Ein alter Labour-Streit bricht wieder auf
London. Es ist ein Ringen um die richtigen Worte, dem sich der britische Labour-Chef Keir Starmer derzeit ausgesetzt sieht. Und so korrigierte er in einer Rede vor wenigen Tagen erneut seine Sicht auf den Gaza-Krieg, zumindest ein wenig. Er verstehe, dass viele für einen Waffenstillstand plädierten, halte dies aber nicht für den richtigen Weg.
Weil viele Labour-Politiker diese Haltung nicht teilen, gerät der Parteichef, der vor nur einem Monat beim Parteitag in Liverpool bejubelt wurde, zunehmend unter Druck. Der Terror der Hamas und der Krieg spalten die sozialdemokratische Partei.
Amtsniederlegungen wegen großer Unstimmigkeiten
Mitglieder der Labour-Partei, aber auch einige Abgeordnete fordern, dass der 61-Jährige die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen klar verurteilt und sich für einen Waffenstillstand einsetzt. Insider schätzen, dass sich rund ein Drittel der Fraktion im Konflikt mit der Parteiführung befindet. Dabei warfen sie Starmer auch mangelndes Mitgefühl für die Lage der Palästinenser vor. Dutzende Stadträte legten ihr Amt nieder, einige forderten seinen Rücktritt. In der Nacht zu Mittwoch nahm mit Imran Hussain dann der erste Labour-Abgeordnete wegen des Streits seinen Hut.
Zwar ist ein Rücktritt Starmers vor den Parlamentswahlen, die spätestens im Januar 2025 stattfinden, laut Experten aktuell unwahrscheinlich. Schließlich scheint ein Sieg der Labour-Partei angesichts eines Vorsprungs von rund 20 Prozentpunkten vor den regierenden Tories zum ersten Mal seit Jahren in greifbarer Nähe. Die Empörung über die Haltung des Oppositionschefs zum Gaza-Krieg zeigt jedoch, wie schwierig es ist, die Partei bei einem Thema zu vereinen, das Labour seit langer Zeit spaltet.
Wählerschaft aus zwei Richtungen
Laut Rob Ford, Politikwissenschaftler an der University of Manchester, kommt der aktuelle Streit in der Partei aus zwei Richtungen. Zum einen habe Labour neben vielen muslimischen Wählern auch Mitglieder dieser Glaubensrichtung in ihren Reihen, die eher eine starke propalästinensische Haltung einnähmen. Der Abgeordnete Imran Hussain, der seinen Rücktritt erklärt hatte, vertrat mit Bradford East überdies einen muslimisch geprägten Kreis, so Ford.
Die zweite Konfliktlinie, die angesichts des Gaza-Krieges in der Partei wieder aufbricht, rühre vom linken Parteiflügel her, dem Starmers Vorgänger Jeremy Corbyn nahestand. „Dieser vertritt eine sehr propalästinensische Haltung und es gab immer wieder Diskussionen darüber, inwieweit dieser Aktivismus in Antisemitismus umschlug“, sagt Ford dieser Zeitung. Es war eine Debatte, die der Partei geschadet und sie lange Zeit gelähmt habe.
Nachdem Corbyn nach der vernichtenden Niederlage der Partei bei den Parlamentswahlen 2019 seinen Rücktritt angekündigt hatte, wurde Starmer im Frühjahr 2020 neuer Parteichef. Er sei mit dem Versprechen angetreten, „keine Toleranz gegenüber Antisemitismus zuzulassen“, und habe in der Partei aufgeräumt, indem er eine fast „autokratische Kontrolle“ über die Auswahl der Kandidaten für ein Abgeordnetenmandat ausgeübt habe, sagt Ford. Dadurch hätten Corbyns Anhänger in den vergangenen Jahren an Macht und Einfluss verloren, versuchten nun aber, sich wieder Gehör zu verschaffen.
Rückhalt in Bevölkerung bleibt
Weiter angeheizt wurde der interne Konflikt laut Labour-Politikern in den vergangenen Wochen durch den Umgang Starmers mit der Spaltung, wie diese hinter vorgehaltener Hand berichteten. „Es ist lächerlich, wie er es geschafft hat, daraus ein Parteidrama zu machen“, sagte einer. Dass der Oppositionschef in einem Interview Mitte Oktober etwa das Abschalten von Strom und Wasser in Gaza befürwortete, habe viele verärgert.
In dieser Ansicht können leider nicht alle Inhalte korrekt dargestellt werden.
Zur vollständigen AnsichtDoch selbst wenn weitere Abgeordnete zurückträten, in der Bevölkerung zumindest habe Labour Umfragen zufolge den Rückhalt bislang nicht verloren, so Ford. Briten seien nicht sehr glücklich über die innerparteiliche Uneinigkeit, sähen die Sache aber pragmatisch, weil sie wüssten, dass eine britische Regierung ohnehin nicht viel Einfluss auf den Konflikt im Nahen Osten habe. Für die Mehrheit seien andere Probleme, wie etwa die Höhe ihrer Energierechnungen, einfach drängender.