Warum ist denn etwas eine Quälerei? Weil wir mit der Einstellung rangehen, dass es so ist.

Aber ist Leistungssport nicht immer Quälerei, auch wenn man sich drauf freut?

Sich quälen zu können, ist eine innere Überzeugung, die jeder Leistungssportler mitbringt. Jeder, der richtig gut sein will, muss die zwei Prozent extra geben – da ist die Goldmedaille versteckt. Man könnte ja auch weniger geben und sich mit Platz sieben oder acht zufriedengeben. Aber wenn man zehn Jahre später denkt: „Hätte ich nur mehr gegeben“, dann kann man die Zeit nicht zurückdrehen.

Ist Leistungssport gesund?

Nein, eigentlich schreit der Körper: Hör auf! Die Frage ist, wie gut man da rauskommt. Ich hatte Glück. Als ich mit 28 aufgehört habe, dachte ich nicht, dass ich ohne Schäden davongekommen bin. Mein Arm tat beim Werfen auch vier, fünf Jahre danach noch weh. Mittlerweile geht es wieder.

Wie treiben Sie heute Sport?

Als absoluter Freizeit- und Breitensportler. Ich habe drei Monate lang für die Senioren-Hallen-EM trainiert. Da habe ich aber gemerkt: Ich muss aufpassen, der Körper muss sich langsam wieder an Belastung gewöhnen. Aber als mein Freund, mit dem ich da hin wollte, Silvester gesagt hat, dass er wegen einer dicken Wade abgesagt hat, bin ich auch nicht hingefahren. Wettkampfsport fühlt sich nicht mehr so an wie früher. Wenn ich ein Ziel habe, laufe ich dreimal die Woche und mache zu Hause im Wohnzimmer Kräftigungsübungen. Mit drei Kindern reicht mir das auch.

Ist Sport auch Stressausgleich?

Ich habe gemerkt: Wenn ich gut drauf bin, kann ich besser laufen. Meine Frau ist da ein guter Indikator. Wenn ich zu viel unterwegs war, sagt sie: „Geh laufen, du gehst mir auf den Senkel.“

Warum fühlen wir uns nach dem Laufen besser?

Es werden Glückshormone ausgeschüttet, das ist gut für das Stresslevel. Stresshormone waren ja früher mal dafür gedacht, wenn man vor dem Säbelzahntiger weglaufen musste. Heute ist der Säbelzahntiger der Chef, also hat man ständig Stress. Wenn man Laufen abgrundtief hasst, macht es allerdings noch mehr Stress.

2003 haben Sie kurz nach Ihrem Karriereende Ihre Biografie „Aufgeben gilt nicht“ veröffentlicht. Aber war das Ende Ihrer Laufbahn mit 28 nicht auch ein Aufgeben, die Kapitulation vor Ihrem Körper nach vielen Verletzungen?

Ich habe 2000 angefangen zu schreiben und dachte, ich begleite mich auf dem Weg zur Goldmedaille. Denn ich habe ja immer gedacht: Das schaffst du. Ich habe immer mehr geschrieben und irgendwann gemerkt: Das wird nix mehr mit der Goldmedaille oder dem Weltrekord. Da habe ich mir die Frage gestellt: Kann ich mir was vorwerfen?

Konnten Sie?

Nein. Ich konnte sagen: Ich habe alles gegeben und nie eine Chance leichtfertig verschenkt. Deshalb konnte ich raus aus dem Sport.

Wie sieht Ihr persönlicher Mehrkampf heute aus? Reiben Sie sich zwischen Job und Familie auf?

Das ist nicht aufreibend, das ist eine Traumkonstellation. Mal bin ich eine ganze Woche unterwegs, mal aber auch eine Woche zu Hause. Für die Kinder ist das super. Ich bin gerade mit einer Unternehmensberatung im Gespräch, um mal neue Akzente zu setzen. Da hat mein potenzieller Chef gesagt: „Was soll ich Ihnen anbieten? Ihr Leben ist perfekt.“

Ist es das?

Ja, aber es wird nicht einfach so immer perfekt bleiben und ich will nicht irgendwann handeln müssen. Deshalb gucke ich schon jetzt, was ich verändern kann. Es ist wie beim Sport: Der Muskel muss immer wieder überrascht werden.



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