Nach Entführung aus Grenzort

Zwei Leichen von Geiseln im Gazastreifen vom Militär geborgen

In diesem Bild aus einem von den israelischen Verteidigungskräften am 15. November 2023 veröffentlichten Video gehen israelische Soldaten in der Nähe des Schifa-Krankenhauses in Gaza-Stadt.

Tel Aviv/Gaza. Fast sechs Wochen nach dem Angriff der islamistischen Hamas auf Israel haben Soldaten nahe dem Schifa-Krankenhaus im Gazastreifen zwei Leichen von Geiseln geborgen. Eine tote 65-Jährige sei in einem Nebengebäude des Hospitals entdeckt, nach Israel gebracht und identifiziert worden, die sterblichen Überreste einer entführten 19-jährigen Soldatin seien in einem Gebäude neben der Schifa-Klinik gefunden worden. Ihre Leiche sei am Donnerstagabend von Experten in Israel identifiziert worden. Eine Todesursache wurde zunächst nicht mitgeteilt.

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Laut des Armeesprechers Daniel Hagari handelt es sich bei der toten 65-Jährigen um Yehudit Weiss. Die Streitkräfte hätten die Frau nicht rechtzeitig erreicht, sie sei von den Hamas-Terroristen ermordet worden, so Hagari. Wie genau die Entführer sie getötet haben, teilte er nicht mit.

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Die 65-Jährige war laut Militärangaben am 7. Oktober bei dem Massaker der Hamas aus dem israelischen Grenzort Beeri entführt worden. Den Angaben nach wurde ihr Mann erschossen im Schutzraum des Hauses des Paares gefunden. Die beiden haben demnach fünf Kinder. Die Armee habe die Familie der Toten am Donnerstag informiert. Israelischen Medien zufolge war sie vor ihrer Entführung wegen Brustkrebs in Behandlung.

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In dem Gebäude, in dem Streitkräfte die Leiche entdeckten, fanden sie den Angaben nach auch militärische Ausrüstung wie Maschinenpistolen vom Typ Kalaschnikow und Panzerfäuste. Die israelische Zeitung „Haaretz“ meldete, die Armee habe die Leiche der Frau bereits am Mittwoch gefunden. Die Entführer seien vermutlich vor dem Eintreffen der Soldaten vom Tatort geflohen, hieß es in dem Bericht unter Berufung auf das Militär weiter.

Für ihre Familie sei es jetzt zu spät, sagte die Tochter der Frau israelischen Medien zufolge. Aber damit die anderen Geiseln nicht ein ähnliches Schicksal ereilt, müssten sie nun nach Hause gebracht werden, forderte sie demnach.

Israels Armee ist derzeit mit Einsatzkräften in der größten Klinik des Gazastreifens. Soldaten fanden dort Kommandozentren, wie ein Militärvertreter sagte. Es wurden dort demnach auch Waffen, Computer und militärische Ausrüstung gefunden. Unklar blieb, ob es sich bei einem der entdeckten Zentren auch um die von der Armee unter dem Krankenhaus vermutete Kommandozentrale der palästinensischen Islamistenorganisation handelte. Die Hamas bestreitet die Existenz eines solchen Stützpunkts unter der Klinik. Hunderte Patienten und Mitarbeiter halten sich noch dort auf.

Netanjahu: Es gelingt uns nicht, Zahl ziviler Opfer zu minimieren

Israels Regierungschef sieht „starke Hinweise“ darauf, dass Geiseln von der Hamas im größten Krankenhaus des Gazastreifens festgehalten wurden. Das sei einer der Gründe für den Einmarsch israelischer Soldaten in die Schifa-Klinik gewesen, sagte Netanjahu dem Fernsehsender CBS. Zwischen Israel und der Hamas laufen derzeit Verhandlungen über die in den Gazastreifen verschleppten Geiseln. Im Gespräch sei die Freilassung von mindestens 50 Frauen und Kindern und eine drei bis fünf Tage lange Feuerpause, sagte eine mit den Verhandlungen vertraute Person der Deutschen Presse-Agentur.

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Israelische Soldaten legten eigenen Angaben zufolge einen Tunnel der Hamas auf dem Gelände des Schifa-Krankenhauses frei. Außerdem sei auf dem Gelände ein mit Sprengfallen versehenes Fahrzeug mit Waffen, Munition und Handschellen entdeckt worden, teilte das Militär mit. Es sei für das Massaker der Hamas am 7. Oktober in Israel und die Geiselnahmen vorbereitet worden, vermutet die Armee. Auch im Rantisi-Krankenhaus sei ein Tunnel entdeckt worden. Zudem seien im Al-Kuds-Krankenhaus Waffen und Munition aufgespürt worden.

Israels Armee berichtet von Waffenfunden im Schifa-Krankenhaus in Gaza
Das israelische Militär ist davon überzeugt, dass sich unter dem Krankenhaus eine Hamas-Kommandozentrale befindet. Die Hamas weist dies zurück.

Israel steht international wegen des Einsatzes im Schifa-Krankenhaus, dem größten Klinik-Komplex des Gazastreifens, in der Kritik. Einige Staaten werfen dem Land Kriegsverbrechen vor. Laut humanitärem Völkerrecht sind Angriffe auf zivile Ziele wie Krankenhäuser verboten. Wenn zivile Objekte allerdings für militärische Zwecke missbraucht werden, gilt dies nach Ansicht von Völkerrechtlern nicht mehr zwangsläufig.

Der israelische Regierungschef räumte ein, dass die Streitkräfte bei ihrem Versuch, zivile Opfer zu vermeiden, nicht immer erfolgreich seien. Zwar versuche das Militär, den Militäreinsatz im Gazastreifen mit einem Minimum an zivilen Opfern zu beenden, sagte Benjamin Netanjahu in einem Interview des US-Fernsehsenders CBS. „Das versuchen wir, aber leider gelingt es uns nicht. Jeder Tod eines Zivilisten ist eine Tragödie. Wir versuchen alles in unserer Macht Stehende zu tun, um Zivilisten aus der Gefahrenzone zu bringen, während die Hamas alles tut, um sie dort festzuhalten.“

Israel: Kontrolle über den Westen von Gaza-Stadt erlangt

Israels Armee hat nach Angaben von Verteidigungsminister Joav Galant die Kontrolle über den westlichen Teil der Stadt Gaza im nördlichen Gazastreifen erlangt. „Die nächste Phase hat begonnen“, sagte Galant. Wie diese Phase konkret aussehen soll, ließ er offen. Auch meldete die israelische Armee, sie habe die „operative Kontrolle“ über den Hafen der Stadt übernommen, der vorher von der Hamas kontrolliert worden sei. Örtliche Quellen bestätigten der dpa die Übernahme. Israels Armee forderte erneut Zivilisten in mehreren Vierteln der umkämpften Stadt Gaza zur Flucht auf. Hunderttausende sind bereits vom Norden in den Süden des Küstenstreifens geflohen. Allerdings gab es auch dort mehrfach israelische Luftangriffe.

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Nach seinen Verbalattacken auf Israel und seiner Verteidigung der von der EU als Terrororganisation eingestuften Hamas wird der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zu einem Besuch in Deutschland erwartet. Am Freitag will er sich mit Bundeskanzler Olaf Scholz im Kanzleramt treffen. Erdogan hatte die Hamas zuletzt als „Befreiungsorganisation“ verteidigt und Israel als „Terrorstaat“ verurteilt.

Zudem reist der EU-Außenbeauftragter Josep Borrell zu Gesprächen nach Ramallah. Geplant sind unter anderem Gespräche mit Vertretern der Zivilgesellschaft sowie ein Treffen mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas.

Terroristen der islamistischen Hamas und anderer Gruppierungen waren am 7. Oktober in einem beispiellosen Überraschungsangriff über die Grenze nach Israel gekommen und hatten dort rund 1200 Menschen getötet. Sie zogen mordend durch israelische Ortschaften im Grenzgebiet und griffen ein Musikfestival an. Rund 240 Menschen wurden in den Gazastreifen verschleppt und dort als Geiseln festgehalten.

RND/dpa