Die Villa Rothschild

75 Jahre Grundgesetz: Das Haus im Taunus, wo alles begann

Die Villa Rothschild in Königstein, hier wurde 1949 am Grundgesetzt gearbeitet.

Ob der damals 52-jährige Ludwig Erhard empfänglich war, für die ganz banalen Dinge des Alltags? Ob der von den Alliierten eingesetzte „Direktor der Verwaltung für Wirtschaft“ bei seinen Besuchen in der Königsteiner Villa Rothschild für einen Moment inne hielt, während er eine Zigarre seiner Lieblingsorte Suerdieck paffte und den Blick in Richtung der nordwestlich gelegenen Burgruine Falkenstein schweifen ließ?

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Vor 75 Jahren war die schöne Jugendstilvilla im Taunus einen historischen Wimpernschlag lang zum entscheidenden Ort für das Entstehen der Bundesrepublik geworden. Hier trafen sich am 24. März 1949 die elf Ministerpräsidenten der drei westlichen Besatzungszonen – Baden-Württemberg existierte noch nicht und bestand aus drei Ländern, das Saarland gehörte nicht dazu und hatte eine eigene Verfassung sowie Staatsbürgerschaft. Auf Einladung der drei westlichen Militärgouverneure Lucius D. Clay (USA), Marie-Pierre Kœnig (Frankreich) und Sir Brian Robertson (Großbritannien) sollten sie über ein Gesetzespaket beraten, das dann am 23. Mai als „Grundgesetz“ in Kraft trat und bis heute das „juristische Fundament“ der Bundesrepublik bildet.

„Sogar ein Scheitern des Grundgesetzes schien vorstellbar“

Deshalb wird die „Villa Rothschild“ bis heute auch gern als „Wiege der Bundesrepublik“ bezeichnet. „Etwas überzogen“, findet das der Historiker Michael Fleiter, ehemals Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit am Frankfurter Institut für Stadtgeschichte. „Richtig ist, dass hier ein wichtiger Knoten gelöst wurde. Durch Kontroversen war der Parlamentarische Rates (von den Länderparlamenten der Westzonen gewählte Versammlung, der das Grundgesetz ausarbeitete – d. Red.) quasi gelähmt, SPD und CDU konnten sich über Fragen des Finanzhaushalts und des Wahlrechts nicht einigen“, so Fleiter zum Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Sogar ein Scheitern des Grundgesetzes schien vorstellbar, zumal auch die Alliierten mit den bis dahin vorgelegten Entwürfen nicht einverstanden waren.

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Die drei Militärgouverneure (l-r) General Pierre König aus Frankreich, General Sir Brian Robertson aus Großbritannien und General Lucius D. Clay am 12. Mai 1949 in Frankfurt am Main.

Hier aus Königstein kam von den Vertretern der Länder ein Ruck, der den Parlamentarischen Rat in die Pflicht nahm, zu einer Einigung zu kommen, die auch konsensfähig mit Hinblick auf die Alliierten war. Gleichzeitig erging an diese ein Appell, den Entwurf zu akzeptieren“, so Fleiter. Das zeitigte Wirkung, wenn auch erst nach geraumer Zeit. Zwei Monate nach dem Statement der Ländervertreter waren die strittigen Fragen zwischen dem Parlamentarischen Rat und der Militärregierung geklärt. Am 8. Mai 1949 nahm der Parlamentarischen Rat den Entwurf der neuen Verfassung mit 53 gegen 12 Stimmen an, 15 Tage später trat es in Kraft.

Vermutlich wäre das „Haus der Länder“ ein Gästehaus der jungen Bundesrepublik geworden, vielleicht sogar der Sitz des Bundespräsidenten, wäre Frankfurt tatsächlich Bundeshauptstadt geworden, wovon damals viele ausgingen. Doch es kam anders. Wortreich und finanziell flankiert vom NRW-Ministerpräsidenten Karl Arnold überrumpelte Konrad Adenauer, damals als Präsident den Parlamentarischen Rat, machte als werdender Kanzler das Provinzstädtchen Bonn zur Hauptstadt. Auch, weil der Alte seit 1935 in Rhöndorf bei Bonn ein Haus besaß und Umzüge hasste. Und um das Haus im Taunus wurde es still.

Die Stille war es auch, die den Frankfurter Bankier Wilhelm Carl von Rothschild dazu bewogen hatte, die verspielte Villa im englischen Landhausstil 1894 als Sommerpalais vor den Toren seiner Heimatstadt Frankfurt zu beziehen. Kaiserinnen, Prinzen, die Mächtigen des vor Kraft strotzenden jungen Kaiserreichs gehörten fortan zu den Gästen der Bankiersfamilie.

Ein Abschied vom Heim für immer

Keine 44 Jahre später spielte sich im Haus ein Drama ab. Mit ihrem kleinen Koffer stand die elfjährige „Nada“, Kosename der kleinen Nadine, im zehn Hektar großen Park der Villa. Die Bäume trugen bereits die typischen Herbstfarben. Gespannt harrten Nada, ihre beiden Schwestern und der Bruder der hektischen Aktivitäten ihrer Eltern, des jüdischen Ehepaars Goldschmidt-Rothschild. Eine Reise war geplant, soviel hatten die Kinder in Erfahrung bringen können. Doch nach Urlaub sah es nicht aus, dafür war die Stimmung zu schlecht, der mitgeführte Gepäckberg zu groß. „Wir waren aufgeregt und voller Erwartung“, erinnert sich Nadine von Mauthner, geborene Goldschmidt-Rothschild heute. Dass es ein Abschied vom Heim für immer werden sollte, ahnte natürlich niemand. „Wir waren sogar ein bisschen froh, endlich unsere strengen Gouvernanten los zu sein“, so die damals 82-Jährige vor 15 Jahren im Gespräch mit dem Autor.

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Mit den Goldschmidt-Rothschilds verließen die letzten Bewohner der Villa 1938 Deutschland in Richtung Schweiz. Es war eine Flucht, für Juden war es zu diesem Zeitpunkt lebensgefährlich geworden, im Nazireich zu verbleiben. Sprichwörtlich in letzter Sekunde gingen sie in die Eidgenossenschaft ins Exil, wo sich Nadas Vater alsbald das Leben nahm. Geduldet, wenn auch komfortabel residierend, hoffte der Rest der Familie auf ein baldiges Kriegsende.

Erst Anfang der 50er kehrte Nadine als junge Frau nach Deutschland zurück – frei von Verbitterung, aber ihrer Heimat entfremdet. 1955 kaufte die Stadt Königstein im Taunus die Villa von der Familie Rothschild, der es zwischenzeitlich zurückgegeben wurde, und baute sie zu einem Hotel um, das 1956 unter dem Namen Hotel Sonnenhof eröffnete.

Symbol deutscher Demokratiegeschichte

Heute ist die „Villa Rothschild“, die als Hotel seit 2007 wieder diesen Namen trägt, ein Symbol deutscher Demokratiegeschichte. „Das ist wichtig, gerade in unseren Tagen, weil die Demokratie und ihre Institutionen von Populisten attackiert werden, nicht nur bei uns, auch in Amerika, das den Anschub gegeben hat zur Gründung der Demokratie in Westdeutschland“, bekräftigt Michael Fleiter. Viele Staaten ehren daher ihre ikonischen Stätten der Freiheit, des demokratischen Aufbruchs: die Freiheitsstatue oder das Capitol in den USA, die ehemalige Gefängnisinsel Robben Island in Südafrika, Statuen der Marianne in Frankreich.

Die alte Bundesrepublik verzichtete weitgehend auf solche Symboliken, feierte nicht einmal ihren Gründungstag, weil ihre Repräsentanten damit den provisorischen Charakter der Republik unterstreichen wollten. Dabei braucht auch die Demokratie Symbole - Orte, die Geschichte, besser Geschichten erzählen. Geschichten wie jene von Nadine von Mauthner. Oder vom Hamburger Bürgermeister Max Brauer und seinem Berliner Kollegen Ernst Reuter, die in der Villa Rothschild dem Grundgesetz den Weg ebneten. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass gerade der Ortsbezug einfach ein toller Aufhänger ist, die Geschichte der Demokratie zu erzählen, weil dadurch eine häufig als abstrakt empfundene Historie erzählerisch mit Leben erfüllt wird“, sagt Markus Lang, Programmreferent der Stiftung „Orte der deutschen Demokratiegeschichte“ dem RND.

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Die Arbeitsgemeinschaft, ein Zusammenschluss zivilgesellschaftlicher Organisationen mit mittlerweile über 100 Mitglieder, gibt es seit 2017. „Sie hat sich zum Ziel gesetzt, die öffentliche Wahrnehmung und die Relevanz der deutschen Demokratiegeschichte für die aktuelle Demokratiebildung und -vermittlung stärker ins Zentrum zu rücken, also mehr öffentliche Wahrnehmung dafür zu generieren. Denn immer wieder haben sich in der Geschichte Personen dafür eingesetzt, dass Demokratie erkämpft, ausgehandelt und weiterentwickelt wird“, erläutert Markus Lang.

Laut dem Politikwissenschaftler aus Weimar wird gerade von Claudia Roth, der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, unter Beteiligung aller Parteien an einem neuen Konzept einer bundesdeutschen Erinnerungskultur gearbeitet, begleitet von einer sehr breit und sehr kontrovers geführten Debatte. „Natürlich spielt dabei eine Rolle, dass das Vertrauen in Demokratie verloren geht, dass antidemokratische Parteien Zulauf gewinnen, was in Umfragen seinen Ausschlag findet. Aber uns ist sehr wichtig, dass wir parteiunabhängig arbeiten und dass wir uns nicht in das tagespolitische Geschäft einmischen“, so Lang.

Auf einer interaktiven Karte im Netz können bundesweit Hunderte „Orte der „Demokratiegeschichte“ angeklickt werden, eine kurze Info mit Bild erklärt, was passiert ist. Auffallend viele Punkte sind im Südwesten des Landes konzentriert. Einer dieser Punkte ist die Villa Rothschild. „Wir sind uns unserer historischen Verantwortung durchaus bewusst“, sagt Kommunikationschef Lars Leyendecker, seit 2008 in dem Haus tätig, das seit 2020 zum Unternehmen Broermann Health & Heritage Hotel gehört und erst im vergangenen Jahr nach langer Pause wiedereröffnet wurde.

Doch wie verträgt sich der Anspruch, ein „Ort der „Demokratiegeschichte“ zu sein, mit dem Tagesgeschäft eines Grand Hotels mit Nobelrestaurant? Ein Zitat von Konrad Adenauer, „Die persönliche Freiheit ist und bleibt das höchste Gut des Menschen“, empfängt den Gast bereits in Gestalt einer Metalltafel vor dem Eingangsportal.

Viele der Zimmer haben Visionäre und „Ikonen der Freiheit“ als Thema, Galileo Galilei (der gegen das Kirchendogma von der „Erde als Scheibe“ opponierte), die Physiknobelpreisträgerin Marie Curie, Mahatma Gandhi, Vater der indischen Unabhängigkeit, Notizzettel oder Grußkarten sind mit Zitaten des südafrikanischen Freiheitshelden Nelson Mandela oder von Walt Disney. Und das Brot zum Abendessen von Sternekoch Patrick Bittner wird neuerdings in einer Papiertüte gereicht, die mit Auszügen aus dem Grundgesetz verziert ist. Ist das nicht etwas bigott, angesichts eines Preisniveaus, das sich die überwiegende Mehrheit der im Geltungsbereich des Grundgesetzes lebenden Menschen nicht leisten können? Reine Geschmackssache, im eigentlichen Wortsinne.

Höhepunkt einer Reihe von Veranstaltungen, mit der die Villa Rothschild das Grundgesetz feiert, soll am 9. Juni sein: Im Rahmen der Reihe „Maison Démocratique“ wird an historischer Stelle „eine der besten Partys zur Europawahl“ versprochen, Motto: „Aus Worten wird Haltung“. Wo sonst, als an diesem Ort, wo es vor 75 Jahren begann.

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