Eine Frage der Kommunikation: Christian Wück im Porträt
Hinter Christian Wück liegen unruhige Wochen. In der Vorbereitung auf die abschließenden Nations-League-Gruppenspiele gegen die Niederlande (4:0) und in Österreich (6:0) drückten mehrere nicht berücksichtigte Fußball-Nationalspielerinnen öffentlich ihren Unmut aus. Offensivspielerin Nicole Anyomi (25) war die Erste. „Es hat zuletzt kein konkreter und direkter Austausch stattgefunden“, sagte die 25-Jährige von Eintracht Frankfurt, immerhin Topscorerin der abgelaufenen Bundesliga-Saison, dem Onlineportal „Watson“.
Es folgte Verteidigerin Felicitas Rauch via Instagram. „Mich nicht einzuladen, ist das eine. Mich nicht zu informieren und mir aber nicht mal einen Grund zu nennen, verstehe ich einfach nicht. Hier wünschte ich mir eine viel transparentere Kommunikation“, schrieb die 29-Jährige, Stammkraft bei North Carolina Courage in der weltweit hoch angesehenen US-Frauen-Liga NWSL. Auch Carolin Simon, beim Doublesieger FC Bayern München unumstrittene Stammspielerin links in der Viererkette, beklagte ihre Nichtnominierung. Wück habe sie in München mehrfach auf der Tribüne gesehen, „einen persönlichen Austausch hatten wir bisher aber noch nicht“.
Die Posse um Lena Oberdorf und ihre Folgen
Als Tiefpunkt gilt die Verwirrung rund um Lena Oberdorf. Seit einem Jahr fällt die Mittelfeldakteurin des FC Bayern München aus – sie riss sich im Juli 2024 das Kreuz- und Innenband im rechten Knie. Seit dem Wechsel vom VfL Wolfsburg nach München im vergangenen Sommer war sie keine Minute im Einsatz. Wück soll sie auch ohne Spielpraxis als Option für das Turnier gesehen haben, berief sie daher ins Nations-League-Aufgebot und ließ dabei einen Einsatz ausdrücklich offen.
Oberdorf hatte aber bekundet, in Absprache mit den Bayern lediglich das Training mitzumachen. „Ich darf nicht spielen“, stellte sie in einem Podcast klar. Wenig später teilte Wück offiziell mit, dass die 23-Jährige nach einer „intensiven Auswertung der Trainingseindrücke der vergangenen Tage“ kein Teil des EM-Kaders werde.
Mehrere Spielerinnen und Vorfälle, die öffentlich äußerst unglücklich wirkten – alle unter einem Stichwort: Kommunikationsproblem. Der Coach selbst nahm Anfang Juni ausführlich Stellung. „Kommunikation ist und bleibt ein wichtiges Thema. Wenn es da Irritationen gibt, muss man diese klären, das habe ich proaktiv gemacht“, sagte der 52-Jährige. Mit dem Mannschaftsrat, heißt es von ihm, sei ein ruhiges Gespräch geführt worden. Im Anschluss an den Austausch mit Kapitänin Giulia Gwinn und Co. soll das Verhältnis zwischen dem Team und Wück wieder vertrauensvoller sein.
Wück mit Erfahrung in Ahlen, Kiel und den U-Teams des DFB
Der Nachfolger von Horst Hrubesch bekam so kurz vor der EM in der Schweiz noch einmal eindrucksvoll vor Augen geführt, welche Schwierigkeiten mit diesem Amt verbunden sind. Als er im August 2024 von Hrubesch übernahm, wunderten sich nicht wenige über die neue Aufgabe. Im Herrenbereich stand Wück einst bei Rot-Weiß Ahlen, wo ihm 2008 der Aufstieg in die 2. Bundesliga gelang, und bei Holstein Kiel an der Seitenlinie. Mit den Fördestädtern stieg er aus der 3. Liga ab. 2011 ging es zum DFB, zunächst als Kurzzeit-Assistent bei der U16, dann ab Sommer 2012 dort als Chefcoach.
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Zur vollständigen AnsichtWie im Verband üblich, rotierte der ehemalige Bundesligaspieler ab diesem Zeitpunkt immer zwischen U15, U16 und U17, um die Nachwuchstalente über einen Dreijahreszeitraum zu begleiten. 2023 stand der Name Christian Wück dann für einen doppelten Erfolg mit der U17-Auswahl: Erst gelang der Titel bei der Europameisterschaft, dann der WM-Triumph - jeweils im Finale gegen Frankreich.
Innerhalb des DFB sah man die Chance, mit dem Erfolgstrainer des deutschen Jugendfußballs auch die strauchelnde Frauen-Nationalelf wieder in die Spur zu bringen. Wück meinte: „Als die Anfrage kam, habe ich nicht lange gezögert.“ Der Job zähle „zu den spannendsten und verantwortungsvollsten Aufgaben“ hierzulande, ergänzte er.
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Zur vollständigen AnsichtBVB-Fans mit Schmähung nach Schwalben-Eklat
Als Aktiver hatte Wück attraktive Offerten abgelehnt, ließ sowohl die Bayern als auch Borussia Dortmund abblitzen. Beim 1. FC Nürnberg debütierte er 1990 als seinerzeit drittjüngster Profi der Bundesliga, in der Spielzeit 1991/1992 gelangen dem Edeljoker sieben Tore nach Einwechslungen. Die BVB-Fans machten später noch eine unliebsame Erfahrung: Bei seinem Startelfdebüt fiel der Nürnberg-Profi mit einer Schwalbe negativ auf, den Elfmeter nutzten die „Clubberer“ zum 1:1, das Siegtor erzielte er selbst; diese Partie brachte ihm die Schmähung „Wück, du Sau“ ein.
1994 folgte der Wechsel zum Karlsruher SC, wo er zwei Jahre später den europäisch nachrangigen und vom europäischen Fußballverband längst eingestampften Intertoto-Cup gewann. 1999 zog Wück weiter zum Bundesligakonkurrenten VfL Wolfsburg, nach einem Jahr ging es für ihn zu Arminia Bielefeld in die 2. Liga. Da lief er bereits mit transplantiertem Meniskus auf; als erster deutscher Profisportler hatte er sich den Knorpel eines Toten einsetzen lassen. 2002 musste der Angreifer seine Laufbahn im Alter von 29 dennoch beenden.
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Zur vollständigen Ansicht„Ich hätte liebend gerne noch fünf, sechs Jahre weitergespielt, aber es ging eben nicht“, sagte er einmal der „Bild”-Zeitung. Die Liebe zum Fußball verlor Wück keineswegs – er absolvierte die Trainerlizenz und verschaffte sich Respekt mit der Jugendarbeit. Einprägsam sind Sätze wie dieser über seine Europa- und Weltmeister in der U17: „Wir haben Gangster, wir haben Schwiegersöhne, diese Qualitäten wollten wir zusammenbringen.“
DFB-Präsident Bernd Neuendorf attestierte Wück zum Amtsantritt bei den Frauen: „Er spricht die Sprache der Spielerinnen und Spieler.“ Das wies er im aktuellen Job allerdings seltener nach als erhofft. Nach den Rücktritten gestandener Spielerinnen den Umbruch kommunikativ zurückhaltend eingeleitet zu haben, brachte ihm viel Kritik ein. Er selbst meinte: „Ich glaube, meine Art zu führen, meine Art, mit Menschen umzugehen, ändert sich ja nicht mit dem Geschlecht oder dem Alter der Mannschaft.“
Ich hätte liebend gerne noch fünf, sechs Jahre weiter gespielt, aber es ging eben nicht.
Christian Wück, über sein Karriere-Ende
Wird sie sich womöglich aber ändern müssen? „Die Charaktere innerhalb einer Frauenmannschaft sind vollkommen anders als in einer männlichen Jugendmannschaft”, sagt Ex-Nationaltorhüterin Almuth Schult im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Wück habe sich „wohl etwas umstellen“ müssen, so die Kolumnistin und Podcasterin des RND. „Er wird an seinen Aussagen anders gemessen“, so die 34-Jährige, einst selbst DFB-Führungsspielerin, die weiß, dass es auf „ein, zwei Worte“ ankommen kann.
Der Bundestrainer ließ 33 potenzielle EM-Akteurinnen seit seinem Amtsantritt vorspielen. Viele legten ihm das als Schwäche aus, sich nicht entscheiden zu können und tiefes Fachwissen im Frauenfußball schuldig zu bleiben. Sportlich spricht der Trend dabei für seine Arbeit: Zuletzt fünf Siege in Serie bei 24:2 Toren machen EM-Hoffnung, wenngleich die Erfolge nicht gegen Hochkaräter gelangen.
Ob er den Trend bestätigt und gleichzeitig in der anspruchsvollen Gruppe während des Turniers die Ruhe bewahrt, muss Christian Wück nun beweisen. „Wir wollen das Gefühl wie vor der EM 2022 erzeugen, uns aufeinander verlassen und vertrauen zu können“, sagte Spielführerin Gwinn im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Das bezieht sie wohl ebenso auf ihre Mitspielerinnen wie auf ihren Trainer.