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Zu viel des Guten?

Die Deutschen gehen imVergleich zu anderen Nationensehr oft zum Arzt. Doch nichtjeder Gang zum Mediziner, nichtjede Vorsorge und auch nichtjede Tablette sind notwendig.Ist das medizinische Angebotvielleicht zu groß?

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Auch dieses Jahr werden wir für unsere Gesundheit über 300 Milliarden Euro ausgeben und fünf Millionen Menschen in Kliniken, Praxen und Apotheken beschäftigen. Aber trotz dieser gigantischen Summe und des hohen Aufwands – immerhin eine Milliarde Euro pro Tag – spüren viele Patienten, dass sich etwas verändert hat. Immer mehr Menschen zweifeln, ob all die Vorsorgeuntersuchungen, Gesundheitschecks, Screenings, Medikamente und Operationen tatsächlich notwendig sind. Schließlich sind wir nicht nur Fußball-Weltmeister. Deutschland ist auch Arzt-Weltmeister. Niemand sitzt häufiger im Wartezimmer, schluckt mehr Medikamente, wird öfter geröntgt oder operiert. Aber leben wir deshalb gesünder? Oder sogar länger?

Durchschnittlich geht jeder Deutsche jährlich 18-mal zum Arzt. Ältere Patienten sehen ihren Arzt mitunter 50- bis 60- mal im Jahr. Unsere Nachbarn in Dänemark oder den Niederlanden gehen nur etwa sechsbis siebenmal jährlich zum Arzt und leben genauso lange wie wir. Im internationalen Vergleich hat Deutschland auch recht viele Krankenhäuser und Klinikbetten. Obwohl in den letzten 20 Jahren knapp ein Viertel der Krankenhäuser bereits geschlossen hat, sind wir im europäischen Vergleich immer noch gnadenlos überversorgt. Hätte Deutschland dieselbe Versorgungsstruktur wie zum Beispiel unser Nachbar Dänemark, würden hierzulande statt 1980 nur noch 330 Krankenhäuser übrig bleiben.

Gemeint ist damit der offensichtliche Zusammenhang zwischen der Dichte von Anbietern (Ärzten und Krankenhäusern) und der Häufigkeit bestimmter medizinischer Leistungen. Das bedeutet: Je mehr leere Krankenhausbetten, OP-Säle, MRT-Röhren und andere Gerätschaften zur Verfügung stehen, desto wahrscheinlicher ist deren unnötige Inanspruchnahme. Deutlich wird dieser Zusammenhang vor allem beim Anstieg operativer Eingriffe am Bewegungsapparat, zum Beispiel der Wirbelsäule. Dabei wäre eine Operation in den meisten Fällen nicht notwendig. Von 100 Patienten, die auf einem OP-Tisch lagen und bei denen ein Operateur zum Skalpell griff, war dies bei 80 Patienten gar nicht nötig: Herkömmliche Therapien mit gezieltem Rückentraining und Bewegung wirken langfristig besser als eine schnelle Operation.

Wir schlucken auch immer mehr Medikamente. Bei älteren Menschen sind täglich fünf oder mehr Pillen fast der Normalfall. Natürlich möchte Ihr Arzt sicher sein, dass Sie die Behandlung bekommen, die Sie brauchen. Nur diese Fürsorge schießt leider oft über das Therapieziel hinaus. Statt Viel-hilft-viel wird die Medikamenteneinnahme nur selten beendet oder reduziert, wenn das Therapieziel erreicht ist. Auch wenn der gesamte Umfang dieser nicht notwendigen medizinischen Maßnahmen unbekannt ist, schätzen Wissenschaftler das Ausmaß vergleichsweise hoch ein. Die Konsequenzen dieser Überversorgung können wir aber schon heute erkennen. Denn genau eine Gruppe von Patienten wird beim Arzt niemals folgenden Satz hören: „Ich kann bei Ihnen leider nichts finden. Sie haben nichts.“ Die Rede ist von privat versicherten Patienten.

Egal ob krank oder gesund – unabhängig vom tatsächlichen Gesundheitszustand sind Privatpatienten besonders anfällig für das sogenannte VIP-Syndrom: mehr Arztkontakte, mehr Diagnostik und mehr Behandlungen. Zwar sind Patienten dank der umfangreichen medizinischen Zuwendung zunächst zufriedener, aber in der Folge führen Übertherapien und Fehldiagnosen dazu, dass überversorgte Patienten nicht länger leben, sondern nur zufriedener sterben. Grundsätzlich genießen wir in Deutschland zwar einen breiten Zugang zu einem der weltweit leistungsfähigsten Gesundheitssysteme. Aber trotzdem, oder gerade deshalb, gibt es in unserem Gesundheitssystem alles und davon zu viel. Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir mehr Kliniken, mehr Krankenhausbetten, mehr Arztbesuche und mehr Operationen als notwendig. Deshalb müssen wir besser verstehen, wann es sich lohnt, medizinisch aktiv zu werden und wann es gar nichts zu behandeln gibt. Denn mehr Medizin bedeutet nicht automatisch mehr Gesundheit. Es geht vielmehr um die richtige Medizin.

VON JOHANNES WIMMER UND ROBIN HARING
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