Nahostkonflikt

Netflix-Serie „Fauda“: Wenn sich Fiktion wie die Realität anfühlt

Rona-Lee Shim’on spielt Nurit, eine der wenigen Frauen in der Antiterroreinheit.

Chaos. Bomben. Splitter. Schreie. Chaos. So ist auch die israelische Netflix-Serie benannt. Denn „Fauda“ ist Chaos auf Arabisch. Und zurzeit erreicht die Serie nicht etwa Aufmerksamkeit dadurch, dass sie frisch heraus­gekommen ist, schließlich erschien die erste Staffel bereits 2015. Auch nicht deswegen, weil die Besetzung international mit extrem bekannten Namen aufschlägt.

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Sie steht deshalb im Fokus, weil die explodierenden Bomben auf dem Netflix-Bildschirm seit dem vergangenen Wochenende, an dem die Hamas ihren Angriff auf Israel startete, immer weniger von den realen Explosionen zu unterscheiden sind, die sowohl im Palästinenser-Gebiet als auch auf israelischem Boden hochgehen. Bilder, die in diesem jahrzehntelangen Konflikt immer wieder bekannt wie neu sind.

Undercover im Westjordanland

„Fauda“ heißt aber nicht nur Chaos. „Fauda“ ist auch das geheime Codewort, das israelische Spezialkräfte nutzen, wenn eine Mission startet. Die Tarnung ist aufgeflogen? „Fauda“. Der Fluchtwagen fehlt? „Fauda“. Zunächst startete die Serie 2015 bei einem kleinen Satelliten­sender in Israel, bis sich Netflix der Show für den internationalen Vertrieb annahm und weltweit ausstrahlte. Im Januar 2023 erschien dort eine vierte Staffel.

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Ein israelischer Soldat, Doron (Lior Raz), wollte sich eigentlich nur noch um Familie und Weinberg kümmern, kehrt dann aber für einen letzten Einsatz zu den israelischen Spezial­kräften zurück, um einen Hamas­terroristen dingfest zu machen, den er eigentlich schon tot geglaubt hat. Er begibt sich wieder Undercover, tanzt auf fremden Hochzeiten, bekommt seinen Kontrahenten, der ihm ähnlicher ist, als ihm lieb ist, nicht zu fassen. Die Jagd wird immer persönlicher.

Lior Raz (rechts) als Doron in der zweiten Staffel von „Fauda“.

Warum „Fauda“ so besonders sein soll? Es ist der eigentlich unmögliche Balanceakt, eine israelische Serie im Westjordanland spielen zu lassen, die Essenz des Konflikts in einer Actionserie aufgehen zu lassen. Für manche ist dieser Balanceakt geglückt, beispielsweise für die Macher, für andere nicht. Im israelischen TV sei es vor „Fauda“ quasi nicht vorgekommen, dass Hamas­terroristen überhaupt menschlich nachvollziehbar seien, heißt es beispielsweise in der israelischen Zeitung „Haaretz“. Die Kritik in arabischen Medien: Die Serie sei ausschließlich aus israelischer Perspektive erzählt, die israelischen Charaktere feiner ausgefeilt als die arabischen. Auch der harte Alltag des Lebens im Westjordanland fehle: Man sehe keine Zäune, keine Mauern, keine Checkpoints und keine Häuser, die niedergerissen werden, um Platz für Siedler und Siedlerinnen zu machen.

Serienmacher haben selbst Erfahrung in Spezialeinheiten

Doch auffallend ist definitiv die detaillierte Hintergrund­recherche zum Konflikt. Und dies ist kein Zufall. Denn für die Serie haben sich zwei zusammen­getan, die den Nahost­konflikt aus nächster Nähe kennen. Avi Issacharoff war einst selbst Soldat bei der Duvdevan-Einheit, die ihre Spezialkräfte undercover in urbanen Kontexten einsetzt. Nach seiner Zeit beim Militär wurde er Journalist und berichtete für verschiedene israelische Medien über den Konflikt in Palästina. Zusammen hat er die Serie mit Lior Raz, dem Hauptdarsteller, geschrieben. Auch er war vor seiner Schauspiel­ausbildung beim Militär.

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Er hatte eigenen Angaben zufolge sogar ein Kommando der Duvdevan-Einheit inne. Nach seinem Militärdienst ging Raz in die USA, wo er zwischen­zeitlich als Bodyguard für Arnold Schwarzenegger arbeitete. Danach bildete er sich zum Schauspieler weiter. Die unbenannte Einheit in „Fauda“ soll nach den Duvdevan-Einheiten modelliert sein.

Raz ist Spezialeinheit „nicht aus ideologischen Gründen“ beigetreten

Ähnlich wie sein Charakter Dodon hat Raz sich als Ex-Militär in den zivilen Ruhestand begeben, geheiratet und eine Familie gegründet. Laut eigener Aussage habe er sich mit 18 Jahren nicht aus ideologischen Gründen sich für die Duvdevan-Einheit gemeldet – grundsätzlich ist ein Militärdienst in Israel verpflichtend. „Man möchte zu den Besten des Landes gehören und sich selbst testen. Du möchtest deinen Freunden treu bleiben, sie beschützen und Teil eines Teams sein, das zusammen­arbeitet“, sagte Raz dem Magazin „New Yorker“ 2017, als die „New York Times“ die Serie als beste ausländische Serie des Jahres auszeichnete. Schon damals sagte Raz zu dem Nahost­konflikt: „Wie lange kann dieser Zustand anhalten? (…) Früher oder später wird dieser Status quo explodieren. Es wird nicht halten.“

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Doch Lior Raz und Avi Issacharoff scheint die Realität wieder eingeholt zu haben. So soll sich Raz nach den ersten Kriegs­handlungen am Wochenende wieder zum Militär­dienst gemeldet haben. Auf seinem offiziellen Instagram-Kanal sowie bei X (ehemals Twitter) hat der Schauspieler ein Video gepostet, in dem man ihn in der Nacht neben einer Mauer kauern sieht. Raketen fliegen über ihn hinweg.

„In Begleitung von Yohanan Plesner und Avi Yissascharov machte ich mich auf den Weg nach Süden, um mich Hunderten tapferen Brothers-in-Arms-Freiwilligen anzuschließen“, schrieb er unter anderem dazu. Brothers in Arms ist eine im Januar von dem Veteranen Eitan Herzel gegründete Reservisten­gruppe. Sie wollten gegen den Justizumbau der Regierung demonstrieren. Etwa 300.000 Reservistinnen und Reservisten wurden in den vergangenen Tagen mobilisiert, Laut Lior Raz hat sich auch sein Co-Autor Yissascharov wieder dem Militär angeschlossen. Laut Raz seien sie in die bombadierte Stadt Sderot im Süden Israels geschickt worden, um zwei Familien zu evakuieren. Hauptsache sei es, schrieb er, überhaupt keine Angst zu haben.