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Die Angst vor den Fremden

Seit Jahren geht in Deutschland die Anzahl von Straftaten zurück. Im Gegensatz dazu zeigen Umfragen, dass die Kriminalitätsfurcht steigt. Und seit der sogenannten Flüchtlingswelle werden immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund mit Bedrohungsgefühlen in Zusammenhang gebracht.

Wie kommt es zu dieser „Furcht vor den Fremden“? Naheliegend scheint die Annahme, dass Menschen persönliche negative Erfahrungen mit „den Fremden“ gemacht haben und sich deshalb von ihnen bedroht fühlen. Unsere Forschung spricht dagegen: In repräsentativen Befragungen können wir zeigen, dass das Ausmaß an Ängsten abnimmt, wenn mehr Menschen mit Migrationshintergrund in der Nachbarschaft leben – also eigentlich mehr negative Erfahrungen hätten eintreten müssen. Persönliche negative Erfahrungen sind es also vermutlich nicht, die Menschen mit Mi­grationshintergrund zu Angstobjekten machen.

Die weitere Forschung zeigt, dass die Ablehnung von Fremden und Befürchtungen über deren Gefährlichkeit mit der Art der politischen und medialen Diskussion über Einwanderung und deren Folgen zusammenhängt. Wenn in Politik und Presse Einwanderung mit Gewalt verknüpft wird, erzeugt das tatsächlich Angst vor „den Fremden“. Und solche politischen und medialen Einflüsse sind in solchen Regionen besonders wirksam, in denen wenig Menschen mit Migrationshintergrund leben, die Einheimischen also wenig Möglichkeiten zu persönlichen Kontakten haben.

Angst ist keine Belanglosigkeit – weder für die, die sich fürchten, noch für Migranten, die deshalb abgelehnt und angefeindet werden. Was kann man tun? Politik und Medien müssen sich über die Wirkung ihrer Aussagen bewusst sein: Eine fahrlässig hingeworfene Verknüpfung von Einwanderern mit Kriminalität und Gewalt hat Wirkungen. Medien und Politik müssen natürlich die Realität widerspiegeln. Nur – das kann man als sachliche Berichterstattung tun oder angsterzeugende Phrasen und Bilder hinzufügen und damit die Emotionalität der Inhalte unnötig weiter steigern.

Wichtig ist aber auch, dass wir alle uns dem Aufkommen negativer und generalisierender Stereotypen entgegenstellen, wenn andere sie vortragen, aber auch, wenn wir merken, dass wir selbst solchen Feindbildern verfallen. Dabei hilft, den Kontakt mit den Fremden zu suchen und dabei festzustellen, dass es unter ihnen nette und weniger nette gibt, dass die Fremden aber nicht pauschal eine Bedrohung von Sicherheit darstellen.

Dr. Ulrich Wagner ist Professor im Ruhestand an der Philipps-Universität Marburg.




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