Enormer Bedarf in der Ukraine: USA kommen mit der Produktion von Haubitzengeschossen nicht hinterher
Scranton. Der Ukraine-Krieg hat die Stadt Scranton in Pennsylvania ins Blickfeld des Pentagons gerückt. Genauer: die Scranton Army Ammunition Plant – eine Produktionsstätte für Artilleriegeschosse, von denen gar nicht genug für die Ukraine gefertigt werden können. Deshalb steht die Fabrik nun ganz oben auf einem Modernisierungsplan des US-Verteidigungsministeriums zur Beschleunigung der Produktion.
Die von Kohlebaronen erbaute Stadt Scranton ist einer von nur zwei Standorten in den USA, an denen die Hülsen für die 155-mm-Haubitzengeschosse hergestellt werden. Tonnenweise kommen hier die Stahlstangen per Zug an, um zu den kriegswichtigen Granaten umgeschmiedet zu werden, die Washington an den Partner in Kiew liefert.
Doch die russische Invasion in die Ukraine hat den USA klar vor Augen geführt, dass ihre Vorräte ebenso wie die der europäischen Verbündeten nicht auf einen großen und andauernden Landkrieg ausgerichtet waren. Inzwischen sind Milliardensummen für eine Ankurbelung der Produktion vorgesehen, von der größten Umstrukturierung seit 40 Jahren ist die Rede.
Hürden erschweren Umbau der Produktionsstätte
In Scranton ist das nicht einfach: Praktisch jeder Quadratmeter des roten Backsteinfabrikgebäudes, das vor mehr als einem Jahrhundert als Reparaturdepot für Lokomotiven errichtet wurde, wird genutzt. Zudem steht das historische Gebäude unter Denkmalschutz, sodass die Strukturen kaum verändert werden können. Die Arbeiten haben aber begonnen, und bis 2025 soll eine neue Produktionslinie stehen.
Bisher haben die USA die Ukraine mit Waffen und Ausrüstung im Wert von mehr als 35 Milliarden Dollar (rund 32 Milliarden Euro) unterstützt. Dabei zählt die 155-mm-Granate zu den nachgefragtesten Munitionsgütern. Mit den Geschossen wird eine Reichweite von bis zu 32 Kilometern erreicht.
„Wir müssen leider zur Kenntnis nehmen, dass die Produktion sehr begrenzt ist und der Krieg schon mehr als ein Jahr andauert“, erklärte kürzlich die ukrainische Parlamentsabgeordnete Olexandra Ustinowa bei einem Besuch in Washington. „Aber leider sind wir sehr abhängig von 155.“
Nach US-Militärangaben wurden bislang mehr als 1,5 Millionen solcher Geschosse in die Ukraine geliefert. Nun sind 1,5 Milliarden Dollar (knapp 1,4 Milliarden Euro) vorgesehen, um die Produktion der 155-mm-Granaten von 14.000 pro Monat vor dem Krieg bis 2028 auf über 85.000 pro Monat zu steigern.
In dieser Ansicht können leider nicht alle Inhalte korrekt dargestellt werden.
Zur vollständigen AnsichtGroße Schwierigkeiten, ukrainischen Bedarf zu decken
Doch auf absehbare Zeit können selbst höhere Produktionsraten nicht den Bedarf der Ukraine decken – geschweige denn dafür sorgen, die US-Bestände aufzufüllen. Nach offiziellen Schätzungen feuern die ukrainischen Streitkräfte täglich 6000 bis 8000 Granaten ab. Das bedeutet: Die an zwei Tagen eingesetzten Geschosse entsprechen der monatlichen Vorkriegsproduktion der Vereinigten Staaten.
Das bereitet den Strategen Sorgen. „Dies könnte sich zu einer Krise auswachsen“, heißt es in einem Bericht des Zentrums für Strategische und Internationale Studien (CSIS) in Washington vom Januar. Bei weitgehend festgefrorener Frontlinie habe die Artillerie die wesentliche Rolle.
Von russischer Seite werden nach Angaben der ukrainischen Abgeordneten Ustinowa 40.000 Granaten pro Tag abgefeuert. „Wir schießen also fünfmal weniger als sie und versuchen, dies aufrechtzuerhalten“, sagte Ustinowa. Aber wenn die Produktion nicht angekurbelt werde, gebe es ein großes Problem.
Die US-Streitkräfte haben mittlerweile mit Werken in Texas und Kanada neue Verträge zur Herstellung von 155-mm-Geschossen abgeschlossen, wie der stellvertretende Heeresminister Douglas Bush erklärte. Und: Auch in Übersee werde nach Partnern gesucht, um die Produktion auszudehnen.
RND/AP