Wie gefährlich ist Nordkorea, Herr Ballbach?
Berlin. Eric J. Ballbach beschäftigt sich seit Jahrzehnten als Wissenschaftler mit Nordkorea. Er ist Nordkorea-Experte des Thinktanks Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Am Institut für Koreastudien der Freien Universität (FU) Berlin leitet er die Forschungsabteilung „Nordkorea und Internationale Sicherheit“.
Herr Ballbach, Nordkorea hat sich streng abgeschottet. Es testet seine Raketen und Atomwaffen unbeeindruckt von internationalen Warnungen, es hat seine Drohungen gegenüber Südkorea verschärft. Und es unterstützt Russland offenkundig mit Soldaten bei dessen Angriff auf die Ukraine. Wie gefährlich ist dieses Land?
Die Gefahr, die von Nordkorea ausgeht, war schon immer verhältnismäßig groß. Sie hat sich in den letzten Jahren aber potenziert. Die militärische Schlagkraft wurde durch neue Raketentypen erweitert. Dazu kommt die politische Gefahr durch die Unterlaufung des Atomwaffensperrvertrags. Die zunehmend enge militärische Kooperation mit Russland erhöht das Risiko weiter. Und wenn Konfliktlagen im Indopazifik und in Europa sich überlappen, wird es bestimmt nicht einfacher.
Welche Bedeutung hätte es, wenn nordkoreanische Soldaten gegen die Ukraine mitkämpften?
Es wäre eine Wende, weil nordkoreanische Truppen zum ersten Mal seit dem Ende des Korea-Krieges 1953 aktiv in einen Krieg eingreifen würden. Damit würde sich das im Juni geschlossene strategische Partnerschaftsabkommen zwischen Russland und Nordkorea weiter materialisieren. Und es hätte Folgewirkungen: Denn das im Krieg gewonnene Know-how kann Nordkorea für die Weiterentwicklung seiner Militärstrategien und seiner Waffen verwenden.
Wurde Nordkorea unterschätzt?
Ich glaube nicht, dass man Nordkorea unterschätzt hat. Es wurden aber Gelegenheiten verpasst, den Konflikt beizulegen. In den 1990er-Jahren war man auf einem guten Weg, den Atomkonflikt durch einen bilateralen Vertrag zwischen den USA und Nordkorea zu lösen. Aber da fehlte dann auf beiden Seiten der politische Wille. In den USA gab es innenpolitische Profilierungsbedürfnisse. Und Nordkorea hat durch Provokationen den Prozess entgleiten lassen. Dadurch ist es erstmals misslungen, Nordkorea diplomatisch vom Weg hin zur Nuklearmacht abzubringen.
Lässt sich Nordkorea noch von diesem Weg zur Nuklearmacht abbringen?
Diese Möglichkeit sehe ich nicht mehr. Das nordkoreanische Regime wird die Nuklearwaffen nicht mehr aus der Hand geben. Denn die sind nicht nur Sicherheitsgarantie, sondern aus Sicht Pjöngjangs auch Überlebensstrategie für das Regime.
Ist es möglich, Nordkorea von seinem generellen Kollisionskurs abzubringen?
Ein Militärschlag gegen Nordkorea ist keine gangbare Option. Südkoreas Hauptstadt Seoul liegt so nahe an der Grenze – selbst ein konventioneller Gegenschlag durch Nordkorea würde innerhalb kürzester Zeit zu verheerenden Verlusten führen. Das Ziel muss bleiben, mit Nordkorea wieder in einen Dialog zu kommen – auch wenn das schwerer ist als zuvor.
Wo könnte man mit Gesprächen anknüpfen?
Offizielle Linie Nordkoreas ist es, nicht mehr über Denuklearisierung zu sprechen. Man muss also andere Ansätze finden. Zunächst geht es darum, Nordkorea von Russland loszueisen – und das ist angesichts der sich stetig vertiefenden Kooperation der beiden Länder enorm schwierig. Dringend notwendig wäre es, über die Sicherheit nordkoreanischer Nuklearanlagen zu sprechen, an der auch Russland und China als Nachbarstaaten sicher ein Interesse haben. Und abseits der Sicherheitsthemen könnte auch Umweltschutz ein Thema sein: Das koreanische Wattenmeer zum Beispiel – ein riesiges Ökosystem – braucht dringend nachhaltigen Schutz. All das setzt allerdings die Gesprächsbereitschaft Nordkoreas voraus. Und die ist derzeit offensichtlich nicht gegeben.
Womit ließe sich Nordkorea locken?
Die Frage ist, ob wir noch etwas zu bieten haben, was die Nordkoreaner wollen. Bisher ging es oft um Sanktionserleichterung. Allerdings ist unklar, ob Nordkorea darauf noch angewiesen ist. Denn Russland bricht mittlerweile ganz offen die Sanktionen. Es ist alles leider sehr, sehr schwierig. Dazu kommt, dass sich Nordkorea während der Corona-Pandemie fast vollständig aus internationalen Kanälen zurückgezogen hat. Die Dialogkanäle, die es vor Corona gab, existieren zum größten Teil nicht mehr. Das müsste erst mühsam wieder aufgebaut werden. Was es gibt, sind Kontakte zu Ländern wie Iran, Pakistan und Syrien, die nordkoreanische Waffen kaufen. Wenn diese Waffen jetzt gegen die Ukraine eingesetzt werden sollten, könnte Nordkorea mit so einem Praxistest Werbung machen.
Die Frage ist, ob wir noch etwas zu bieten haben, was die Nordkoreaner wollen. Bisher ging es oft um Sanktionserleichterung. Allerdings ist unklar, ob Nordkorea darauf noch angewiesen ist. Denn Russland bricht mittlerweile ganz offen die Sanktionen. Es ist alles leider sehr, sehr schwierig.
China unterhält Wirtschaftsbeziehungen zu seinem Nachbarland Nordkorea. Aber hat es ein Interesse daran, dass Nordkorea sich so hochrüstet und mit Russland verbindet? Oder kann China da als Bremser auftreten?
Es gab lange die Vorstellung, dass der Schlüssel zur Lösung der Nordkorea-Frage in Peking liegt. Ich bin da sehr skeptisch. Nordkoreas Nuklearprogramm ist sicherlich in China unerwünscht. Deshalb hat China ja auch über Jahre zum Teil sehr harte UN-Sanktionen gegenüber Nordkorea mitgetragen. Aber was China noch viel weniger möchte, ist ein instabiles Nordkorea. Wenn Nordkorea zerbricht und Südkorea den Norden übernimmt. Dann würde China auf einmal eine Grenze mit einem Land teilen, in dem amerikanische Soldaten stationiert sind. Für jeden chinesischen Militär wäre das der absolute Albtraum. Deshalb hat China Nordkorea immer so weit unterstützt, dass der Kollaps abgewendet werden konnte – allerdings so dosiert, dass Nordkorea nicht richtig prosperieren konnte.
Mit dem militärischen Aufschwung Nordkoreas hat China kein Problem?
Solange Nordkorea die Situation als Weiterführung des Status quo verkaufen kann, wird von China wohl kein Gegenwind kommen – zumindest nicht öffentlich. Das kann sich ändern, wenn Russland Nordkoreas Nuklearprogramm direkt unterstützen sollte. Das könnte eine rote Linie für China sein. Aber öffentlich gemacht hat Peking das noch nicht.
Wie wahrscheinlich ist es, dass die Spannungen mit Südkorea eskalieren?
Es ist klar, dass sich Nordkorea auf einen Krieg vorbereitet. Das heißt nicht, dass man die Entscheidung getroffen hat, einen Krieg zu beginnen. Aber es werden Vorkehrungen getroffen. Auch in Südkorea trifft man solche Vorbereitungen. Denn die Eskalationsgefahr ist sehr viel größer geworden. Riskanter wird es dadurch, dass es kaum noch belastbare Kommunikationskanäle mit Nordkorea gibt, nicht einmal für Notfallkommunikation. Dadurch erhöht sich die Gefahr einer ungewollten Eskalation.
Es ist klar, dass sich Nordkorea auf einen Krieg vorbereitet.
Welche Kanäle müsste es geben?
Es gab über Jahre ein rotes Telefon zwischen Nord- und Südkorea, direkt zwischen den Präsidentensitzen. Das liegt wohl brach. Dasselbe gilt für die informellen Kommunikationskanäle, beispielsweise über die Vertretung Nordkoreas bei der Uno in New York. Übrig geblieben ist das UN-Kommando an der innerkoreanischen Grenze, das UN Command, immerhin.
Würden sich die USA in einem Konflikt überhaupt engagieren? Schließlich können nordkoreanische Atomwaffen auch die US-Westküste erreichen.
Die Militärallianz zwischen Südkorea und den USA besagt, dass die USA im Kriegsfall auf südkoreanischer Seite eingreifen werden. Das weiß Nordkorea auch.
Was kann die deutsche Politik tun?
Deutschland hat erkannt, dass die Sicherheitskooperation mit der Region auch abseits des Militärischen wichtig ist. Deutschland ist daher seit wenigen Monaten am UN-Kommando zur Überwachung des Waffenstillstands an der nord-südkoreanischen Grenze beteiligt. Das ist ein symbolischer Akt, aber auch ein wichtiges Signal. Zudem wurde die Zusammenarbeit mit Südkorea vertieft, etwa beim Ausbau der Cybersicherheit.
Die Bundesregierung überlegt, die Botschaft in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang, die zu Beginn der Corona-Pandemie 2020 geschlossen wurde, wieder zu eröffnen. Wäre das eine gute Idee?
Es wäre ein wichtiger Schritt, diese Botschaft wieder zu eröffnen. Es wäre eine Möglichkeit, an Informationen zu kommen und Kommunikationskanäle zu haben. Sicherlich wäre entscheidend, sich Bedingungen wie Bewegungs- und Kommunikationsfreiheit zusichern zu lassen.
Die deutsche Wiedervereinigung wird von manchen als leuchtendes Beispiel für Nord- und Südkorea gepriesen – zu Recht?
Für den Süden ist es sicher ein leuchtendes Beispiel. Für den Norden ist das natürlich ein Albtraum, denn das Schicksal der DDR möchte man tunlichst vermeiden. Aber eine Wiedervereinigung ist weiter weg denn je zuvor. Nordkorea hat Südkorea zum Staatsfeind Nummer eins erklärt und alle Stellen aufgelöst, die mit einer Annäherung betraut waren. Es gibt also einen offenen Bruch mit Südkorea. Das ist sehr bedenklich.