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Ein Gewaltproblem? „Nein, aber...“

Springe. Martin Kind, Präsident von Fußball-Bundesligist Hannover 96, freut sich auf das Spiel gegen Eintracht Braunschweig. Guido von Cyrson nicht so. Das Derby im November gilt als Risikospiel, für den für die Arena zuständigen Einsatzleiter der Polizei Hannover und seine Mitarbeiter bedeutet das: höchste Alarmbereitschaft.

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Kind und von Cyrson waren nur zwei hochkarätige Experten, die zur Eröffnung der neuen Ausstellung „FanKultur – GewaltFrei“ im Springer Fußballmuseum (siehe Kasten rechts) in der Aula der Roten Schule an einer Podiumsdiskussion zum Thema Gewalt im Fußball teilnahmen. Mit dabei waren auch Prof. Dr. Gunter A. Pilz, Deutschlands renommiertester Fanforscher, Robin Koppelmann vom Fanrat von Eintracht Braunschweig, Dietmar Götze, Leiter eines Ordnungsdienstes, und der Sicherheitsbeauftragte des Niedersächsischen Fußballverbandes (NFV), August-Wilhelm Winsmann. Manfred Finger vom NFV moderierte die Diskussion.

Es ist ein ebenso brisantes wie aktuelles Thema, dem sich die Macher des Museums mit der ersten Schau in ihrem neuen Raum für Wechselausstellungen widmen. „Für den haben wir lange gekämpft“, sagte Wilfried Liebhold, der Vorsitzende des Museums-Trägervereins, der mittlerweile seit zehn Jahren besteht – ein weiterer Grund für die große Eröffnungsveranstaltung, die mehr als knapp 120 Zuschauer verdient gehabt hätte. Doch das Interesse hielt sich in Grenzen, vor allem viele der geladenen Fußballvereine glänzten mit Abwesenheit.

Hat der deutsche Fußball ein Gewaltproblem oder nicht? Die Frage stand im Mittelpunkt der Diskussion. Die Antwort der Experten: „Nein, aber...“ Durch die deutlich höheren Zuschauerzahlen sei die Gewalt relativ eher zurückgegangen, findet etwa Kind. „Die Gewalt, die es gibt, ist aber ausgeprägter.“ So sieht es auch Götze: „Übergriffe sind eher selten, aber die Intensität der einzelnen Taten nimmt zu.“

Für den Ordnungsdienst-Chef sei die Sicherheit im Fußballstadion ein einfacher Job, „denn es gibt eine breite Basis von guten Konzepten zur Stadionsicherheit“, sagt er. Die Probleme lägen eher vor den Stadien. „Das größte Gewaltproblem entsteht durch die Auswärtsfahrten“, sagt von Cyrson. Der Alkohol auf der langen Reise, die Anonymität in der fremden Stadt – „irgendwann wird dann aus gesunder Rivalität eine Fanfeindschaft“, so der Polizist, der aber von einem Alkoholverbot im Stadion nichts hält: „Wenn sich von 50 000 Fans im Stadion 49 500 benehmen können – warum soll ich dann dem Familienvater sein Bier zur Bratwurst nicht gönnen?“

Fanforscher Pilz wies auf „die Vermischung unterschiedlicher Gewaltkulturen“ hin, „da hat die Polizei schlechte Karten“. So seien Ultras nicht per se gewaltbereit, wohl aber die Hooligans. Für sie sei das Fußballstadion der ideale Ort, „weil sie in der Anonymität der Masse ihre Gewalt öffentlichkeitswirksam ausleben können“. Diese Leute werde man „mit allen Präventionsmaßnahmen der Welt nicht erreichen“, so von Cyrson.

Auch die viel diskutierte Pyrotechnik war ein Thema, zu dem alle Teilnehmer die gleiche Meinung vertraten: „Das abbrennen von Feuerwerk ist keine Gewalt an sich“, so Polizist von Cyrson, „aber es ist vor dem Gesetz eine Straftat.“ Deshalb zeigt sich auch 96-Präsident Kind in der Frage nicht kompromissbereit, „genau wie bei Gewalt, Rassismus und Rechtsradikalismus“. Pilz sieht nur eine Lösung: „Die Solidarität in den Kurven muss dahin gehen, dass Fans sagen: Das wollen wir nicht. Aber dafür finden viele Pyrotechnik zu schön.“ So sieht es auch Braunschweig-Fan Koppelmann: „Nicht jeder Zuschauer verurteilt Pyro. Es ist schwierig, die Solidarität in der Kurve, mit denen, die Feuerwerk abbrennen, aufzubrechen.“

In England wurde das Problem vor etlichen Jahren drastisch gelöst. Fahnen im Stadion wurden verboten, die Stehplätze abgeschafft. Sitzplatz- geschweige denn Dauerkarten können sich kaum noch Jugendliche leisten. Die Gewalt ist zwar zurückgegangen, die Stimmung aber auch. Drohen dem deutschen Fußball englische Verhältnisse? „Wenn man der Diskussion folgt, sollte man darüber nachdenken“, sagt Kind. Pilz sieht es ganz anders: „Stehplätze sind als Bestandteil einer lebenden Jugendkultur unverzichtbar. Wer glaubt, über die Stehplätze Probleme lösen zu können, wird sich wundern.“jab



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