Die „ewige Freundschaft“ bröckelt
Auf dem Papier war es eine Niederlage: Der US-Senat stimmte gegen zwei Resolutionen, die amerikanische Verkäufe von Bomben und Bulldozern an Israel blockiert hätten. Doch wer nur das Ergebnis las, verpasste die eigentliche Nachricht. Bei der Bulldozer-Abstimmung votierten 40 der 47 Abgeordnete des demokratischen Blocks dafür – die größte Zahl, die jemals für einen solchen Vorstoß gestimmt hat. Bernie Sanders forderte ein Ende von Israels Siedlungspolitik und Gaza-Besetzung. Der 84-Jährige war lange einer der wenigen Palästina-Unterstützer im Senat. Mit seiner Israelkritik steht er heute längst nicht mehr allein da – das zeigen auch Umfragen.
Die Abstimmung ist das jüngste Symptom einer Verschiebung, die das Fundament der amerikanisch-israelischen Beziehungen erfasst hat. Als US-Präsident Harry Truman das jüdische Land 1948 anerkannte – elf Minuten nach dessen Ausrufung – legte er den Grundstein für eine Partnerschaft, die Bill Clinton „ewige Freundschaft“ und Barack Obama „unzerbrechlich“ nennen würde. Mehr als 300 Milliarden Dollar an Wirtschafts- und Militärhilfe flossen seither, jedes Jahr kommen 3,8 Milliarden hinzu, dazu Unterstützung für die Iron-Dome-Luftabwehr und Notpakete. Keine bilaterale Beziehung der USA war je so teuer, so eng und so sakrosankt. Nun wird sie von zwei Seiten gleichzeitig infrage gestellt.
Die Zange zwischen links und rechts
Auf der einen Seite stehen Liberale wie der einflussreiche „New York Times“-Kommentator Ezra Klein. Er – selbst jüdisch – sagte jüngst, der Kurs der Regierung Netanjahu könne „nur als Apartheid verstanden werden.“ Was vor wenigen Jahren als radikal gegolten hätte, ist links der Mitte Mainstream geworden. Sichtbar ist das auch in den propalästinensischen Protestcamps, die Studierende 2024 an Universitäten im ganzen Land errichteten.
„Kann nur als Apartheid verstanden werden“
„New York Times“-Kommentator Ezra Klein über die israelische Regierung
Die eigentliche Überraschung aber liegt auf der anderen Seite des Spektrums. Marjorie Taylor Greene, einst Trump-Verbündete der ersten Stunde, wurde im vergangenen Jahr die erste Republikanerin im Kongress, die Israel einen Völkermord in Gaza vorwarf. Der rechte Populist Tucker Carlson bezeichnete den Iran-Krieg als „Israels Krieg“, in den der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu Trump hineingezogen habe.
Zunächst jedoch wirkte der Gaza-Krieg nach dem verheerenden Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 mit über 1.200 Toten als Katalysator der Dynamik. Israels Bomben US-amerikanischer Bauart und eine Bodenoffensive töteten in der Folge laut palästinensischen Angaben mehr als 72.000 Menschen, darunter Zehntausende Kinder und Frauen. Der Internationale Strafgerichtshof erließ Haftbefehl gegen Netanjahu wegen Kriegsverbrechen. Der US-israelische Krieg gegen den Iran richtete den Fokus erneut auf die Beziehungen.
Zusammen bilden diese Kräfte eine Zangenbewegung. Von links kommt seit Jahren Kritik an Besatzung und Siedlungsbau. Von rechts nun der isolationistische Reflex: Hatte Amerika sich gerade von einem anderen Land in einen Krieg hineinziehen lassen?
Bruch der Generationen
Die Zahlen bestätigen die Entwicklung. Ende Februar verkündete das Gallup-Institut, dass sich die Stimmung in seiner seit 2001 erhobenen Dauerbefragung erstmals gedreht hat: 41 Prozent der Amerikaner sympathisieren eher mit den Palästinensern, nur noch 36 Prozent mit den Israelis. Noch 2018 lagen die Werte bei 64 zu 19 zugunsten Israels. Vor allem bei Jüngeren verliert Israel dramatisch an Rückhalt.
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Zur vollständigen AnsichtSpannungen gab es in der Geschichte der US-israelischen Beziehungen immer wieder, etwa unter den Präsidenten Eisenhower, Carter oder Obama. Doch stets waren es temporäre Konflikte, die sich spätestens mit Regierungswechseln lösten. Die gegenwärtige Verschiebung ist struktureller. Der Riss verläuft auch durch die Generationen und dürfte Experten zufolge nachhaltiger sein.
Gleichzeitig verschieben sich die politischen Anreize. Einst konnten Kandidaten ohne Unterstützung der mächtigen Israel-Lobby kaum gewählt werden. Heute gilt es unter einigen Demokraten als Wahlargument, kein Geld der dominanten Organisation Aipac anzunehmen. Der Aufstieg des israelkritischen Muslims Zohran Mamdani zum Bürgermeister von New York – der Stadt mit der größten jüdischen Bevölkerung nach Tel Aviv – gilt als politisches Signal, das vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre.
Die konservativen evangelikalen Christen dagegen, mindestens ein Viertel aller erwachsenen Amerikaner, betrachten das jüdische Volk als von Gott auserwählt und stützen das Bündnis noch mit großer Mehrheit. Doch auch hier schrumpft die Unterstützung bei unter 35-Jährigen Umfragen zufolge beträchtlich.
Ein stilles Eingeständnis
Im Januar kündigte Benjamin Netanjahu im „Economist“ an, Israels Abhängigkeit von US-Hilfen langfristig „auf null“ reduzieren zu wollen. In Washington wurde das als stilles Eingeständnis gelesen: Der Ministerpräsident bereitet sich auf eine Zukunft vor, in der er nicht mehr auf Amerika zählen kann. Eine Zukunft mit erheblichen Risiken, falls die Abschreckungsfähigkeit Israels in einer Region voller feindlicher Kräfte gemindert wird.
Ein anderes hässliches Nebenprodukt der Entwicklung zeigt sich schon jetzt: Mit der wachsenden Israelkritik steigt auch der Antisemitismus. In den vergangenen fünf Jahren verzeichnete das FBI 7.828 antijüdische Vorfälle – in der Hassverbrechensstatistik rangieren nur rassistische Taten gegen Schwarze höher. Seit dem 7. Oktober stiegen antisemitische Vorfälle gegenüber dem gleichen Zeitraum davor um 55 Prozent.