weather-image

Wie Magdalene Schocke mit ihrer Krankheit zurechtkommt

BENNIGSEN. Sie war die Letzte beim Sport, Weitsprung lag ihr gar nicht und sich beim Schwimmen auf den Beckenrand zu stützen, war unmöglich. Alles nichts Besonderes, dachte sich Magdalene Schocke. Heute weiß sie, was hinter diesen – damals noch – Kleinigkeiten, steckt: Sie leidet an Gliedergürteldystrophie.

270_0900_102847_DSC_0881.jpg
saskia

Autor

Saskia Helmbrecht Redakteurin zur Autorenseite

Es war eine Zufallsdiagnose, die gestellt wurde, erinnert sich die Bennigserin Schocke. „Ich hatte unter der Dusche plötzlich eine Gefühlsstörung, ich habe das Wasser auf meiner Haut nicht mehr gemerkt.“ Ihre Hausärztin verwies sie an einen Neurologen. Der aber tat das als Nebenwirkung der Wechseljahre ab. „Da dachte ich schon, dass das völliger Quatsch ist.“ Es folgte der nächste Besuch bei einem anderen Neurologen in Hannover. Als sie aufgerufen wurde und im Wartezimmer aufstand, stand die Ärztin schon in der Tür. „Stehen Sie immer so auf?“, habe sie die Patientin gefragt. Sie würde so seltsam gehen. „Da habe ich mich schon etwas gewundert, was das jetzt mit meinem Arm zu tun haben soll.“

Die Blutuntersuchung sorgte dann für Klarheit: Der Kreatinkinase-Wert (CT) war extrem hoch. Liegt der Wert normal bei 40 oder 50, zeigte die Untersuchung bei Schocke einen Wert von 1800. „Und das ist ein Zeichen für eine Muskelerkrankung.“

Heilbar ist der Muskelschwund nicht – Medikamente gibt es auch nicht. Aber: Die Erkrankung verläuft nicht tödlich. Nach und nach muss
Schocke aber mit Einschränkungen leben. Es sind ganz alltäglich Dinge, mit denen sie immer wieder konfrontiert wird. Einen Einkaufswagen etwa kann sie nicht mehr schieben. Auch das Treppengehen fällt ihr schwer, in die dritte Etage ihres Hauses kann sie schon nicht mehr gehen. Auch an die Kochtöpfe auf den hinteren Platten kommt sie nicht mehr heran. „Man muss alles im Kopf vorher organisieren, das erfordert viel Disziplin, aber man lernt, alles vorauszuplanen.“ Und wenn mal etwas nicht ganz so läuft, nimmt sie es mit Humor. Ihre positive Einstellung hat sie bis heute nicht verloren – auch nicht, wenn der Aufzug am Springer Bahnhof nicht funktioniert oder der Akku vom Rollstuhl schneller leer ist als geplant.

Nach der Diagnose 2005 habe sie – auch mit psychologischer Unterstützung – gelernt, ihre Krankheit zu akzeptieren. „Ich muss jetzt nun mal damit leben.“ Um sich mit anderen Betroffenen über die Erkrankung auszutauschen, entschied sie sich, Beraterin bei Deutschen Gesellschaft für Muskelerkrankte (DGM) zu werden. Mittlerweile ist sie Vorsitzende des Landverbandes Niedersachsen/Bremen. „Mir ist es ganz wichtig, Jüngeren Mut zu machen, sie können von der Erfahrung der Älteren profitieren und ich kann Ihnen zeigen, dass das Leben weitergeht.“

Es sei aber auch für sie eine große Überwindung gewesen, einen Rollstuhl zu nutzen. Mehr als ein Jahr lang stand das Gefährt ungenutzt in der Garage, berichtet ihr Mann Bernd.

Schocke arbeitet noch
Vollzeit in der Verwaltung

Mittlerweile nimmt sie den Rollstuhl aber in Anspruch. Und so kann sie auch zu Konzerten oder ins Wisentgehege fahren.

Weil bei ihrer Muskelerkrankung vor allem die Oberarme, die Oberschenkel und der Rumpf betroffen sind, kann Schocke immer noch mit einem Automatik-Auto fahren. Nicht mehr zu arbeiten, kam für sie ebenfalls nicht in Frage. „Ich bin ein sehr unruhiger und aktiver Mensch.“ Die 63-Jährige arbeitet Vollzeit beim DRK-Blutspendedienst in der Verwaltung, geht aber im Oktober in Rente. In ihrem ursprünglich gelernten Job als Einzelhandelskauffrau zu arbeiten, wäre heute aber nicht mehr möglich. Sie versucht trotzdem, so beweglich wie möglich zu bleiben und geht zwei Mal wöchentlich zur Physiotherapie. „Ins Fitnessstudio zu gehen wäre ganz falsch, auch wenn das oft geraten wird. Denn die Muskeln sind weg und bauen sich nicht wieder auf.“

Ursache ihrer Erkrankung ist ein Gendefekt – damit ist sie vererbbar. Sie hatte große Angst, ihre beiden Töchter könnten ebenfalls krank werden. Doch mit dem Ergebnis der Blutuntersuchung kam die Entwarnung: Die CK-Werte waren bei ihnen normal. Dass ihre Enkel betroffen sind, sei sehr unwahrscheinlich. Und so genießt die 63-Jährige jede Sekunde mit ihrer Familie.



Anzeige
Weiterführende Artikel
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt