Erster DFB-Kader der WM-Saison

Die Realität verhindert mehr Veränderung

Hätte wohl gerne mehr als drei Neulinge nominiert: Bundestrainer Julian Nagelsmann.

Zwei Spiele reichten, und die Euphorie war dahin. Nach der beschwingten Heim-EM im vergangenen Jahr mit dem ebenso dramatischen wie heldenhaften Viertelfinal-Aus gegen Spanien waren viele Betrachter schon wieder der Auffassung, die deutsche Nationalmannschaft sei auf dem Weg zurück in die Weltspitze. Bundestrainer Julian Nagelsmann gab in der Stunde der Niederlage gegen Spanien sogar den Titel bei der WM im kommenden Jahr in Nordamerika als Ziel aus. Lauter Widerspruch blieb aus.

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Die beiden Partien bei der Nations-League-Endrunde Anfang Juni zeigten dann allerdings, dass der Weg zur Weltspitze noch weit ist. Bei den Niederlagen gegen Portugal und Frankreich wurde den Deutschen vor allem die fehlende Tiefe im Kader zum Verhängnis. Die Erkenntnis lautete: Die erste Elf der Deutschen kann sich sehen lassen, ab Position zwölf allerdings ist der Qualitätsverlust erheblich.

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Vor der Nominierung des DFB-Kaders für die ersten beiden Auftritte der WM-Saison - die Qualifikationsspiele in der kommenden Woche gegen die Slowakei und Nordirland - stand deshalb die Frage im Raum, ob Nagelsmann einen Umbruch wagt, vielleicht sogar einen ähnlich radikalen wie im Frühjahr des vergangenen Jahres, als er mit einer mutigen Personalpolitik die beschwingte EM erst möglich machte.

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Drei Neulinge, zwei von ihnen mit guten Aussichten

Die Antwort: Ganz so umfassend renoviert Nagelsmann seine Auswahl zwar nicht, doch ein paar Änderungen nimmt er vor. Er vollzieht keinen Umbruch, deutet ihn aber an. Drei Spieler hat Nagelsmann zum ersten Mal berufen – zwei von ihnen haben eine konkrete Perspektive in der Nationalmannschaft, nämlich der 21 Jahre alte Verteidiger Nnamdi Collins von Eintracht Frankfurt und der 22 Jahre alte Mittelfeldspieler Paul Nebel von Mainz 05. Der dritte Neuling, Torwart Finn Dahmen vom FC Augsburg, wird mit seiner Berufung für gute Leistungen belohnt, hat aber keine ernsthaften Aussichten auf Spielzeit.

Nicht mehr im Kader ist zum Beispiel Leroy Sané, der gerade vom FC Bayern zu Galatasaray in Istanbul gewechselt ist. In einer Liga, die nicht zu den europäischen Spitzen-Spielklassen gehört, müsse Sané schon besonders glänzen, um sich für die Nationalmannschaft zu empfehlen, sagte Nagelsmann bei der Kader-Präsentation in Frankfurt: „Er muss sich in der türkischen Liga beweisen.“ Offiziell ist die Tür nicht zu für Sané, aber die Aussichten, dass der Ex-Schalker und Ex-Bayer noch die große DFB-Karriere macht, werden immer kleiner. Außer Sané ist von den etablierten Namen unter anderem Deniz Undav vom VfB Stuttgart nicht für die ersten beiden Spiele der WM-Saison nominiert.

Stammspieler und potenzielle Neulinge verletzt

In einer idealen Welt hätte Nagelsmann wohl einen noch größeren Schnitt gemacht, aber der Bundestrainer muss mit der Realität umgehen. Und die sieht eben so aus, dass viele Stützen der DFB-Auswahl im Moment verletzt sind – und auch der Kreis potenzieller Neulinge ausgedünnt ist durch äußere Umstände. In die erste Kategorie gehören Torwart Marc-André ter Stegen, Verteidiger Nico Schlotterbeck, Spielmacher Jamal Musiala und Angreifer Kai Havertz. In die zweite Kategorie fallen Profis wie Nathaniel Brown von Eintracht Frankfurt, Max Rosenfelder vom SC Freiburg oder Nicolas Kühn von Como.

Weil die Riege gesunder Kandidaten begrenzt ist, befinden sich einige Spieler im DFB-Kader, die auf Bewährung spielen – Spieler wie Robert Andrich von Bayer Leverkusen, Serge Gnabry vom FC Bayern oder Karim Adeyemi von Borussia Dortmund. Für diese Profis könnte es eng werden, wenn in den kommenden Wochen und Monaten einige Spieler wieder bei Kräften sind, „die in unseren Überlegungen eine Rolle spielen (Nagelsmann)“. Der neue Kader ist längst nicht der WM-Kader.

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Rückt beim DFB-Team wieder ins Mittelfeld: Joshua Kimmich.

Die Nationalmannschaft wandelt sich auch taktisch, und auch das hat viel mit Mangel zu tun. Kapitän Joshua Kimmich, eigentlich defensiver Mittelfeldspieler, wurde in der Nationalmannschaft seit Jahren als Rechtsverteidiger eingesetzt, weil es keinen besseren Kandidaten für die Position gab. Weil sich nach der EM allerdings Toni Kroos verabschiedet hat, fehlt in der Mitte des deutschen Spiels die ordnende Hand, beziehungsweise: der ordnende Fuß. Nagelsmann hat deshalb entschieden, Kimmich künftig wieder auf seiner angestammten Sechser-Position einzusetzen. Hinten rechts spielt stattdessen... - tja, gute Frage.

Um diese Frage zu klären, plant Nagelsmann offenbar, von der typischen Viererkette in der Abwehr abzuweichen. Möglich ist, dass er auf eine Variante mit drei Innenverteidigern und nur einem Außenverteidiger umstellt. Oder auf eine Lösung mit drei Innenverteidigern und zwei so genannten Schienenspielern – mit Spielern also, die im Ballbesitz weit aufrücken und sich ohne Ball zurückfallen lassen. Als klassischer Rechtsverteidiger sei Kimmich konkurrenzlos, sagt Nagelsmann: „Aber wir interpretieren die Position jetzt anders. Da kommen andere Spieler ins Spiel.“ Möglicherweise der Frankfurter Neuling Collins zum Beispiel.

Sogar eine Lösung mit vier Innenverteidigern ist für Nagelsmann denkbar. Er erinnerte daran, dass Deutschland den WM-Titel 2014 ebenfalls mit einer solchen Anordnung gewonnen hätte. Was er vergaß: dass damals ab dem Viertelfinale Philipp Lahm auf die rechte Abwehrseite rückte – der vielleicht beste Rechtsverteidiger, den Deutschland je hatte.