Selenskyj fordert freie Hand

Massiver Luftangriff durch Russland: Ukraine spricht von einem der schwersten seit Kriegsbeginn

Ein Fischer beobachtet wie Rauch aufsteigt, nachdem russische Streitkräfte einen Raketenangriff auf eine Militäreinheit im Bezirk Wyschhorod am Stadtrand von Kiew durchgeführt haben.

Kiew. Russland hat die Ukraine in der Nacht zum Montag und in den Morgenstunden massiv mit Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen aus der Luft beschossen. In ersten Behördenberichten war von fünf Toten und 17 Verletzten in verschiedenen Landesteilen die Rede. 15 der insgesamt 24 ukrainischen Regionen seien getroffen worden, teilte Ministerpräsident Denys Schmyhal auf Telegram mit.

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Das Hauptziel der Angriffe sei einmal mehr das ukrainische Energiesystem gewesen. Beschädigt wurde unter anderem das Wasserkraftwerk am Kiewer Stausee. In der Hauptstadt Kiew und in anderen Landesteilen kam es zu Stromausfällen, der Energieversorger Ukrenerho verhängte Notabschaltungen. „Der Feind lässt nicht von seinen Plänen ab, den Ukrainern das Licht auszuschalten“, schrieb Energieminister Herman Halutschschtenko auf Facebook. Die Lage sei schwierig. Der Stromversorger Ukrenerho und andere Energiefirmen versuchten, das Netz durch Notabschaltungen zu entlasten. Wo kein Strom ist, fällt meist auch die Versorgung mit Wasser aus.

Über den Treffer auf das Wasserkraftwerk von Kiew berichtete die Nachrichtenagentur Unian, nachdem in russischen Telegramkanälen ein Video der Schäden aufgetaucht war. Demnach brannte es im Turbinenraum des Wasserkraftwerks, die Straße auf der Staumauer war beschädigt. Die Militärverwaltung des Kiewer Umlands bestätigte offiziell nur Schäden an zwei nicht näher bezeichneten Anlagen der Energieinfrastruktur.

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Seit dem Jahreswechsel 2023/24 hat Russland mit mehreren kombinierten Luftangriffen versucht, Kraftwerke und die Energieinfrastruktur der Ukraine auszuschalten. Bei einem Angriff am 29. Dezember setzte die russische Armee nach Kiewer Zählung 122 Raketen und Marschflugkörper sowie 36 Drohnen ein. In der Ukraine waren mehr als 30 Tote zu beklagen.

Selenskyj will Waffeneinsatz gegen Ziele in Russland

Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einem der schlimmsten russischen Luftangriffe in zweieinhalb Jahren Krieg mit mehr als 100 Raketen verschiedener Typen und etwa 100 Kampfdrohnen. „Es gibt viele Schäden im Energiesektor“, sagte er. Aufräum- und Reparaturarbeiten seien in Gang.

Das Märchen von der „Unbesiegbarkeit Russlands“

„Russland ist militärisch nicht zu besiegen“, wird mit Blick auf die Debatte um weitere Ukraine-Hilfe gern behauptet. Putin selbst hat diesen Mythos begründet, der mit der Realität aber nichts gemein hat, sagt der Historiker Klaus Gestwa. Allein im 20. Jahrhundert verlor Russland mindestens drei große Kriege.

Er rief die Welt zu entschiedenem Handeln gegen Moskau auf. Bislang darf die ukrainische Armee viele Waffen mit höherer Reichweite gemäß der westlichen Auflagen nicht gegen Ziele in Russland einsetzen.„Schwäche, unzureichende Entscheidungen als Reaktion nähren den Terror“, sagte er in einer kurzen Videobotschaft. Er erneuerte die flehentliche Kiewer Bitte an Partnerländer, den Einsatz westlicher Waffen gegen Militärziele tief im Rückraum Russlands zu erlauben. „Jeder Führer, jeder Partner von uns weiß, welche starken Entscheidungen notwendig sind, um diesen Krieg zu beenden, und zwar auf faire Weise.“ Dazu gehöre, dass Beschränkungen für den Einsatz gelieferter westlicher Waffen gegen Russland aufgehoben werden. Für die Ukraine dürfe es keine Reichweitenbeschränkung geben, weil auch Russland seine Angriffe nicht beschränke. Ähnlich appellierten Selenskyjs Stabschef Andrij Jermak und Außenminister Dmytro Kuleba an die Verbündeten.

Angriffe hielten mancherorts den ganzen Vormittag an

Explosionen wurden aus dem Umland der Hauptstadt und den Gebieten Schytomir, Chmelnyzkyj, Ternopil, Lwiw und Luzk gemeldet, wie aus der offiziellen Luftalarm-App hervorgeht. Weil die Angriffe den ganzen Vormittag andauerten, sammelten sich die Angaben zu Opfern und Schäden nur langsam. Das Bombardement traf die Ukraine, als die Menschen nach dem Wochenende mit dem Unabhängigkeitstag wieder zur Arbeit gingen. Am Samstag hatte die Europas zweitgrößtes Land den 33. Jahrestag seiner Unabhängigkeit von der Sowjetunion begangen.

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In Kiew war der Luftalarm erst nach fast acht Stunden gegen 13.45 Uhr Ortszeit (12.45 Uhr MESZ) vorbei, weil bis dahin immer noch Schwärme russischer Kampfdrohnen im Luftraum registriert wurden. Videos zeigten, wie die Menschen in der Millionenstadt dicht gedrängt die U-Bahnstationen als unterirdische Zuflucht nutzten.

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Der Bürgermeister von Luzk im Westen der Ukraine, Ihor Polischtschuk, berichtete, ein mehrstöckiges Wohngebäude sowie ein nicht näher benanntes Infrastrukturobjekt seien in seiner Stadt getroffen worden. Ein Mensch sei getötet worden. Einen weiteren Todesfall meldete Gebietsgouverneur Serhij Lysak aus der zentralukrainischen Region Dnipropetrowsk. Der Angriff habe zudem mehrere Brände verursacht. Ein weiterer Mensch sei in der teils russisch besetzten Region Saporischschja getötet worden, teilte Gouverneur Iwan Fedorow mit.

Polen lässt Kampfjets aufsteigen

Der ukrainischen Luftwaffe zufolge setzte die russische Armee zeitweise elf Langstreckenbomber Tu-95 ein, die als Abschussrampen für Marschflugkörper dienen. Außerdem wurden demnach Hyperschallraketen Kinschal auf die Ukraine abgefeuert. Auch aus dem Schwarzen Meer sei die Ukraine mit Marschflugkörpern Kalibr beschossen worden. Dazu wurden nach vorläufigen Angaben Dutzende Drohnen in der Luft geortet. Angaben zu Treffern auf militärische Ziele machte die Ukraine wie üblich nicht.

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Wegen der Nähe der russischen Angriffe zur polnischen Grenze ließ das polnische Militär Abfangjäger aufsteigen, wie die Nachrichtenagentur PAP meldete. An dem Einsatz waren den Angaben nach auch Flugzeuge anderer Verbündeter beteiligt. Die Ukraine wehrt seit Februar 2022 eine große russische Invasion ab. Am Samstag beging das zweitgrößte Land Europas seinen 33. Unabhängigkeitstag.

RND/dpa