Polens alte Männer lähmen das Land
Donald Tusk hat es noch einmal geschafft. Wie erwartet, konnte der 68-jährige polnische Premierminister seine Koalition hinter sich bringen. Die Vertrauensfrage im Sejm, dem polnischen Parlament, entschied Tusk für sich.
In seiner Rede hatte er einen Satz aus Paris zitiert, quasi das Motto des Tennisturniers im Stade Roland Garros, wo Polens Superstar Iga Świątek vergangene Woche aufspielte: „Der Sieg gehört den Hartnäckigsten.“ Der Satz war an Tusks Koalitionspartner gerichtet: Haltet durch, haltet zusammen, wir sind noch für zwei Jahre gewählt.
Polens Wirtschaftswunder kommt ins Stocken
Doch die frühere Weltranglistenerste Świątek schied in Paris im Halbfinale aus. Und Tusks Hartnäckigkeit könnte mit dafür verantwortlich sein, dass auch Polen seinen Spitzenplatz als mitteleuropäisches Wirtschaftswunderland und als robuster Nato-Partner in den kommenden Jahren verliert.
Die polnische Innenpolitik ähnelt einem seit 20 Jahren andauernden Grundlinienduell in der Altherrenliga. Der Liberale Tusk und der Nationalkonservative Jaroslaw Kaczynski (75) prügeln sich verbissen die Bälle um die Ohren. Alle Schläge, alle Bewegungen sind dem Publikum längst bekannt. Kaczynskis Balljunge, der neugewählte Präsident Karol Nawrocki, wird dem Spiel noch mehr hooliganhafte Verbissenheit geben, aber keine neue Richtung.
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Zur vollständigen AnsichtJunge Wähler treibt es anderswohin
Immer mehr Zuschauerinnen und Zuschauer verlassen gelangweilt den Centre Court und schauen sich um, was auf den Nebenplätzen geschieht.
Dort führt etwa der Rechtslibertäre Slawomir Mentzen ein erschreckend unterhaltsames Extremtennis auf. Sein Programm ist ebenso radikal wie inkonsistent, verfängt aber besonders bei den jungen Polinnen und Polen, denen es schon reicht, wenn endlich auch mal ein neuer Star auf dem Platz steht. Ähnlich sieht es beim Zustrom zu den politischen Linkshändern aus, wie etwa dem Präsidentschaftskandidaten Adrian Zandberg. Er sagte am Mittwoch in der Debatte, dass er kaum noch einen Unterschied zwischen Tusk und Kaczynski sehe. Und Tusks Koalitionspartner sondieren schon einmal, ob sie nicht ebenfalls den Platz wechseln und bei einem möglichen neuen Team um Mentzen und Kaczynski anheuern sollten.
Tusk will nun sein Kabinett umbilden, seine Regierungspolitik besser erklären, einen neuen Fokus auf die Wirtschaft legen. Denn der Motor des polnischen Wirtschaftswunders beginnt zu stottern, immer mehr polnische Familien haben das Gefühl, nicht mehr am Aufstieg ihres Landes teilhaben zu können. Auch sie sind einfach von Populisten wie Mentzen zu ködern, der im Präsidentschaftswahlkampf jeder Familie „ein Haus, zwei Autos, einen Grill“ versprochen hatte.
Tusk und seine Koalition haben noch zwei Jahre Zeit, ihren letzten Matchball zu verwandeln. Es könnten ermüdende zwei Jahre werden. Und nur eines ist sicher: Polnische politische Matches werden immer im Tie-Break entschieden.