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Pilotprojekt an der Jägerallee gestartet

Zu jung fürs Altenheim

Springe. Eigentlich war es ein kleiner Eingriff. Routine. Dieter Dolezel hatte Schmerzen und ließ sich von einem Arzt eine Spritze geben. Seitdem ist der 52-Jährige von der Hüfte abwärts gelähmt. Dolezel ist jetzt ins Diakoniezentrum eingezogen. Speziell für vergleichsweise junge Bewohner hat dort gerade ein Haus eröffnet – weit über das Stadtgebiet hinaus eine Besonderheit.

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Autor:

Markus Richter

Pflegedienstleiterin Petra Seidel und ihr Team betreten an der Jägerallee Neuland. Schicksale wie das von Dieter Dolezel haben die Gedanken reifen lassen für das Projekt Young Care Springe (Yocas). „Wir haben gedacht, auf dem Bereich muss mehr passieren“, sagt Seidel. Bislang seien die Bedürfnisse junger Pflegebedürftiger stiefmütterlich behandelt worden. „Dabei gehören junge Menschen nicht in ein Altenpflegeheim.“

Ein Verkehrsunfall, ein Schlaganfall, ein plötzliches Organversagen – von einer Sekunde auf die andere werden Menschen aus dem Leben und ihrem Umfeld gerissen. „Wir geben den Betroffenen die Chance, im geschützten Bereich das Verhältnis zu sich selbst zu finden“, sagt Heimleiter Markus Frank. Der Pastor weiß auch durch seine Tätigkeit als Seelsorger, wie schwer es sein kann, ein Trauma zu überwinden. „Familienangehörige sind dann oft überfordert.“ Hinzu komme: Die eigenen vier Wände bieten selten die baulichen Voraussetzungen, sind meist nicht barrierefrei.

Die an der Jägerallee sind es natürlich. Dort hat der Träger, das Diakoniewerk Kirchröder Turm, in den vergangenen Jahren und Monaten kräftig investiert (NDZ berichtete). Inzwischen sind die Arbeiten nahezu abgeschlossen. Der Neubau für Yocas bietet 13 Einzelzimmer auf zwei Etagen, neben Platz zum Rückzug auch viel Raum für Kommunikation. Der Lions Club Deister Fontana hat einen Flachbildschirm und eine Spielkonsole gesponsert. Momentan hat Dieter Dolezel noch alles für sich – erst ist gerade als erster Bewohner eingezogen. „Zuhause hätte ich nicht bleiben können“, sagt der 52-Jährige. Er macht nun täglich ergotherapeutische Übungen, um wieder fit zu werden.

Seidel beschreibt das Pflegekonzept als „unterstützend, aufbauend, selbstbestimmend“. Eine Herausforderung ist das Projekt Young Care auch für das Personal, weiß Frank: „Es ist ein Unterschied, einen alten Menschen oder einen Gleichaltrigen zu pflegen – man sieht sich selbst dort liegen und merkt, wie zerbrechlich das Leben ist.“ Dieser Herausforderung werde sich ihr Team gerne stellen, sagt Seidel. Unabhängig davon, wie lange der Aufenthalt dauert – ob kurzzeitig, für ein Jahr oder vielleicht für immer – die Bewohner sollen aktiv bleiben. „Wenn sie abends auf der Terrasse grillen wollen, dann sollen sie es tun.“

Noch sind ein paar Plätze frei, andere sind bereits reserviert. Eine 29-jährige Frau sei am liebsten gleich dort geblieben, so gut habe es ihr gefallen, berichtet die Pflegedienstleiterin. Obwohl deren Familie überfordert sei, habe sie den Schritt dennoch bislang nicht gewagt.

Einblicke in die Angebote des Diakoniezentrums an der Jägerallee bekommen Interessierte beim Sommerfest am kommenden Sonnabend. Ab 10 Uhr feiern Bewohner, Mitarbeiter, Freunden und Förderer in den neu gestalteten Räumen. Stündlich werden Führungen angeboten – eine gute Gelegenheit, sich in Ruhe umzuschauen.



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