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Erinnerungen ans Pfadfinderheim Osterberg

Aufwachsen in Bad Münder und Springe: In unserer Sommerserie möchten wir mit Ihnen in Erinnerungen schwelgen und Sie mitnehmen auf eine Zeitreise: Heute geht es zum Pfadfinderheim am Osterberg - mit Georg Meyer.

Ein Bild aus dem Jahr 1961: Die jungen Pfadfinder Georg Meyer, Behnke, Herzog, Mundt, Ömmes Meyer, Heims und Gloser auf dem Rückweg vom Pfadfinderheim nach Hause. Foto: Sammlung Meyer
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Jens Rathmann Redakteur zur Autorenseite

BAD MÜNDER. „Wir haben Hunger, Hunger, Hunger, haben Hunger, Hunger, haben Durst...“ tönte es voller Erwartung. Die Pfadfinderregeln schienen anfang der 1960er-Jahre zur Essenszeit aufgehoben zu sein, wenn sich die Christlichen Pfadfinder im münderschen Osterberg an die rustikalen Tische setzten – eine Erinnerung, von der Georg Meyer mit einem Schmunzeln berichtet.

„Übernachtung im Pfadfinderheim im Osterberg waren für uns Wölflinge aus Bad Münder eindeutig das Größte.“ Meyer berichtet von einem Ritual, denn: „Stets wurde in der kleinen Küche des Pfadfinderheimes auf dem alten Herd das gleiche gekocht: Milchreis, mit und ohne Schokoladeneinlage. Kartoffelbrei und Vanillepudding. Und manchmal Erbswurst. Die Milch holten wir vorher vom Bauern Priesett in der Nähe des Osterberges“. Meyer erinnert sich, dass im großen dunklen Gemeinschaftsraum in Sichtweite der Feuerstelle viel und schnell gegessen wurde. Die Reste der „Raubtierfütterung“ landeten im Plumpsklo hinter dem Haus. Abgewaschen wurde das schmutzige Geschirr sofort nach dem Essen im nahe gelegenen Bach.

„Bei den Pfadfindern gab es keine Drückeberger. Man war allzeit bereit, für die selbst gewählte Gemeinschaft einzustehen“, sagt Meyer. Bewusst fühlte man sich als akzeptierter Teil eines Ganzen, wo man gemeinsam durch Dick und Dünn ging. „Die ideologische Nähe oder zumindest Berührungspunkte zu einer Jugend, die vom leidigen Führer des Deutschen Reiches noch vor zwanzig Jahren auf den großen Krieg vorbereitet wurde, sollte ich in Ansätzen erst einige Jahre später für mich bemerken“, so Meyer.

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Morgens veranstalteten die Jungen eine „Katzenwäsche“ im nahe gelegenen Bach. Und auch daran hat der ehemalige Pfadfinder des Stammes Hermann-Billung, der inzwischen in Leverkusen lebt, eine ganz besondere Erinnerung: „Das Wasser des Baches besaß stets einen eigenen Geschmack und roch nach vermodertem Laub, nach Moos und feuchten Ästen.“ So standen die Wölflinge morgens gemeinsam da, putzten sich die Zähne, wuschen den Oberkörper und das Gesicht – nicht weil sie das Bedürfnis dazu hatten, sondern weil sie am Abend vorher in den Pfadfinderregeln lernten, dass Pfadfinder rein und sauber sein sollen. Viel wurde darüber nicht nachgedacht. Es sollte einfach gemacht werden.

„Am Tage spielten wir Völkerball oder Fußball zwischen den Bäumen am Bach oder auf der schmalen Straße vor dem Pfadfinderheim. Die Unzulänglichkeiten der Umgebung wurden ohne Murren in Kauf genommen“, so Meyer. Später veranstalteten sie Radrennen auf der Runde um das Pfadfinderheim.

Und auch an Lagerfeuer hat der Leverkusener noch deutliche Erinnerungen: „Wie zur Sommersonnenwende im Juni wurde abends ein großes Feuer auf dem kleinen Platz neben dem Heim angemacht. Wir holten Stühle heraus und saßen einträchtig um das hoch lodernde Feuer herum. Dieter als ehemaliger Wölflingsführer, spielte zur Gitarre. Wir sangen laut und voller Inbrunst die Lieder vom Harung jung und schlank, von Bolle, dem es nach seiner Rückkehr zu Hause bei seiner Frau schlecht erging, vom viel zu strengen und kauzigen Dorfschulmeister im Schwabenland, der schwäbischen Eisenbahn, den brausenden Stürmen, den nach Norden ziehenden Wildgänsen, dem Hamburger Fährmaster mit seinem alten Kahn, der heißen Savanne, von Kolumbus sowie dem „Negeraufstand“, der gerade in Kuba entbrannte“, erinnert sich Meyer. Und zum Schluss des Abends wurde immer das Abschiedslied gesungen: „Gute Nacht, Kameraden, bewahrt euch diesen Tag. Die Sterne rücken aus den Tannen, empor ins blaue Zelt und funkeln auf die Welt, die Dunkelheit zu bannen...“ Das Singen machte den Jungen Mut und gab ihnen Kraft. Es stärkte das Selbstvertrauen und das Gemeinschaftsgefühl.

Geschlafen wurde auf dem engen und niedrigen Boden des Pfadfinderheims, den man über eine Leiter vom Eingangsflur aus erreichte. Vor dem Schlafengehen verstand es Werner Mundt, seine Wölflinge unbewusst in eine andere Welt zu versetzen, in das Land der Feen und Elfen, der Zauberer, der Irrlichter, der bösen Werwölfe und anderer Fantasiegestalten, die den Jungen ein wenig Angst machen sollten. „Immer dann, wenn die Geschichten so spannend waren, dass man es kaum mehr aushalten konnte, die Stimme von Werner bedächtiger und leiser sprach, man die großen Eulen und gefährlichen Irrlichter der Geschichte fast schon plastisch vor Augen hatte, immer dann wurde die Geschichte mit einem gewaltigen Urschrei von Werner beendet“, berichtet Meyer. Und obwohl alle Jungen den Ablauf und das Prinzip dieser Geschichten kannten – hören wollten sie sie immer wieder.

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