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Von jungen Intensivtätern, Schulschwänzern und den Aufgaben der Springer Jugendgerichtshilfe

„Wer hinfällt, wird von uns wieder aufgerichtet“

Springe. Fast 90 Prozent ihrer Kandidaten sind männlich. Aber da ist auch Lisa*, und die wollte Sanitäterin werden. Dann wurde sie erwischt, ausgerechnet, als sie ein Lehrbuch für Erste Hilfe klaute. Dank der Unterstützung der Jugendgerichtshilfe hat Lisa den Schaden längst gut gemacht. Heute verläuft ihr Leben so, wie es laufen sollte.

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Autor:

Markus Richter

Ursula Trommer-Kassier ist seit dem Jahreswechsel die einzige Jugendgerichtshelferin der Stadt Springe. Ihr Job ist manchmal hart. Da ist viel Fingerspitzengefühl gefordert. So wie im Fall des 20-jährigen Jan*. Am Amtsgericht ging der Heranwachsende ein und aus, am Ende einer gescheiterten Jugend. Drogenkonsum brachte ihn in Geldnöte, mit vermeintlichen Freunden drehte er ein krummes Ding nach dem anderen. Diebstahl. Raub. Körperverletzung. „Irgendwann muss jeder die Kurve kriegen“, hofft Trommer-Kassier. Jan macht heute eine Ausbildung.

Die Diplom-Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin nimmt sich Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren und Heranwachsenden bis 21 an. Gerade kümmert sie sich um zwei 16-Jährige, die Waren gestohlen haben. Auf die Tat folgte eine Anzeige bei der Polizei. Die Staatsanwaltschaft informierte die Stadt. Und Trommer-Kassier bittet die Jugendlichen zu einem Gespräch. Die Teilnahme ist zwar nicht verpflichtend, „aber keinesfalls schadet sie, wie manche Rechtsanwälte manchmal behaupten“. In diesen Einzelgesprächen sind – im Idealfall, und das gilt dann gemeinhin als positiv – die Eltern mit dabei. Trommer-Kassier schaut sich Zeugnisse und Lebenslauf an, fragt zur familiären Situation, zur Schule, zu den Hobbys. „Eben danach, was sie bewegt.“ Ihre Aufgabe ist es, dem Gericht die Persönlichkeit des Angeklagten näher zu bringen. Die Schuldfrage zu klären, ist nicht ihre Angelegenheit. In der Verhandlung wird dann ein mündlicher oder schriftlicher Bericht abgegeben. Und darin wird auch beschrieben, ob Heranwachsende nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht zu maßregeln seien, wenn sie denn verurteilt werden. Ersteres sieht erzieherische Maßnahmen vor, letzteres oft Geldstrafen. Jugendstrafrecht wird nur dann angewendet, wenn Reifeverzögerungen erkennbar sind. Eher nicht der Fall ist das, wenn der junge Angeklagte die Schule erfolgreich beendet hat, er in einer eigenen Wohnung lebt und Geld verdient.

Manchmal macht die Frau vom Amt aber auch Hausbesuche. Mit ihrer langjährigen Berufserfahrung merkt sie schnell, ob dort alles in Ordnung ist. Ob das Kind einen eigenen Hausschlüssel hat oder womöglich nachts öfter bei Freunden „abhängt“. „Geschichten anhören gehört zu meinem täglichen Brot“, sagt sie. Nicht selten würden Jugendliche versuchen, ihr etwas vorzumachen. Manche setzen dann für das Gespräch eine Maske auf. Trommer-Kassier weiß, dass auch das Auftreten ein Mosaikstein des Bildes ist, dass sie sich von ihren Probanden macht.

„Jeder Fall ist individuell und zeitintensiv“, weiß auch Manfred Massalski, Leiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) im Jugendamt. Sein Team hat ein Netzwerk vieler Helfer aufgebaut. Es hilft dem Ersttäter ebenso wie dem Dauer-Schulschwänzer. Werden Kinder als Strafunmündige kriminell, unterstützt der ASD bei der Problembewältigung. „Wenn junge Leute hinfallen, werden sie wieder aufgerichtet – und wir geben die Anleitung, dass sie selber aufstehen können, bevor es zu spät ist“, umschreibt Massalski. Die Hilfe, sie steht auch bei Ursula Trommer-Kassier ganz vorne an. Auch wenn sie nicht immer weiß, wie die Gerichtsverhandlung am Ende ausgegangen ist, hat sie festgestellt: „Viele sehe ich nicht mehr wieder – das ist doch gutes Zeichen.“

(*Die Namen der Jugendlichen wurden geändert.)

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