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Erblinden lässt sich verhindern

Der grüne Star ist eine Volkskrankheit. Wird er rechtzeitig erkannt, kann man ihn meist gut behandeln, sagt Dr. Esther Hoffmann. Jeder hat schon einmal davon gehört, dass ein grüner oder ein grauer Star zur Erblindung führen können. Wodurch unterscheiden sich die beiden Krankheiten?

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Ein grauer Star, auch Katarakt genannt, ist keine Krankheit im eigentlichen Sinn. Vielmehr handelt es sich dabei um einen ganz normalen Alterungsprozess. Solange man jung ist, ist die Linse in unserem Augeninneren noch klar wie eine Fensterscheibe. Doch im Alter erneuern sich ihre Zellen nicht mehr. Sie trübt allmählich ein, und das Sehvermögen verschlechtert sich. Das lässt sich heute durch eine Routineoperation beheben, bei der die eigene Linse durch eine Kunstlinse ersetzt wird. Ein Problem ist der graue Star heute vor allem noch in Entwicklungsländern ohne ausreichende medizinische Versorgung.

Und worum handelt es sich beim grünen Star?

Der grüne Star, wir Mediziner sprechen dabei von einem Glaukom, ist auch hierzulande eine ernst zu nehmende Krankheit. Dabei gehen Fasern des Sehnervs zugrunde, und das Gesichtsfeld wird immer mehr eingeschränkt.

Wie kommt es dazu?

Die Ursache ist in den meisten Fällen ein erhöhter Augeninnendruck. Dazu kommt es, wenn im Auge mehr Flüssigkeit gebildet wird, als abfließen kann. Durch den Druck wird der Sehnerv ausgehöhlt und geschädigt. Es gibt aber auch Glaukome, bei denen der Druck im Auge normal ist. In diesen Fällen wird der Sehnerv vermutlich nicht mehr richtig durchblutet.

Ist es richtig, dass der grüne Star, im Gegensatz zum grauen Star, bei jüngeren Menschen auftritt?

Nicht ganz. Die meisten Patienten, bei denen ein grüner Star diagnostiziert wird, sind etwa 60 bis 65 Jahre alt. Die Erkrankung hat dann aber oft schon viele Jahre früher begonnen und ist unbemerkt fortgeschritten. Denn anfangs verursacht ein Glaukom noch keine Beschwerden.

Lässt sich ein grüner Star denn, einmal erkannt, genauso gut wie ein grauer behandeln?

Ein Glaukom kann man, anders als einen grauen Star, nicht wirklich heilen. Das heißt: Wenn der Sehnerv bereits geschädigt wurde, lässt sich das nicht mehr rückgängig machen. Mit der richtigen Behandlung lässt sich die Schädigung des Sehnerves aber in der Regel stoppen, sodass es nicht zur einer Erblindung kommt. Ich empfehle daher, zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen, damit ein Glaukom frühzeitig erkannt wird.

Wie muss man sich die Vorsorgeuntersuchung vorstellen?

Der Augenarzt misst dabei zum einen den Augeninnendruck. Zusätzlich sollte er das Augeninnere mit einem speziellen Mikroskop und einem Spiegel begutachten und das Gesichtsfeld untersuchen. Beim Verdacht auf ein beginnendes Glaukom werden weitere Untersuchungen nötig.

Bei Ungewissheit sollte der Augenarzt hochaufgelöste Bilder vom Augeninneren anfertigen.

Die Glaukomvorsorge ist eine individuelle Gesundheitsleistung (IGEL). Das heißt, die gesetzlichen Krankenkassen sind von ihrem Sinn nicht überzeugt. Es fehlt ihnen an Studien, die den Nutzen beweisen.

Das ist richtig, allerdings müsste man in diesen Studien nachweisen, dass Menschen ohne Vorsorgeuntersuchung schneller erblinden, und das ist ethisch kaum vertretbar. Die Glaukomvorsorge ist als Selbstzahlerleistung auch nicht besonders teuer, sie kostet um die 20 Euro.

Es handelt sich also nicht um Geschäftemacherei?

Die Vorsorge macht grundsätzlich Sinn, man muss es aber nicht übertreiben: Manche Kollegen führen die Untersuchungen alle drei Monate durch oder bieten unnötig viele Tests an. Es genügt, ab dem 40. Lebensjahr einmal im Jahr die Basis-Vorsorgeuntersuchung zu machen, und eine Gesichtsfelduntersuchung etwa ein bis zweimal im Jahr.

Wie groß ist überhaupt die Wahrscheinlichkeit, an einem Glaukom zu erkranken?

Das Glaukom ist eine Volkskrankheit: Gut 800 000 Menschen in Deutschland leiden darunter. Weltweit ist es die zweithäufigste Erblindungsursache.

Gibt es Risikofaktoren, die eine Glaukomerkrankung wahrscheinlicher machen – und die Vorsorge deshalb besonders wichtig?

Ja, die gibt es. Dazu gehört eine gewisse erbliche Veranlagung. So kann es sinnvoll sein, schon Kinder vorbeugend zu untersuchen, wenn ihre Eltern ein Glaukom hatten. Frauen entwickeln häufiger als Männer ein Glaukom, auch Kurzsichtigkeit ist ein Risikofaktor. Betroffen sind typischerweise eher schlanke Menschen mit niedrigem Blutdruck. Zudem tritt der grüne Star häufig zusammen mit anderen Krankheiten auf, dazu gehören Diabetes, Migräne und Tinnitus.

Welche Verfahren gibt es, um ein Glaukom zu behandeln?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um den Druck im Augeninneren zu senken, der bei den meisten Glaukomen der Grund für die Sehnervschädigung ist. Selbst bei Glaukomen mit normalem Augeninnendruck wirkt sich das positiv aus. Das einfachste Mittel, um den Druck zu senken, sind Augentropfen, die dafür sorgen, dass sich weniger Flüssigkeit im Augeninneren staut. Falls das nicht ausreicht, kann eine Laserbehandlung helfen, den Abfluss von Flüssigkeit aus dem Auge zu verbessern.

Und wenn beides nicht hilft?

Die dritte Möglichkeit ist eine Operation, bei der Abflusskanäle im Auge geschaffen werden. Dieser Eingriff sollte von einem erfahrenen Spezialisten ausgeführt werden. Denn er ist nicht ganz risikofrei, es kann zu Narbenbildung kommen. Deshalb ist die OP auch erst die letzte Option.

Was kann ich selbst noch zusätzlich tun, um einer Erkrankung vorzubeugen?

Auch wenn es keine umfangreichen Studien zum Nutzen beim grünen Star gibt: Eine insgesamt gesunde Lebensweise kann das Risiko für fast alle Erkrankungen senken. Dazu gehört neben einer ausgewogenen Ernährung und genug Bewegung auch, Stress zu vermeiden: Ich rate dazu, sich im Alltag nicht zu sehr „unter Druck“ zu setzen.


Interview: Irene Habich



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