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Vom Alltag nach der Wahl können die Abgeordneten nur träumen

SPRINGE. Sein Wahlkreis-Sieg, er ist ganz offiziell erst ein paar Minuten alt, da ist Matthias Miersch schon wieder auf dem Weg nach Berlin.

Matthias Miersch (SPD) und Maria Flachsbarth (CDU). Foto: Dittrich
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Christian Zett Redaktionsleiter zur Autorenseite

Im ICE, Abfahrt 22.31 Uhr ab Hannover, mischt sich in die Freude über sein Direktmandat, das fünfte in Folge, auch die Sorge um die Partei, die Fraktion, die nächsten vier Jahre, die Miersch mit seiner SPD wohl in der Opposition verbringen wird. Die Ruhe nach dem Wahlsturm – sie ist für die heimischen Abgeordneten eine Illusion, besonders in diesem Jahr des doppelten Wahlkampfs.

Erst am frühen Montagmorgen hat Maria Flachsbarth schwarz auf weiß, was sie sich schon am Sonntagabend ausrechnen konnte: Sie zieht über den Landes-Listenplatz 4 erneut in den Bundestag ein, wird dort Springe und den Wahlkreis weiter zusammen mit Miersch vertreten. Wie viel knapper es trotzdem war, zeigt der Vergleich mit 2013: Damals zogen aus Niedersachsen 14 CDU-Abgeordnete bis zum Listenplatz 29 ins Parlament ein. Dieses Jahr waren es nur fünf – bei Platz 9 war Schluss.

Flachsbarth tauscht noch am Sonntagabend mit Miersch einige SMS aus, man versicherte sich, im Wahlkreis weiter gut zusammenarbeiten zu wollen. Montagmorgen dann ein Spaziergang im Wald, nach der kurzen Nacht den Kopf freikriegen, den Schreibtisch aufräumen. Am Nachmittag das Treffen des CDU-Landesvorstands. Die Bundestagswahl noch in den Knochen, „wir haben deutlich verloren, das muss man nicht schönreden“, sagt Flachsbarth. Gleichzeitig die Landtagswahl, zu der Flachsbarth viele heimische CDU-Kandidaten unterstützen will. Montagsabend fährt auch sie in die Hauptstadt.

Am Montagmorgen führt Miersch schon ab 7 Uhr die ersten Telefonate, es geht um das schlechte Ergebnis, um erste Personaldiskussionen, wer führt die neue Fraktion? Um 11.30 Uhr trifft sich der Parteivorstand der Bundes-SPD, dem er angehört. Miersch, Vorsitzender der Parlamentarischen Linken in der SPD-Fraktion, trifft sich mit Genossen anderer Parteiflügel, mit Fraktionschef Thomas Oppermann, führt Hintergrundgespräche. Der Terminkalender ist auch bei ihm voll.

Und im Hinterkopf: die Landtagswahl am 15. Oktober. Sowohl Miersch als auch Flachsbarth unterstützen ihre jeweiligen Landtagskandidaten im Wahlkampf, nehmen Termine mit ihnen wahr, organisieren Treffen, stehen an Ständen. Für beide geht der Wahlkampf in die Verlängerung, drei weitere Wochen, in denen sie sich gleichzeitig auf die neuen Verhältnisse im Bund einstellen müssen.

Man merkt auch am Montag noch, wie sehr sie beide der Wahlausgang beschäftigt, die teils großen Verluste im Bund, aber auch in ihrem eigenen Wahlkreis. Flachsbarth sieht den anstehenden Koalitionsverhandlungen von CDU/CSU, FDP und Grünen mit gemischten Gefühlen entgegen. „Sicher wird das schwierig“, sagt sie. Und sie sagt auch: „Aber es nützt ja nichts.“ Durch den Rückzug der SPD in die Opposition ist „Jamaika“ die einzige Koalition, die noch niemand ausgeschlossen hat. Alternativen kommen für Flachsbarth nicht in Frage, sagt sie: „Neuwahlen? Was würde das bringen? Wir können nicht so lange wählen lassen, bis uns das Ergebnis passt.“ Die SPD könne sie verstehen. Miersch hatte schon am Sonntagabend den Schritt gelobt: Man werde bis Dezember eine Phase brauchen, in der man sich als Partei, als Fraktion neu aufstellt, neu ausrichtet.

Sowohl Flachsbarth als auch Miersch waren nicht nur bei der NDZ-Podiumsdiskussion mit AfD-Kandidatin Sabine Ehrke aneinandergeraten, warfen ihr und ihrer Partei einen Wahlkampf mit teils menschenverachtenden Slogans und Statements vor. Und hätten doch beinahe mit ihr zusammen im Parlament gesessen.

Ehrke, die aus Gehrden kommt, hatte mit Blick auf das recht schwache Ergebnis ihrer Partei in Niedersachsen (9,1 Prozent) am Sonntagabend schon frühzeitig erklärt, sie rechne nicht mit einem Mandat. Am Ende wurde es aber doch knapp: Ehrke stand auf Listenplatz 8 – und bis Platz 7 zogen die Kandidaten aus Niedersachsen tatsächlich in den Bundestag ein. Heißt auch: Sollte einer ihrer Mitstreiter in den kommenden Jahren vorzeitig aus dem Parlament ausscheiden, könnte Ehrke doch noch nachrücken. Und Springes Wahlkreis einen dritten Bundestagsabgeordneten bescheren.



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