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Einstimmung mit de Bruyne - die Rituale unserer Sportler

Erinnert sich noch jemand an den blauen Pullover, den Jogi Löw bei der WM 2010 trug? Er wurde zum Glücksbringer für den Bundestrainer. Wir haben die heimischen Sportler gefragt, welche Abläufe sie vor Wettkämpfen nie verändern – und eine Sportpsychologin gebeten zu erklären, warum das manchmal auch hilfreich sein kann.

Kevin de Bruyne ist der Lieblingsspieler von Eldagsens Jan Flügge (kleines Bild) – vor jedem Spiel schaut er sich ein Video des Superstars von Manchester City an. Fotos: dpa, Bertram
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Jan-Erik Bertram Redakteur zur Autorenseite

Rollhockey-Nationalspielerin Anna Hartje vom SC Bison Calenberg hat eine ganz klare Reihenfolge, wenn sie sich für ein Spiel fertig macht: „Ich höre auf der Fahrt zum Spiel immer dasselbe Lied zur Motivation. Dann ziehe ich immer zuerst den linken Rollschuh an und danach den rechten, dann den linken Scheinbeinschoner und danach den rechten und so weiter. Bevor es vor dem Spiel aus der Kabine geht, atme ich dreimal tief ein und grinse – dann geht’s los.

“ Einmal habe sie versehentlich mit dem rechten Schuh begonnen. „Ich habe gedacht, dass es nicht so schlimm ist – aber dieses Spiel haben wir tatsächlich verloren. Seitdem achte ich immer darauf, dass die Reihenfolge stimmt. Wir gewinnen zwar trotzdem nicht alle Spiele aber für den Kopf ist das ’ne super Sache!“

Eine ähnliche Geschichte erzählt Ultra-Läufer Patrick Hussel von der LLG Springe: „Ich habe eine Lieblingshose die mich seit Jahren bei jedem wichtigen Lauf begleitet hat“. Beim „SuMeMa“, einen 42-Meilen-Lauf im Landkreis Hildesheim, habe er sie im vorigen Jahr nicht getragen. „Da habe ich den Lauf auch nicht geschafft. Dieses Jahr hatte ich sie da an und kam auch prompt ins Ziel“, sagt Hussel. Was ihm seine Hose, ist Fußball-Trainer Karsten Bürst ein Paar rote Turnschuhe: „Die trage ich zu jedem Spiel. Einmal hatte ich andere an, da haben wir verloren“, sagt Bürst.

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Mit einem Grinsen aufs Spielfeld: Rollhockey-Nationalspielerin Anna Hartje. Foto: Bertram

Für Anne Lenz, Fußballerin beim SC Bison, die im Herbst ihr Sportpsychologie-Studium abschließt, sind das Rituale, die in Richtung Aberglaube gehen. „Wir unterscheiden in der Sportpsychologie Rituale und Routinen“, sagt sie. Der Unterschied: „Routinen werden aufgebaut, man kann sie kontrollieren und steuern. Wenn man Rituale nicht einhält, kommt der Aberglaube hinzu, die Angst, das man seine Leistung nicht abruft – das ist natürlich irrational.“

Anna Hartjes Reihenfolge beim Anziehen würde sie eher als Ritual einordnen. „Aber die Sache mit dem Lied geht in Richtung Routine, weil es das Aktivierungsniveau steigern kann“, sagt Lenz. „Auf einer Linie zwischen Entspannung und Anspannung hat jeder Sportler seinen individuellen Punkt, an dem er seine beste Leistung bringt – das nennen wir Aktivierungsniveau.“

Fußballer Jan Flügge vom FC Eldagsen versucht, sich „vor jedem Spiel gleich vorzubereiten. Grundsätzlich ist der Ablauf mit Frühstück, Tasche packen und so weiter immer der Gleiche.“ Direkt vor der Abfahrt zum Spiel schaue er sich immer ein Video seines Lieblingsspielers Kevin de Bruyne bei YouTube an, „weil er ein faszinierender Spieler ist, einer der komplettesten in Europa, der fast nur herausragende Pässe spielt. Ich mag es, gute Pässe zu spielen.“ Dann versucht Flügge, „ab dem Moment, in dem ich mich in der Kabine umziehe vor dem Spiel, nur noch auf das Spiel zu konzentrieren“, sagt er.

„Er hat klare Handlungsschritte, um fokussiert zu bleiben auf alles, was kommt. Das ist eine Routine“, sagt Lenz. Auch Videos zu schauen, ist in der Psychologie gängige Praxis. „Allerdings eher mit Videos von eigenen starken Aktionen, um positive Emotionen zu schaffen. Das geht ins Mentale: Wenn ich mir zum Beispiel vorstelle, dass ich gleich eine gute Ecke schieße, gehe ich positiv an die Situation ran.“ Eigene Videos sind im Amateurbereich allerdings rar, „da hat er sich wohl ein Vorbild gesucht“, sagt Lenz.

Information

Anne Lenz (25) schließt im Herbst ihr Sportpsychologie-Studium in Halle/Saale ab. Schon jetzt unterstützt sie Mannschaften im Bereich Teambuilding und Teamprozesse. „Darauf habe ich mich spezialisiert.“

Sie selbst ist aktive Fußballerin beim SC Bison Calenberg und hat im Rahmen ihres Studiums als praktische Übung eine „professionelle Routine“ für Eckbälle aufgebaut: „Ich habe einen ganz bestimmten Handlungsablauf einstudiert: Erst lege ich den Ball hin, dann schaue ich, wie sich die Torhüterin und unsere kopfballstärkste Spielerin positionieren, dann schaue ich nur noch auf den Ball“, erzählt sie, „solche Routinen mit ganz bestimmten Abläufen können auch stressmindernd sein.“jab

Anne Lenz schließt im Herbst ihr Sportpsychologie-Studium ab.


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