Ingo Zamperoni: „Nach zweimal klingeln haben wir Trumps Stimme gehört ...“
Für viele ist er „Mister Tagesthemen”: Doch Ingo Zamperoni (50) ist auch ein ausgewiesener USA-Experte. Er studierte Amerikanistik, arbeitete als ARD-Korrespondent im Studio in Washington und hat auch eine ganz persönliche Verbindung zu dem Land. Denn seine Frau ist Amerikanerin. Um sie und ihre amerikanische Familie geht es unter anderem auch wieder in seiner neuen Dokumentation zur US-Wahl mit dem Titel „Wirklich noch mal Trump, Amerika?“, die ab dem 29. Oktober in der ARD-Mediathek zu sehen ist und am 4. November um 20.15 Uhr im Ersten. Es ist die dritte Dokumentation, in der er auch diese persönliche Perspektive einbringt, um der politischen Situation in den USA nachzuspüren.
Herr Zamperoni, wie schwer war es, eine US-Wahl-Doku zu machen, während es in diesem Wahlkampf immer wieder zu überraschenden Ereignissen kam?
Das war die große Herausforderung dieser Doku. Als wir die Doku geplant haben, konnten wir nicht ahnen, was alles passieren würde. Das war schon echt der Wahnsinn.
Waren es so viele Entwicklungen wie vorher noch nie?
Ich habe ja schon so einige Wahlkämpfe in den USA erlebt, aber ich kann mich an nichts Vergleichbares erinnern, allein der Kandidatenwechsel so spät im Rennen! Dann kamen noch die Attentate dazu. Attentate auf wahlkämpfende Politiker gab es allerdings schon häufiger. Die USA sind immer schon ein Land von bewegten politischen Auseinandersetzungen, Gewalt in der Politik ist leider keine Seltenheit.
Für Ihre Doku haben Sie zahlreiche Menschen getroffen, auch aus Ihrer Familie. Wie schwer ist es, mit unterschiedlichen politischen Positionen in der Familie umzugehen?
Es gibt mittlerweile viele, die sagen: „Let’s not talk about politics.” Familien vermeiden das Thema Politik rigoros aus Angst vor Streit. Streit ist aber ein gutes Element einer Demokratie, um Anregungen zu finden und den Wettbewerb der besseren Ideen zu fördern. Wenn nicht mehr über Politik geredet wird und jeder sein eigenes Süppchen kocht, wird man immer weniger anderen Sichtweisen exponiert. Dabei ist es wichtig zu erkennen, dass es die gibt und sie vielleicht auch eine Berechtigung haben.
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Zur vollständigen AnsichtWie läuft das in Ihrer Familie? Ihr Schwiegervater wählt Trump.
Die Schwester meiner Frau redet mit ihrem Vater überhaupt nicht über Politik. Sie sagt, sie kriegt Ausschlag, wenn nur der Name Trump fällt. Meine Frau geht in die Auseinandersetzung. Dadurch fällt ihre Wahlentscheidung nicht anders aus, aber es gibt ein paar Punkte, wo sie und ihr Vater auch Gemeinsamkeiten haben. Mein Schwiegervater ist auch kein Trump-Fan, aber er ist Anhänger der Republikaner und stimmt für Trump, weil der sich als Kandidat durchgesetzt hat.
Spiegelt die Situation Ihrer Familie die Situation im Land wider?
Total. Die Auseinandersetzung zwischen meiner Frau und ihrem Vater ist spiegelbildlich für vieles, was in den USA in Familien und in der Gesellschaft passiert. An vielen Beispielen innerhalb meiner Familie zeigt sich im Kleinen, was im Großen tagtäglich passiert. Wir haben aber immerhin das Glück, dass unsere Familie noch miteinander redet. Es gibt auch Beispiele im Bekanntenkreis, wo das Tischtuch zerschnitten ist.
Sie haben auch Trump-Freund Kid Rock getroffen, der im Gespräch mit Ihnen spontan Trump angerufen hat ...
Ja, ich habe ihn gefragt, wie eng er mit Trump ist und wie oft sie sprechen. Da sagte er „sehr eng“ und „einmal die Woche“. Dann hat Kid Rock als Beweis Trump angerufen. Nach zweimal klingeln haben wir Trumps Stimme gehört: „Hey Bob.” So heißt Kid Rock mit bürgerlichem Vornamen.
Konnten Sie Trump auch etwas sagen?
Ich wollte da nicht reinspringen. Aber Kid Rock hat Trump erklärt, dass er ein deutsches Fernsehteam zu Gast hat. Trump hat dann in meine Richtung gesagt: „Behandelt Bob gut, er ist einer von den Guten.” Es war nur eine kurze Interaktion, aber es war skurril. Auf dem Display von Kid Rock stand übrigens nicht „Donald Trump“, sondern „Potus“, also das Kürzel für „President of the United States“.
Das ist in der Tat ein skurriles Erlebnis.
Ja, Kid Rock ist einer der wenigen Pop- und Rockstars im Land, die auf der republikanischen Seite stehen. Die meisten Stars, von Taylor Swift und Bruce Springsteen über George Clooney bis Julia Roberts, sind im demokratischen Lager angesiedelt.
Welche Rolle spielen Promis in diesem Wahlkampf?
Solche Endorsements zu haben, ist zumindest besser, als sie nicht zu haben. Aber inwieweit das am Ende ins Gewicht fällt, ist fraglich. Doch wenn ein Rennen so eng ist und in wenigen Swingstates ein paar Tausend Stimmen den Unterschied machen können, ist alles, was ein paar Stimmen mehr bringt, von Vorteil. Es geht in erster Linie darum, die Menschen aus dem eigenen Lager an die Wahlurne zu bringen, und nicht so sehr darum, jemanden auf die andere Seite zu ziehen. Wenn Taylor Swift zum Wählen aufruft, werden ein paar Fans sich bestimmt registrieren.
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Wie gehen Sie ein Gespräch mit einem überzeugten Trump-Anhänger wie Kid Rock an?
So ähnlich wie fast alle Gespräche. Ich will ja niemanden von etwas überzeugen, sondern will wissen, was ihn bewegt und motiviert. Es ist nicht meine Aufgabe, das zu bewerten. Gerade bei Kid Rock ging es darum, was ihn an Trump fasziniert und warum er etwa mit einem Maschinengewehr eine Bud-Light-Kiste zerschießt, nachdem Bud Light mit einer trans Person geworben hatte.
Verstehen Sie nach solchen Gesprächen die Trump-Anhänger besser?
Wenn bibeltreue Christen zum Beispiel sagen, dass sie Kamala Harris nicht wählen, weil in der Bibel steht, dass die Anführer Männer sein sollen, dann muss ich dafür kein Verständnis haben. Aber es hilft zu verstehen, warum sie so oder so wählen. Ich erkenne, dass es ein Thema ist, ob die Leute bereit sind, für eine Frau, zumal eine Nichtweiße, zu stimmen. Auch wenn das längst überfällig wäre, dass auch mal eine Frau das Land regiert, so ist die Haltung gegen eine Frau eine Position, die millionenfach in den USA vertreten wird.
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Was würde es für die USA, aber auch für Deutschland bedeuten, sollte Trump gewinnen?
Für den Alltag der Amerikaner ist nicht so entscheidend, wer Präsident ist, sondern viel spürbarer, wer Gouverneur ist im Bundesstaat und welche Machtverhältnisse im Kongress des Bundesstaates herrschen. Für Deutschland ist die große Unsicherheit, wie Trump sich im Ernstfall verhalten wird, und ob der Nato-Bündnisfall so unerschütterlich gilt wie bislang. Und das Thema Schutzzölle dürfte wieder mehr auf den Tisch kommen. Aber wir denken zu sehr: Mit den Demokraten wird alles kuschelig und mit Trump müssen wir uns warm anziehen. Es wird wohl so sein, dass es unter Trump ruppiger und unvorhersehbarer wird. Aber auch Kamala Harris wird einen „America first”-Kurs fahren, der zuerst die Interessen der USA im Blick hat.
Wie sieht das Szenario bei einem Harris-Sieg aus? Was könnte es ändern, dass die USA dann erstmals von einer Frau geführt würden?
Nicht so viel, glaube ich. Sie wird vermutlich die groben Linien der Biden-Politik und Außenpolitik erst mal weiterführen. Aber Kamala Harris wird viel mehr den Blick noch auf den Pazifik richten. Die Auseinandersetzung mit China ist das große Konfliktthema für die USA im 21. Jahrhundert. Der Krieg gegen die Ukraine hat Ressourcen bei Joe Biden gebunden, der als einer der letzten großen Transatlantiker gilt und den Kalten Krieg hautnah miterlebt hat. Harris will die Ukraine auch weiter unterstützen, aber sie hat eine andere Sozialisation und einen Blick mehr Richtung Asien als Europa.
Sind diese Themen auch die, die die Menschen im Land am meisten polarisieren?
Nein. Man darf sich nicht einbilden, dass Europa so wichtig ist für die Menschen in den USA. Ein großes Thema ist – und das ist bei uns nicht anders – die wirtschaftliche Lage. Es ist toll, dass die Wall Street super Zahlen schreibt, die Arbeitslosenzahlen in den USA runtergehen und die Wirtschaft brummt. Dennoch ist es für viele Familien schwer, über die Runden zu kommen. Die Inflation mag wieder runtergekommen sein, aber die gestiegenen Lebensmittel- und Gaspreise sind hoch geblieben. Die Sicherheit an der Grenze und Abtreibungspolitik sind weitere Themen. Mit letzterem kann aber gerade Kamala Harris als Frau stark punkten.
Wie groß ist Ihre Sorge denn, dass Trump wiedergewählt werden könnte?
Es steht mir gar nicht zu, mich da zu positionieren – es ist die Wahl der Amerikanerinnen und Amerikaner. Aber meine große Sorge wäre, dass Trump als Präsident Institutionen für sein Eigeninteresse ausnutzt. Das Handeln von Donald Trump scheint oft stark von Eigeninteresse motiviert zu sein und nicht zwingend vom Wohl des Landes. Trump sagt zwar „Make America great again”, aber es ist fraglich, ob er wirklich „America“ meint oder nicht sich selbst. Basierend darauf, wie er sich verhält, fällt es mir schwerer, ihm das abzunehmen, als einer Kamala Harris, wenn sie sagt, das Land voranbringen zu wollen.