Kommentar

Ein Misstrauensvotum gegen die Ampel

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), neben Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, und Christian Lindner (FDP), Bundesminister der Finanzen.

Die Ergebnisse der Wahlen in Bayern und Hessen sind wie ein Sturmtief, das einen nur am Rande gestreift hat. Ein paar dicke Äste sind von den Bäumen gekommen, ein paar Ziegel von den Dächern geweht – die politische Landschaft ist aber wiederzuerkennen: In Bayern wird Söder voraussichtlich im Bündnis mit noch selbstbewussteren Freien Wählern weiter regieren. In Hessen bleibt Ministerpräsident Boris Rhein mit einem kräftigen Schub nach vorne am Ruder – und kann sich aussuchen, ob er erneut die Grünen oder eine gedemütigte SPD an Bord holt.

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Diese Wahlen sind angesichts der aufgeladenen politischen Stimmung im Land glimpflich ausgegangen. Sie dürften allerdings die vorerst letzten Wahlen gewesen sein, bei denen der Schaden begrenzt bleibt. Denn in den Wahlergebnissen liegen drei bittere Botschaften.

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Drei Erkenntnisse

Erstens: Die AfD ist auch im Westen der Republik angekommen. Zweitens: Die Ergebnisse sind für die Inhalte und den Politikstil der Ampel ein Misstrauensvotum. Von der Klimapolitik bis zum Ukraine-Krieg ist das Vertrauen der Bevölkerung erschüttert, dass diese Regierung die enormen Herausforderungen der Zeit bewältigen kann. Alle drei Parteien der Ampelregierung sind in einer Krise. Ihnen allen gelingt es nicht, die Bürgerinnen und Bürger davon zu überzeugen, dass es für die Bewältigung der internationalen Krisen und des nationalen Reformbedarfs auch Veränderung braucht und dass die Regierung diese in zumutbarer Dosis verabreicht.

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Die Sozialdemokraten, die in Bayern traditionell schwach sind, haben sich in Hessen zudem mit Innenministerin Nancy Faeser als Spitzenkandidaten mächtig verzockt. Wenn sie Bundesministerin bleibt, wird sie zum Ballast für den Kanzler und die SPD insgesamt. Die Liberalen führen schon wieder einen Existenzkampf an der Fünf-Prozent-Hürde. Die Beteiligung am rot-grünen Bündnis auf Bundesebene vergrault die Kernklientel, die einst FDP gewählt hat, um Rot-Grün zu verhindern. Die Grünen wiederum stehen nach zwei Regierungsjahren entzaubert auf der Lichtung und werden aus allen politischen Lagern attackiert.

Die Union ist gestärkt – aber die internen Machtkämpfe werden komplizierter

Drittens: Die Union geht aus diesen Wahlen zwar mit zwei wiedergewählten Regierungschefs hervor, aber der interne Machtkampf wird noch komplizierter: Söder wird trotz Verlusten mit ungebrochenem Selbstbewusstsein mitmischen. Derweil ist Boris Rhein nach Daniel Günther in Schleswig-Holstein, Hendrik Wüst in Nordrhein-Westfalen und Kai Wegner in Berlin der vierte Beweis, dass die Union mit Männern der politischen Mitte erfolgreicher ist als mit einem Vorsitzenden, der alle paar Wochen rechtspopulistische Töne anschlägt. Die Zuwächse bei AfD und Freien Wählern zeigen, dass Merz damit die Konkurrenz von rechts nicht aufhält.

Wie sehr die demokratische Mitte in Deutschland unter Druck steht, wird sich im kommenden Jahr zunächst bei der Europawahl zeigen. Sie könnte insbesondere wegen der dramatischen internationalen Lage zu einer nationalen Protestwahl werden. Bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg drohen dann die Dächer abgedeckt zu werden. Jedenfalls ist aktuell nicht zu sehen, dass die Demokratie allerorten ausreichend sturmfest ist, politische Mehrheiten jenseits der vom Verfassungsschutz beobachteten AfD zu finden.

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Für die Ampel müssen diese Landtagswahlen ein Weckruf sein. Das Zeitfenster ist bereits schmal, für 2024 und schließlich auch für die Bundestagswahl 2025 einen Stimmungswandel herbeizuführen. Vertrauen wird nur mit für die Menschen spürbaren Erfolgen auf den Feldern von Wohnungsbau, Migration und Integration, Bürokratieabbau, stabiler Infrastruktur sowie mit ökonomischer Stabilität zurückzugewinnen sein.