Ist die ukrainische Großoffensive bereits angelaufen?
New York. Ein Video, das kürzlich von der Ukraine veröffentlicht wurde, zeigt mehrere Soldaten in voller Kampfmontur, die einen Finger vor ihre Lippen halten. „Pläne lieben Schweigen. Es wird keine Startbekanntgabe erfolgen“, besagen die Wörter, die anschließend auf dem Schirm auftauchen.
Tatsächlich sagt Kiew nichts über den etwaigen Beginn einer ukrainischen Gegenoffensive. Aber an mehreren Frontabschnitten sind heftige Kämpfe im Gange, was darauf hindeuten könnte, dass die seit Längerem erwartete ukrainische Großoperation angelaufen ist. Moskau behauptet, dass es ukrainische Versuche, russische Verteidigungslinien zu durchbrechen, abgewehrt habe. Aber manche Militärblogger zeichneten ein anderes Bild, räumten ein, dass die ukrainischen Truppen einige rasche Erfolge verzeichnet hätten.
Die Ukraine hat in den vergangenen Wochen ihren Beschuss russischer Stellungen verstärkt. Es ist ihr gelungen, die russischen Angreifer daran zu hindern, ihre territorialen Gewinne außerhalb der östlichen Stadt Bachmut auszuweiten, deren Einnahme Russland im Mai verkündet hatte. Zudem haben kiewfreundliche paramilitärische Gruppen von Russen Angriffe über die russische Grenze hinweg unternommen, die auf die Region Belgorod abzielten.
Moskau im Visier von Drohnenangriff
Das ukrainische Artilleriefeuer und paramilitärische Vorstöße haben mehrere Städte und Dörfer nahe der Grenze zerstört und zur Evakuierung Tausender Menschen gezwungen. Russische Falken warfen dem Kreml vor, nicht entschlossen genug zurückzuschlagen. Und am 30. Mai wurde Moskau bei einem Drohnenangriff direkt ins Visier genommen. Zwar entstanden nur geringe Schäden, aber es offenbarten sich eklatante Lücken in der Luftverteidigung der Hauptstadt.
Militäranalysten beschreiben die Attacken als „formende Operationen“: Eine Serie von Schritten, die darauf abzielen, die russischen Verteidigungsfähigkeiten zu testen, Moskau zu zwingen, sich militärisch zu verzetteln und Aufmerksamkeit von den Gebieten weg zu lenken, auf die sich die ukrainische Gegenoffensive konzentrieren könnte.
Umgekehrt hat das russische Militär seine Angriffe gegen Ziele tief im ukrainischen Inland verstärkt, fast täglich wertvolle Militäreinrichtungen mit Drohnen und Raketen unter Beschuss genommen. Es behauptet, in den USA hergestellte Patriot-Raketenabwehrsysteme in Kiew zerstört, das ebenfalls in der Stadt gelegene Hauptquartier für militärische Aufklärung sowie Flugstützpunkte und Waffenlager in mehreren Regionen erfolgreich getroffen zu haben. Ob das so den Tatsachen entspricht, konnte nicht unabhängig verifiziert werden.
Beiden Seiten arbeiten mit Propaganda und Fehlinformationen
Russische Militärblogger beschreiben die Attacken als Teil Moskauer Bestrebungen, die Gegenoffensive zum Scheitern zu bringen, indem die ukrainischen Luftverteidigungskapazitäten geschwächt und westliche Waffen sowie Munition zerstört werden.
Beide Seiten haben versucht, sich gegenseitig irrezuführen, durch Propaganda und Fehlinformationen. Am vergangenen Sonntag hackte sich die Ukraine in einige TV-Sendungen auf der – von Russland annektierten – Krim ein, um eine ukrainische Militärerklärung über die Gegenoffensive auszustrahlen. Am Montag wurden Sendungen in mehreren russischen Regionen gehackt, um eine gefälschte Ansprache von Präsident Wladimir Putin zu übertragen – mit dem Ziel, die Moral zu untergraben. Eine Stimme, die seiner ähnelt, verkündete den Ausnahmezustand, eine landesweite Mobilmachung und eine massive Evakuierung in drei Grenzregionen.
Die Ukraine ihrerseits hat Moskau hybride Kriegsführung vorgeworfen. Darunter versteht man in modernen Konfliktszenarien eine Kombination aus regulären und irregulären militärischen, politischen, wirtschaftlichen, geheimdienstlichen und cybertechnischen Kampfformen. Eine wesentliche Säule sind Propaganda- und Desinformationskampagnen in Medien und sozialen Netzwerken.
„Kiew sucht Russlands Schwachpunkte“
Russische Behauptungen über einen angeblichen umfassenden ukrainischen Versuch, russische Verteidigungslinien zu durchbrechen, seien „Teil von Informations- und psychologischen Operationen“, um die „Ukrainer zu demoralisieren und die Allgemeinheit irrezuführen“, hieß es in Kiew. Der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak sagte, Moskau sei „bereits aktiv darin involviert, eine Offensive abzuwehren, die noch nicht existiert“.
Militärexperten glauben, dass die Ukraine versucht hat, ihre Absichten zu verschleiern, indem sie mehrere Angriffe an verschiedenen Frontabschnitten ausgeführt hat – um Russland zu zwingen, seine Ressourcen zu verstreuen und es von dem Gebiet abzulenken, in dem die Hauptoffensive geplant sei. Die Angriffe in den Regionen Saporischschja und Donezk und auf Russlands Belgorod-Region seien alle Teil von Vorbereitungen auf die ukrainische Gegenoffensive, sagt der ukrainische Militäranalyst Roman Switan. „Kiew sucht Russlands Schwachpunkte und versucht, die Front so breit wie möglich zu machen.“
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Zur vollständigen AnsichtViele Experten erwarten, dass die Ukraine versuchen wird, russische Verteidigungslinien in Richtung Asowsches Meer zu durchstoßen, um den Landkorridor zur Krim zu brechen, den Moskau nach der Eroberung der Hafenstadt Mariupol im Mai 2022 geschaffen hatte. Russische Offizielle und Militärblogger meinen, dass die jüngsten Angriffe im südlichen Teil der Donezk-Region und im benachbarten Gebiet von Saporischschja, die am Sonntag einsetzten, der Beginn dieses großen Vorstoßversuches sein könnten.
Beobachter glauben nicht an schnelles Ende des Krieges
Mag die ukrainische Gegenoffensive bereits angefangen haben oder auch nicht, warnen viele Beobachter vor Erwartungen, dass es einen raschen Durchbruch geben könnte und damit dann vielleicht ein schnelles Ende des Krieges. Dazu zählt Sir Richard Barrons, früherer Chef des britischen Joint Forces Command. Er glaubt zum einen nicht, dass die Ukrainer genügend Waffen von der Nato zusammenbekommen haben, um einen entscheidenden Erfolg zu erzielen.
Barrons weist auch darauf hin, dass Russland genug Zeit gehabt habe, sich auf die Gegenoffensive vorzubereiten, zum Beispiel sicherlich eigene blitzschnelle Gegenangriffe geübt habe, „die so wichtig sind, wenn du versuchst, eine Linie wiederherzustellen, die angegriffen worden ist“. Auch hätten die russischen Streitkräfte bestimmt aus ihren Rückschlägen im vergangenen Herbst gelernt, als sie sich unter der Wucht einer ukrainischen Gegenoffensive aus großen Gebieten in den Regionen Charkiw und Cherson zurückgezogen hätten. Diesmal könnte es schwerer für die Ukraine sein, die Russen zu vertreiben.
„Die wichtigste Sache bei dieser Offensive ist, dass es, wann immer sie kommt, wie erfolgreich sie sein mag, schlicht nicht möglich sein wird, dabei jeden Russen aus der Ukraine herauszuwerfen – es sei denn, die Russen entscheiden sich, aufzugeben und zu gehen“, sagt Barrons. „Und das werden sie nicht tun.“
RND/AP