Kein schnelles Vorankommen der Ukraine – eine Offensive im Zeitlupentempo
Kiew. Die ukrainischen Streitkräfte haben bei ihrer Offensive gegen die russische Armee im Gebiet Saporischschja im Süden des Landes nach Einschätzung westlicher Experten lokale Erfolge erzielt. Die Gewinne gebe es im Westen des Gebiets Saporischschja und dort im Südwesten und Südosten der Stadt Orichiw, teilte das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) in Washington mit.
+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++
Ukrainische Streitkräfte hätten demnach am 10. Juni an vier Abschnitten die russischen Frontlinien attackiert. Im Oblast Luhansk in der Nähe des Dorfes Bilohorivka (eher im Norden der russisch-ukrainischen Frontlinie gelegen) sollen die Angreifen etwa 1400 Meter weit ins bislang russisches Gebiet vorgerückt sein, gab Oberst Serhiy Cherevaty, Sprecher der Ukrainischen Ostgruppe der Streitkräfte bekannt. Russische Militärblogger berichteten zudem von ukrainischen Vorstößen nordwestlich und nordöstlich der Stadt Bachmut, die nach über einem Jahr schwerer Kämpfe zuletzt an Russland gefallen war.
Entscheidung im Raum Saporischschja?
Das russische Verteidigungsministerium und andere russische Quellen behaupteten, ukrainische Truppen griffen insbesondere im Gebiet Velyka Novosilka an, im Grenzgebiet der Oblast Donezk-Saporischschja. Geolokalisierte Aufnahmen vom 10. Juni deuten zudem darauf hin, dass ukrainische Streitkräfte im westlichen Oblast Saporischschja südwestlich und südöstlich von Orichiw Geländegewinne erzielt hätten, russische Militärblogger gehen indes davon aus, dass die Frontlinie dort nicht durchbrochen sei.
Gewinne für die ukrainischen Streitkräfte im Raum Saporischschja könnten einen schweren Schlag für Russlands gesamten Feldzug bedeuten. Als vorrangiges Ziel der Ukraine gilt es, den russischen Landkorridor vom besetzten Donbass zur Krim zu durchbrechen, die 2014 illegal annektiert wurde. Satellitenbilder zeigen das Ausmaß der russischen Befestigung. Dazu gehören ganze Reihen von Panzergräben, Hindernissen, Minenfeldern und Schützengräben.
Nach Einschätzung des US-Militärexperten Phillips O‘Brien könnte es noch Wochen dauern, ehe die Ukrainer hier mit Angriffen Erfolg haben. Die Russen seien sich über die Bedeutung der Front in Saporischschja im Klaren. „Sie haben einige der tiefsten Verteidigungslinien aufgebaut und nutzen einige ihrer besten Kräfte, um das Gebiet zu verteidigen“, so O‘Brien.
In dieser Ansicht können leider nicht alle Inhalte korrekt dargestellt werden.
Zur vollständigen AnsichtDas gut informierte oppositionelle Online-Medium Nexta aus Belarus postete via Twitter Clips, in denen ukrainische Soldaten zu sehen sind, die im Dorf Blahodatne etwa 20 Kilometer der 100.000-Einwohnerstadt Lyssytschansk, die von Russland besetzt ist, die ukrainische Flagge hissen. Auch die Dörfer Lobkove, Levadnoe und Neskuchnoe sollen befreit worden sein.
Die Verteidiger scheinen gut vorbereitet
Was sich aber deutlich abzeichnet ist, dass es schwere Gefechte gibt. Die Verteidiger scheinen gut vorbereitet zu sein, die Ukrainer kommen offenbar nur langsam vorwärts. Ein russischer Militärblogger behauptet, dass russische Verteidigungsoperationen in der Südukraine auf drei Hauptkomponenten beruhen: Früherkennung und Zerstörung ukrainischer Angriffsformationen, massiver Einsatz von Panzerabwehrwaffen und die Verminung von Gebieten in der Nähe russischer Verteidigungsstellungen.
Ebenso loben russische Militärblogger ausdrücklich die elektronischen Kriegsführung des Kremlmilitärs als Schlüssel zur Abwehr ukrainischer Angriffe: Russische Spezialeinheiten (EW - „electronic warfare“) sollen angeblich die ukrainischen Kommunikations- und Lufteinheiten erfolgreich stören, was die Angreifer genötigte hätte, ohne Kommunikation oder mit ausgeschaltetem GPS vorzurücken. Überprüfen lassen sich diese Angaben nicht. Tatsächlich äußerten schon Experten, dass die russischen Streitkräfte ihren EW-Einsatz während der Invasion in der Ukraine deutlich verbessert hätten.
Russische Regionen meldeten erneut Beschuss von ukrainischer Seite. In der Region Kaluga schlugen laut Behörden zwei Drohnen ein. Über Verletzte oder größere Schäden war zunächst nichts bekannt. Im an die Ukraine grenzenden Gebiet Belgorod, das seit Tagen beschossen wird, teilte Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow am Sonntag mit, dass ein Güterzug mit 15 leeren Waggons entgleist sei. Verletzte gab es demnach nicht, der regionale Zugverkehr musste vorübergehend eingestellt werden. Die Hintergründe waren zunächst unklar. In Russland verüben immer wieder Schienenpartisanen Sabotageakte gegen Bahnanlagen, um militärischen Nachschub zu stoppen.
Schoigu verleiht Orden an „Panzer-Killer“
Unklarheit herrscht weiterhin, ob und wie viele von Deutschland und den Verbündeten gelieferte Kampfpanzer vom Typ Leopard und Bradley bereits zerstört seien. Dass es zu Verlusten kam, ist wahrscheinlich, auch wenn sich gepostete Clips immer wieder als Fälschung herausgestellt haben.
Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu verteilte am Sonntag Medaillen an Soldaten, die in der Ukraine angeblich vier deutsche „Leopard“-Panzer und fünf Bradley-Schützenpanzer aus den USA zerstört haben sollen. Im staatlichen Fernsehen war Schoigu zu sehen, wie er ihnen den goldenen Stern als „Held Russlands“ übergibt, die höchste militärische Auszeichnung. Solche Erfolgsmeldungen des Kreml sind erfahrungsgemäß mit größter Vorsicht zu genießen. Schoigu war es, der auch vor Tagen, also noch vor Beginn der Offensive, den Abschuss von zwei Leopard-Panzern meldete und das mit Bildern dokumentieren ließ - auf denen allerdings die Zerstörung von Landwirtschaftsfahrzeugen zu sehen waren.
In dieser Ansicht können leider nicht alle Inhalte korrekt dargestellt werden.
Zur vollständigen AnsichtLob für Qualität deutscher Waffen
Der Chef des Rüstungskonzerns Rheinmetall, Armin Papperger, hatte Verluste von an die Ukraine gelieferten Waffensystemen eingeräumt, zugleich aber deren grundsätzliche Qualität gelobt. „Im Leben gibt es immer Verluste“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Man rede aber nicht darüber. Grundsätzlich hätten sich die gelieferten Waffensysteme bewährt, sagte Papperger: „Die Rückmeldungen der Ukrainer zu den deutschen Waffen sind sehr positiv.“
Es finden Gegenoffensive und Abwehrmaßnahmen statt.
Wolodymyr Selenskyj,
Präsident der Ukraine
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte erstmals am Sonnabend bestätigt, dass die lang erwartete Gegenoffensive seines Landes gegen Russland begonnen hat. „Es finden Gegenoffensive und Abwehrmaßnahmen statt“, sagte er. Er fügte jedoch hinzu, dass er nicht im Detail darüber sprechen werde, in welchem Stadium oder Zustand sich die Gegenoffensive befinde. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte in einem am Freitag veröffentlichten Videointerview betonte, die ukrainischen Vormarschversuche seien mit schweren Verlusten gescheitert.
Die Ukraine verteidigt sich seit mehr als 15 Monaten gegen den russischen Angriffskrieg, der am 24. Februar 2022 begonnen hatte. Das mit westlichen Waffen ausgestattete Land will sich im Zuge einer Gegenoffensive die von Russland besetzten Gebiete zurückholen. Dazu hatte Kiew zuletzt auch breite Offensivhandlungen und Angriffe seiner Truppen bestätigt. Es gab allerdings weiter keine klare Bestätigung, dass die seit Monaten angekündigte Großoffensive begonnen hat. Kremlchef Wladimir Putin hatte am Freitag gesagt, diese Offensive der Ukraine habe bereits begonnen.
Mit Material von AP und dpa