Eine Analyse in Grafiken

Der Kanzler mit den schlechten Umfragewerten: Darum ist Olaf Scholz so unbeliebt

An den Umfragewerten gemessen: Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (von links), die ehemalige Kanzlerin Angela Merkel, der amtierende Bundeskanzler Olaf Scholz und Ex-Kanzler Gerhard Schröder.

Olaf Scholz ist in vielerlei Hinsicht ein Ausnahmekanzler. Er ist der erste Regierungschef in der bundesrepublikanischen Geschichte, der in einem Dreierbündnis koaliert hat – und das auch noch mit weltanschaulich voneinander abweichenden Partnerparteien. Er ist zudem der erste Kanzler seit 1945, während dessen Amtszeit ein großer zwischenstaatlicher Krieg in Europa hereingebrochen ist.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Und wohl auch wegen dieser Verkettung unglücklicher Umstände ist Olaf Scholz der Kanzler mit den miserabelsten Umfragewerten seit der deutschen Einheit. Weder Helmut Kohl (CDU) noch Gerhard Schröder (SPD) und schon gar nicht Angela Merkel (CDU) schnitten gegen Ende ihrer Amtszeit in der Gunst der Menschen derart schlecht ab wie der Sozialdemokrat Scholz. Auf der Punkteskala der Forschungsgruppe Wahlen ist er der Einzige, der am Ende mit einem Minuswert da steht – zumindest zum Stand Ende Januar, in den letzten Wochen des Wahlkampfes.

Ansicht wechseln

In dieser Ansicht können leider nicht alle Inhalte korrekt dargestellt werden.

Zur vollständigen Ansicht

Dabei hatte es gar nicht so schlecht angefangen. Doch wer sich die Scholz’sche Kurve anschaut, erkennt sofort einen einzigen unerbittlichen Absturz. In der Tendenz ging es vom allerersten Tag der Kanzlerschaft an abwärts, mit kleinen Unterbrechungen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Kaum drei Monate war Olaf Scholz im Amt, da überfiel Russlands Präsident Wladimir Putin die Ukraine. Der Kanzler bekam für seine nun folgende „Zeitenwenden“-Rede im Bundestag zwar parteiübergreifenden Zuspruch, und auch seine Umfragewerte gingen daraufhin noch einmal kurz nach oben. Doch das „Biest“ Inflation, eine unmittelbare Folge des Krieges, schürte schnell eine breite und wohl auch diffuse Unzufriedenheit mit der Politik. Ab April 2023 sank die monatliche Teuerungsrate nicht mehr unter 7 Prozent, dafür sanken Scholz’ Umfragewerte für den Rest des Jahres fast stetig ab.

Ansicht wechseln

In dieser Ansicht können leider nicht alle Inhalte korrekt dargestellt werden.

Zur vollständigen Ansicht

Das Jahr 2023 wurde nicht besser. Ende Februar sickerte ein halbgarer Entwurf des Heizungsgesetzes an die Presse durch, jemand in der Bundesregierung muss es wohl geleakt haben (die Grünen haben die FDP im Verdacht). Von nun an wurde das Wort „Ampelstreit“ zur Dauerschlagzeile, und der Kanzler schien immer mehr den Eindruck zu erwecken, seinen Laden nicht im Griff zu haben.

So ging es weiter bergab mit der Scholz’schen Kurve, die noch mal einen niederschmetternden Schlag versetzt bekam, als das Bundesverfassungsgericht im November 2023 den Bundeshaushalt der Ampelregierung für unrechtmäßig erklärte. Scholz’ Umfragewerte fielen tief in ein historisches Minus.

Auf eine „schwarze Null“ sollte es der Kanzler für den Rest seiner Amtszeit nicht mehr schaffen. Sein Image blieb „under water“, wie man in den USA sagt, deutlich im Minusbereich. Die kriselnde deutsche Wirtschaft, die ab 2023 in die Rezession rutsche, half dabei sicher auch nicht.

Merkel und die Krisen

Wie glücklich kann sich da doch Scholz’ Vorgängerin Angela Merkel schätzen. Anders als der amtierende Kanzler, aber auch als Schröder und Kohl, war sie am Ende ihrer Amtszeit deutlich beliebter als am Anfang.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auch Merkels Kurve hat ihre Hochs und Tiefs und Wendepunkte. Offenbar beschieden ihr die Bürgerinnen und Bürger in der Finanzkrise ab 2007 einen recht guten Job, ihre Werte litten darunter jedenfalls nicht. Bei der Eurokrise ab Ende 2009 sah das schon anders aus. Die Empörung über deutsche Haftungsrisiken für Schuldenstaaten wie Griechenland waren damals der Keim, aus dem die AfD entstand, ursprünglich als Anti-Euro-Wirtschaftspartei unter dem Ökonomieprofessor Bernd Lucke.

Ansicht wechseln

In dieser Ansicht können leider nicht alle Inhalte korrekt dargestellt werden.

Zur vollständigen Ansicht

Merkel gewann ihre Beliebtheit insbesondere durch eine Entscheidung zurück: den Ausstieg vom Ausstieg aus dem Atomausstieg. Eigentlich hatte ihre schwarz-gelbe Koalition das unter der rot-grünen Schröder-Regierung beschlossene Ende der Atomkraft aufgehoben. Aber nach dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima im März 2011 schwenkte Merkel um. Das trug mit dazu bei, dass ihre Werte wieder anstiegen.

Der nächste Wendepunkt sollte erst im September 2015 kommen. In der sogenannten Flüchtlingskrise wurde Merkels „Wir schaffen das“ zum Sinnbild ihrer humanistischen Migrationspolitik, aber auch zur Geburtsstunde jener rassistischen Verschwörungstheorien vom „großen Austausch“, die bis heute die AfD beflügeln. Merkels Zustimmungswerte fielen steil ab.

Anders als Scholz aber erholte sich Merkel von der Krise – in einer anderen Krise. Als Anfang 2020 die Corona-Pandemie ausbrach, profitierte die Bundeskanzlerin ungemein in ihren Umfragewerten. Zu verdanken hat sie das wohl auch dem in der empirischen Sozialforschung bekannten Effekt, dass das Ansehen der Mächtigen in erkennbar unverschuldeten Krisen tendenziell zunimmt – zumindest, wenn sie keine groben Fehler machen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Schröders zweigeteilte Kanzlerschaft

Merkels Vorgänger Gerhard Schröder wiederum hatte seinen ganz eigenen „Wir schaffen das“-Moment – von dem er sich allerdings nicht mehr so richtig erholte. Mit den Hartz-Reformen („Fördern und Fordern“) verkaufte der sozialdemokratische Kanzler nach Ansicht vieler Genossen die Seele seiner Partei. Es ist kein Zufall, dass nicht nur seine Umfragewerte im Zuge der Agenda 2010 in den Keller stürzten, sondern auch die SPD bis heute unter dem damaligen Sündenfall leidet.

Ansicht wechseln

In dieser Ansicht können leider nicht alle Inhalte korrekt dargestellt werden.

Zur vollständigen Ansicht

Und so lässt sich die Schröder’sche Kurve in zwei Hälften unterteilen. Die linke Hälfte zeigt eine recht positive erste Amtszeit, wo nur die deutsche Beteiligung am Nato-Einsatz im Kosovo eine größere Delle schlug. Vor allem mit seinem Nein zu amerikanischen „Abenteuern“ im Irak sicherte sich Schröder dann aber den Wahlsieg gegen Unionsherausforderer Edmund Stoiber.

Die rechte Hälfte der Kurve bildet dagegen eine ziemlich maue zweite Amtszeit im Schatten der Hartz-Reformen ab. Nach einer Serie von SPD-Niederlagen in Landtagswahlen führte Schröder schließlich durch eine – bis heute umstrittene – Vertrauensfrage die Neuwahl herbei, die seine Kanzlerschaft beendete.

Kohl – von der Euphorie zum Überdruss

Bei Helmut Kohl hingegen zeigt die Kanzlerkurve eher eine Berg-und-Tal-Fahrt, deren Aufwärtsbewegungen vor allem mit Kohls Qualitäten als Wahlkämpfer zu tun haben. Um nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen, beginnt man die Betrachtung der Umfragewerte sinnvollerweise erst im Jahr 1990, ab dem gesamtdeutsche Werte vorliegen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Natürlich startet der Kurvenverlauf dann auf einem Gipfel, mitten in der Euphorie über die neu gewonnene deutsche Einheit, als deren Mitarchitekt Helmut Kohl zu Recht gilt. Doch die Ernüchterung folgte auf dem Fuße.

Ansicht wechseln

In dieser Ansicht können leider nicht alle Inhalte korrekt dargestellt werden.

Zur vollständigen Ansicht

Im Wahlkampf des Jahres 1990 hatte Kohl versprochen, „in drei, vier Jahren“ würden aus den neuen Bundesländern „im Großen und Ganzen blühende Landschaften“ entstehen. Steuererhöhungen für die Kosten der Ostintegration seien nicht nötig. Stattdessen fiel die Ostwirtschaft massiver zusammen als von vielen Fachleuten prognostiziert, und Kohl brach mit dem Solidaritätszuschlag und weiteren Steuererhöhungen seine Wahlkampfversprechen, was als „Steuerlüge“ in die Geschichte einging.

Dann zeigte sich aber das schon angesprochene Muster bei Kohl. Im Wahlkampf des Jahres 1994 erreichte er eine „Wiedergeburt“ in den Umfragen und gewann noch einmal knapp eine Bundestagswahl. Dabei half ihm, dass die Sozialdemokraten mit Rudolf Scharping einen eher schwachen Herausforderer ins Feld geschickt hatten.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Schon bald in seiner zweiten Amtszeit setze aber eine „Kohl-Müdigkeit“ ein. In der SPD erwuchs mit dem 14 Jahre jüngeren und mediengewandten Gerhard Schröder ein starker Rivale, der eine echte Alternative zum ewigen Regenten Kohl zu bieten schien.

Trotzdem gelang es Kohl, seine Umfragewerte in der Polarisierung des Wahlkampfes noch einmal hochzutreiben. Aber diesmal reichte es nicht mehr. Schröder lag zeitweise mit 40 Prozentpunkten vor Kohl, am Wahltag waren es immerhin noch 13. Nach mehr als 16 Jahren Kohl wählten die Deutschen einen Kandidaten, der für den Aufbruch in eine neue Zeit stand.