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Blick zurück

Ai Weiweis Autobiografie «1000 Jahre Freud und Leid»

International ist er einer der bekanntesten Künstler. Doch in seiner Heimat findet sich kaum etwas von Ai Weiwei. Ein autobiografischer Blick zurück zeigt die lange Geschichte der Unterdrückung.

Autor:

dpa

«Ich habe nicht alles gelesen, was er geschrieben hat.» Ai Weiweis Satz über die Lyrik seines Vaters Ai Qing verblüfft.

Fast die Hälfte seiner gut 400 Seiten starken autobiografischen Erinnerungen «1000 Jahre Freud und Leid» widmet einer der international bekanntesten Künstler vordergründig der Geschichte seiner Familie und dabei vor allem der seines Vaters, einem bekannten Dichter. Doch dieser Teil ist weit mehr als eine Familiensaga: Ai Weiwei legt die Grundlage für ein tieferes Verständnis seines eigenen rebellischen Lebens.

Der Künstler beschreibt mit dem Werdegang seines Vaters angenehm leichtfüßig in einfacher Sprache und klaren Sätzen die Entwicklung und Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert. Die handelnden Personen und einschneidenden Ereignisse sind auch im Westen bekannt. Chinesische Größen wie Mao Tsetung oder Zhou Enlai, aber auch der chilenische Dichter Pablo Neruda kreuzen die Wege der Familie ebenso wie sie historische Ereignisse erleben und erleiden, etwa die brutale Unterdrückung der Kulturrevolution. «Wir waren an Schwierigkeiten so sehr gewöhnt, dass es mir zur zweiten Natur geworden war, die Dinge zu nehmen, wie sie kamen», schreibt Ai Weiwei an einer Stelle.

«Nicht besonders sensibel»

Bei einer Buchpräsentation in Berlin schildert der Künstler einen Teil seiner Schutzmechanismen. «Als ich jung war, war ich ein dummer Junge, nicht besonders sensibel», sagt Ai Weiwei. Das habe ihn auch davor bewahrt, verrückt zu werden.

Mit dem Vater durchlebt er verschiedene Phasen der Verfolgung, sie hausen am Rande einer Wüste, sind in ein Straflager verbannt, müssen eine Zeit in einem Erdloch leben. Ai Weiweis sachlicher Stil nimmt den Schilderungen viel von ihren Schrecken. In Berlin, vor seinem Wechsel nach Großbritannien einige Jahre seine Wahlheimat und noch immer Standort eines riesigen Ateliers, erläutert er Konsequenzen. «Ich fühle mich unter der Erde wohler, deswegen ist mein Atelier in Berlin auch unter der Erde», sagt der 64-Jährige. Jenseits der Gesellschaft gelebt zu haben, habe der Familie in China auch einen Moment der Sicherheit gegeben.

Der Zusammenhalt etwa mit dem Vater ist keine Selbstverständlichkeit im autoritären China. «Eine Sache, die totalitäre Systeme zerstören, sind menschliche Beziehungen. Man kann niemandem trauen.» Es gebe Misstrauen zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern, Mann und Frau. «Weil alles berichtet werden könnte.» So entwickle sich «ein Geist des reinen Überlebens», der Menschen verändere. Solche Dinge passierten in China heute noch immer, sagt Ai Weiwei. «Menschen verlieren ihre Unschuld.»

Verschwunden im Sicherheitsapparat

Auch Ai Weiwei selbst hat Verfolgung der eigenen Person erlebt in seiner Heimat. 81 Tage lang war er verschwunden in Chinas Sicherheitsapparat, die Weltöffentlichkeit suchte mit Nachdruck nach dem Künstler. Die Schilderungen seiner Erlebnisse mit unsinniger Überwachung, scheinbar willenlosen Soldaten und einem skrupellosen System lassen bei der Lektüre schwanken zwischen verzweifeltem Lachen und blankem Schrecken.

Umso größer der Kontrast zu seiner Zeit in den USA, wo er als junger Mann in den 80er Jahren den Dichter Allen Ginsberg ebenso trifft wie den bereits weltberühmten Künstlerkollegen Andy Warhol. In den Gegensätzen dieser Welten sieht sich Ai Weiwei wie ein aus China exportierter Eiswürfel, der im Siedewasser des New Yorker Broadway landet. «Dafür braucht man starke Nerven», sagt er.

Auch dabei habe ihn seine eigene Dummheit geschützt. «Ich werde ein zweiter Picasso», sagt er der besorgten Mutter vor dem Flug in die USA. «Meine Mutter ist bis heute nicht davon überzeugt, dass ich ein erfolgreicher Künstler bin.» Das sei durchaus wichtig für ihn. «Sie ist meine Mutter, ich vertraue auf ihr Urteil», sagt Ai Weiwei mit einem Schmunzeln. «Also nehme ich die Kunst nicht allzu ernst.»




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