Selenskyj entgeht offenbar erneut einem Attentat
Berlin. Im Angriffskrieg gegen die Ukraine ist Präsident Wolodymyr Selenskyj eines der Hauptziele des Kreml. Trotz der heranrückenden russischen Truppen weigerte er sich im Februar 2022, die ukrainische Hauptstadt Kiew zu verlassen. Stattdessen wendet er sich seither allabendlich mit Videoansprachen an die Bevölkerung, besucht Frontgebiete, um seinen Soldaten Mut zuzusprechen, und tourt durch Europa, um bei den Verbündeten für die Ukraine überlebenswichtige Waffensysteme einzusammeln.
+++ Alle aktuellen News zum Krieg in der Ukraine im Liveblog +++
Nun soll ein Attentatsversuch auf Selenskyj vereitelt worden sein – schon wieder. Der ukrainische Geheimdienst SBU hat nach eigenen Angaben bereits am 1. August eine russische Informantin festgenommen, die Informationen über eine Reise des Präsidenten im vergangenen Monat gesammelt haben soll. Die Frau habe Daten für einen Luftangriff während Selenskyjs Besuch in der Region Mykolajiw gesammelt, teilte der Geheimdienst am Montag mit. Sie sei „auf frischer Tat ertappt“ und festgenommen worden, als sie versucht habe, die Informationen an die russische Seite weiterzugeben.
Mutmaßliche Spionin sammelte auch Informationen über ukrainische Stellungen
Zuvor habe der SBU die Frau über einen längeren Zeitraum beschattet, schrieb der Geheimdienst auf Telegram. Man habe so viel wie möglich über die Pläne sowie Hintermänner herausfinden wollen. Offenbar habe die Frau nicht nur Informationen über Selenskyjs Reiseroute gesammelt, sondern zudem auch Daten zu Standorten ukrainischer Systeme für elektronische Kriegsführung sowie von Munitionsdepots. Die Frau habe in einem Laden für Militärbedarf gearbeitet. „Um Informationen zu sammeln, reiste sie durch das Gebiet des Bezirks und fotografierte die Standorte ukrainischer Objekte“, heißt es in einer Erklärung des SBU. Im Falle einer Verurteilung drohen der Frau zwölf Jahre Gefängnis, so der Geheimdienst.
Es ist nicht das erste Mal seit Kriegsbeginn, dass das Leben Selenskyjs unmittelbar in Gefahr ist. Allein bis zum vergangenen Januar sollen – in rund elf Kriegsmonaten – mindestens zwölf Anschläge auf den Präsidenten verhindert worden sein. Zudem soll es kurz vor Kriegsbeginn zwei Anschlagspläne gegeben, denen Selenskyj nur mithilfe des US-Geheimdienstes CIA entgehen konnte.
In dieser Ansicht können leider nicht alle Inhalte korrekt dargestellt werden.
Zur vollständigen AnsichtUnter den Anschlagsplänen seit Kriegsbeginn sollen auch tschetschenische Killerkommandos gewesen sein, die binnen einer Woche drei Attentate auf Selenskyj durchführen wollten. Laut dem US-Portal „Newsweek“ sollen Kriegsgegner im russischen Geheimdienst FSB Informationen an Kiew weitergegeben haben, die zur Vereitelung der Pläne führten.
Selenskyj bleibt an der Öffentlichkeit
Trotz all dieser Gefahren versteckt sich Wolodymyr Selenskyj nicht in einem Bunker in Kiew, sondern geht immer wieder auf Reisen ins Frontgebiet oder auch ins Ausland. So besuchte er Ende Juli, als die mutmaßliche russische Spionin Informationen über seine Reise sammelte, tatsächlich die Region Mykolajiw, genauer in der Stadt Otschakiw an der Schwarzmeerküste, wo er laut seinem Telegram-Kanal das Personal eines Medizinzentrums ehrte. Außerdem besuchte er die Region Odessa. Anfang Juli reiste der Präsident bereits auf die Schlangeninsel im Schwarzen Meer, die besonders zu Kriegsbeginn lange umkämpft war.
Auch mit Staatsgästen zeigt sich der Präsident oftmals in aller Öffentlichkeit auf den Straßen Kiews. Dieses auf den ersten Blick sorglose Verhalten könne für Selenskyj durchaus Vorteile haben, erklärte der Militärexperte Gustav Gressel im Mai gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Russland wisse aus der Sowjetzeit über die Bunker in Kiew Bescheid, sodass diese keinen adäquaten Schutz darstellten und durch russische Überschallwaffen recht leicht getroffen werden könnten. Außerdem würden die TV‑Bilder aus Kiew täuschen: „Die Fernsehbilder sind ja nicht live, sondern werden mit Verzug ausgestrahlt.“, sagte Gressel dem RND. Zudem habe Russland „große Probleme, mobile Ziele zu treffen“. Und nicht zuletzt hielt es der Experte für unwahrscheinlich, wenn Selenskyj zum Ziel eines Angriffs werde, wenn er in Begleitung eines anderen Staatsoberhauptes ist.
Der australische Reporter Tom Steinfort hingegen beschrieb seinen Besuch beim ukrainischen Präsidenten im vergangenen Jahr als einen „Hollywoodthriller“. Nur über Umwege sei er an den Treffpunkt mit Selenskyj geleitet worden. Dieser befand sich sehr wohl in einem Bunker, der mit verschiedenen Sicherheitsmaßnahmen geschützt worden sei. Zudem wurden alle Gastgeschenke sowie die Kameraausrüstung von Steinforts Team genauestens überprüft.
Wenn Selenskyj ins Ausland reist, werden ganze Städte zu Festungen
Angesichts solcher Sicherheitsvorkehrungen muss es umso ärgerlicher für den Präsidenten und sein Team gewesen sein, als rund eine Woche vor Selenskyjs Besuch in Berlin im Mai Pläne für seine Visite publik wurden. Medien berichteten unter Bezug auf einen Angehörigen der Berliner Polizei von den Plänen und gaben sogar vertrauliche Details wieder. Im Vorfeld seines Besuchs wurde das Berliner Regierungsviertel dann weiträumig abgesperrt, ähnlich sah es in Aachen aus vor der Verleihung des Karlspreises an Selenskyj und das ukrainische Volk. Auslandsreisen Selenskyjs werden normalerweise bis zur letzten Minute geheim gehalten. So war etwa sein erster Auslandsbesuch seit Kriegsbeginn kurz vor Weihnachten in Washington eine große Überraschung für viele internationale Beobachter.
Russland indes wird sich wohl kaum von weiteren Attentatsversuchen abhalten lassen. Infolge des mutmaßlichen ukrainischen Drohnenangriffs auf den Kreml Anfang Mai forderte der ehemalige russische Präsident Dmitri Medwedew die „physische Eliminierung“ Selenskyjs. Der ukrainische Präsident werde nicht „zur Unterzeichnung der Kapitulation der Ukraine“ gebraucht, wütete Medwedew damals.
Selenskyj ist jedoch offenbar gut geschützt: Neben seinen Leibwächtern und den ukrainischen Geheimdiensten scheinen auch westliche Nachrichtendienste eine verlässliche Arbeit zum Schutz des Staatschefs in Kiew zu machen. Selenskyj selbst bewahrt trotz aller Anschlagspläne gegen ihn offenbar die Ruhe. In einem Interview mit dem Portal „Axios“ verglich er im Mai 2022 die Attentatspläne mit dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Er wache täglich auf „und es ist immer noch dasselbe“.
mit Agenturmaterial