Ortsbesuch im hohen Norden

Immer bereit, niemals panisch: Wie die Finnen mit dem russischen Nachbarn leben

Nato-Übung in Lappland: Ein finnischer Soldat posiert für die internationale Presse.

Rovaniemi. Dass wir zu früh bei der Feuerwache in Rovaniemi aufschlagen, stört Ville Rankinen überhaupt nicht. „Wir haben eine Verabredung“, ruft er, als er die Tür öffnet. Der 41-Jährige ist Chef der Rettungskräfte im finnischen Lappland. Er will davon berichten, wie hier oben im Norden der Staat und die Zivilgesellschaft im Rahmen eines Gesamtsicherheitskonzepts zusammenarbeiten. Das klingt sperrig. Nach trockener Bürokratie.

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Für Rankinen ist es das nicht. Mit allem, was der große, ruhige Mann erzählt, macht er eines deutlich: Die Finnen machen das aus tiefster Überzeugung. Immer schon. Hier geht es um etwas, was Teil des besonderen finnischen Mindsets ist.

Ville Rankinen ist Chef der Rettungskräfte in Lappland. Der 41-jährige Feuerwehrmann ist damit für ein Drittel Finnlands zuständig.

Zuständig ist der ausgebildete Feuerwehrmann für ein riesiges Gebiet. Die Region Lappland macht ein Drittel der Landesfläche aus. In diesem Gebiet gibt es Papierfabriken und Minen, riesige Wälder und schneebedeckte Berge. Jederzeit kann es zu Chemieunfällen kommen, im Winter zu Lawinenabgängen, im Sommer zu heftigen Waldbränden. Bis Hilfe kommt, dauert es oft, denn die Wege sind lang. Es sind 24-Stunden-Schichten, die Rankinen und seine Kollegen schieben. Und die Arbeit, sagt der vierfache Vater, die wird stetig mehr.

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Große Militärübungen mit internationalen Truppen

Nicht zuletzt, weil da auch der 1200 Quadratkilometer große Truppenübungsplatz der finnischen Armee ist. Mitte November läuft in Rovaniemi gerade ein großes Nato-Manöver. Es ist das erste, zu dem das Nato-Neumitglied Finnland seine Alliierten in die kalte Arktis eingeladen hat.

„Die Übungen hier in Lappland werden größer und internationaler“, stellt Rankinen fest. Generell rüste sein Heimatland auf. Die neuen Kampfflugzeuge vom Typ F-35, die die Regierung in Helsinki bestellt hat, dürften auch in Rovaniemi stationiert werden.

Große Nato-Übung in Lappland: Erstmals hat Finnland seine Verbündeten zum Üben der Bündnisverteidigung in die Arktis eingeladen.

Mehr Militär und intensivere Übungen – das wird die Rettungskräfte in der Region vor neue Aufgaben stellen. Für die sieht sich Rankinen aber gut gerüstet, denn schon jetzt hätten Feuerwehr, Polizei, Armee, Küstenwache und Grenzschutz einen sehr guten Draht zueinander. Ganz so, wie das finnische Militär mit seinen internationalen Verbündeten übt, trainieren sie alle schon auf lokaler Ebene zusammen. Etwa, ein brennendes Haus zu evakuieren.

Gemeinsame Katastrophenschutzübungen gibt es zwar auch in Deutschland. Aber das Besondere am finnischen Konzept ist, wie stark die Ebenen miteinander verzahnt sind. Einmal im Monat tagt auf nationaler Ebene das sogenannte Sicherheitskomitee. Seit den 60er-Jahren gibt es Nationale und Regionale Verteidigungskurse, zu denen Vertreter der Zivilgesellschaft eingeladen werden. Die Teilnehmer bewältigen fiktive Bedrohungsszenarien, das Teamwork wird zur Grundlage für die Zusammenarbeit im Krisenfall. Und das seit Jahrzehnten. Auch mit dem Ende des Kalten Krieges hat Finnland damit nicht aufgehört.

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Finnland konnte Russland noch nie trauen

Fragt man Finnlands Außenministerin Elina Valtonen, dann gab es für ihr Land dazu gar keine Alternative. „Für uns ist die Geografie nicht neu“, sagt sie bei einem Treffen im Parlament in Helsinki in makellosem Deutsch. Zwar habe Russland ihr Land in den vergangenen 70 Jahren nicht militärisch angegriffen. In den vergangenen 800 Jahren aber 40-mal.

Und vom heutigen Russland unter Wladimir Putin gehe eine ernsthafte und andauernde Bedrohung aus, betont die konservative Politikerin. Für die freie Gesellschaft, die Marktwirtschaft, die Demokratie, den Rechtsstaat, die Menschenrechte – in Finnland und in der ganzen westlichen Welt.

Finnland hat seine Wehrpflicht nicht abgeschafft. Wir konnten uns das nie leisten.

Elina Valtonen,

Finnlands Außenministerin

Was die Chefdiplomatin hier erklärt, offenbart eine grundsätzliche Überzeugung, die offenkundig tief verankert ist in der finnischen Seele: „Wir können den Worten aus Moskau nicht trauen. Das konnten wir vor drei Jahren nicht, vor zehn Jahren konnten wir es nicht, und wir können es auch jetzt nicht.“ Machthaber Putin, den sie den „Diktator nebenan“ nennt, halte sich ja nicht einmal an Verträge, die er selbst mit ausgehandelt habe.

„Für uns ist die Geografie nicht neu“, sagt Finnlands Außenministerin Elina Valtonen. Von Russland gehe eine ernsthafte und andauernde Bedrohung aus.
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„Wir haben es in den letzten 20, 30 Jahren – so wie alle anderen europäischen Länder – mit dem Konzept ‚Wandel durch Handel‘ versucht“, bilanziert Valtonen. „Wir haben alle gehofft, dass sich Russland endlich zu einer wahren Demokratie entwickelt.“ Und dann fügt sie hinzu: „Aber gleichzeitig haben wir hier in Finnland gewusst, dass es vielleicht doch nicht so kommt. Und deswegen haben wir immer in unsere Verteidigung investiert.“

Anders als Deutschland habe Finnland seine Wehrpflicht nie abgeschafft. „Wir konnten uns das nie leisten“, unterstreicht sie. Dass junge Rekruten ihrem Land mit der Waffe dienen, auch das ist Teil der finnischen Bewusstseinsschärfung.

Vorbereitet für alle möglichen Krisenfälle zu sein, das ist der Kern des sehr breit gedachten Sicherheitskonzepts. Es sind eindrucksvolle Dimensionen, die staatlicherseits aufgeboten werden können, sowohl in militärischer Hinsicht als auch in Bezug auf den Zivilschutz.

Dessen Stellenwert wird an der schieren Zahl der Bunkeranlagen deutlich, die Finnland zum Schutz seiner Bevölkerung gebaut hat. Als der Eiserne Vorhang fiel, hielt man an den Schutzräumen fest. Allein in der Hauptstadt gibt es inklusiver aller U-Bahn-Stationen und Tiefgaragen derzeit 5500 Luftschutzanlagen, die 900.000 Menschen Platz bieten. Das ist ein Drittel mehr Platz, als Helsinki Einwohnerinnen und Einwohner hat.

Starkes Militär und gut gerüsteter Zivilschutz

Gerüstet ist man auch mit seinen Streitkräften. 870.000 Finnen sind Reservisten, im Kriegsfall kann die Armee 280.000 Mann mobilisieren. Die Artillerie des Landes gilt als die größte in Westeuropa, und es wird noch weiter aufgerüstet: Im vergangenen Jahr gab die Regierung 7,35 Milliarden Euro für das Militär aus – und übertraf so das Zwei-Prozent-Ziel der Nato.

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Von Finnland ist nie eine Bedrohung an Russland ausgegangen.

Elina Valtonen,

Finnlands Außenministerin

Doch gegen Russland, mit dem man eine 1300 Kilometer lange Grenze teilt, richte sich das alles nicht, beteuert Valtonen. „Die Nato ist ein Verteidigungsbündnis. Von der Nato geht keine Bedrohung aus. Und auch von Finnland ist nie eine Bedrohung an Russland ausgegangen.“

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Diese Perspektive ist es auch, mit der Finnland den Eintritt in die Nato vor gut anderthalb Jahren erklärt. Nach dem Zweiten Weltkrieg übte sich Helsinki lange in internationaler Selbstbeschränkung, um vertrauensvolle Beziehungen mit der UdSSR zu ermöglichen. Diese Form der Neutralitätspolitik wurde – oft mit geringschätzigem Unterton – „Finnlandisierung“ genannt.

Nach Ende des Kalten Krieges erfolgte Schritt für Schritt eine Integration in westliche Bündnisse: 1995 ging es in die EU, selbst den Euro führte man 2002 direkt ein. Der Nato-Beitritt 2023 – für viele Finnen ist das die logische Fortsetzung der Geschichte. Meinungsumfragen zeigten das vor dem Beitritt gleichermaßen wie heute.

Staat ruft Bürger aktiv zur Krisenvorsorge auf

Geändert hat sich auch nicht, dass jeder Bürger aufgerufen ist, sich für den Ernstfall zu rüsten – sei es für einen Terroranschlag, eine Naturkatastrophe oder einen Krieg. Die Empfehlungen, die vor wenigen Wochen in der neuesten Version auf dem staatlichen Internetportal Suomi.fi veröffentlicht wurden, sind mehr als eine Liste an materiellen Dingen, die man daheim haben sollte, um mehrere Tage allein über die Runden zu kommen. Der Aufruf schwört die Finnen vor allem mental ein, dass es im Fall der Fälle auf jeden einzelnen der 5,6 Millionen Menschen im Land ankommt.

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Staatlicher Rat zum Preppertum, große Militärübungen, Russland unabänderlich als riesiger, gefährlicher Nachbar: Trotz alledem ist Finnland weit davon entfernt, in Hysterie zu verfallen. Wie gelingt das?

Feuerwehrmann Ville Rankinen muss kurz nachdenken, ehe er in nordischer Gelassenheit sagt: „Ja, die Leute sind skeptischer geworden.“ Immer wieder gebe es mal Gerüchte über russische Spione in der Region. Verrückt machen lasse sich davon aber niemand – und er selbst schon gar nicht. Er erzählt von den Joggingrunden mit einem seiner beiden Hunde, einem Husky. Das Leben sei wie eh und je. „Ich bin das alles gewöhnt“, sagt er. Es fällt nicht schwer, ihm das zu glauben.

Das Operation-Center ist jetzt top secret.

Ville Rankinen,

Chef der Rettungskräfte in Lappland

Und was hat sich konkret in seiner täglichen Arbeit verändert? Wenn heute beispielsweise Feuerwehrkollegen aus anderen Ländern an der Wache klingeln würden, sagt Rankinen, dann könne er ihnen nicht mehr die Leitstelle zeigen. „Das Operation-Center ist jetzt top secret.“ Und natürlich gebe es mit dem russischen Nachbarn jetzt keine gemeinsamen Einsätze mehr, wenn im Grenzgebiet etwas passiere. Das war vor dem russichen Überfall auf die Ukraine noch anders.

Klimawandel, Tourismus, Militär – die Arbeit wird komplexer

Im Alltag jedoch, schiebt er hinterher, da mache sich das alles nicht bemerkbar. Sein tägliches Tun werde dominiert von den klassischen Herausforderungen des Nordens. Jeden Tag etwa kollidiere irgendwo im Umkreis ein Auto mit einem Rentier. Gerade jetzt im Winter steige die Zahl der Verkehrsunfälle, was an übermütigen Touristen liege, die die Witterungsverhältnisse unterschätzten.

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„Und dann haben wir noch das Problem mit Google Maps“, sagt Rankinen. Der Kartendienst will die Menschen auf den kürzesten Weg von A nach B schicken. Doch dieser ist im Winter oft nicht passierbar.

Die Feuerwache von Rovaniemi ist in die Jahre gekommen. Wann es einen Neubau gibt, weiß Feuerwehrmann Ville Rankinen nicht.

Dazu kommt die Gefahr heftiger Hochwasser: Durch Rovaniemi fließen die Flüsse Ounasjoki und Kemijoki, letzterer ist der längste Strom des Landes. Neu sei die Herausforderung nicht – schon sein Vater, auch Feuerwehrmann, musste ihr begegnen. Mit dem Klimawandel jedoch wächst das Risiko.

In der Kombination mit mehr Tourismus und intensiveren Militärübungen gerät die alte Feuerwache langsam an ihr Limit. Sie wurde 1950 errichtet, als Rovaniemi nach dem Krieg wiederaufgebaut wurde, und in den 80ern dann noch einmal erweitert. Den modernen Anforderungen genügt sie nicht mehr so ganz.

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Die Hoffnung auf schnelle Hilfe zur Finanzierung eines Neubaus im stets vorbereiteten Finnland muss Rankinen jedoch bremsen. „Da reden viele mit“, winkt er ab. Beschweren wolle er sich nicht. So sei das Budget für die Rettungskräfte in Lappland zuletzt doch erhöht worden.

Er mache einfach weiter seinen Job. „Es fühlt sich gut an, anderen zu helfen.“ Denn im Grunde ist er doch einfach nur Feuerwehrmann.

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