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Warten auf die Autowerbung

Eldagsen/Gestorf. Wer aufhört, Werbung zu schalten, um Geld zu sparen, kann ebenso seine Uhr anhalten, um Zeit zu sparen. Dieser Satz ist vom Autopionier Henry Ford. Ihm war bewusst, dass das Image einer Automarke Emotionen transportiert. Und ohne Emotionen wie Glück oder Begeisterung lassen sich Autos schlecht verkaufen. Das wissen auch die deutschen Autohersteller. Gestern hat der VW-Konzern in der Region einen Werbespot aufzeichnen lassen. Ein Drehbericht.

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12.30 Uhr, Landesstraße 422 Richtung Gestorf. Eine Autoschlange steht auf der langen Alleestrecke. Stau. Ein junger Mann mit gelber Warnweste taucht auf. Im Gesicht trägt er ein Lächeln, so dezent wie ein tätowierter Totenkopf auf dem Oberarm der englischen Königin. „Guten Tag“, sagt er. Lächelt. „Ich bitte Sie um zehn Minuten Geduld, wir drehen einen Werbefilm für Volkswagen.“ Diesen Satz wird der junge Mann heute noch häufiger aufsagen: Denn hinter dem Wagen tauchen noch viele andere auf, immer wieder knipst er sein Lächeln an.

12.34 Uhr. Die Sonne knallt von oben. Fast wie Sommer. Einige Wartende machen die Türen auf, stützen den Ellbogen locker darauf, drehen das Radio lauter. Andere schütteln verzweifelt den Kopf. An Dreharbeiten erinnert eigentlich nichts. Wäre da nicht eine leicht aufgedreht wirkende Dame, geschätzt Mitte 40, blonde Haare, beiges Hemd, dunkle Jeans, gelbe Warnweste. Sie steht am Anfang der Schlange, ruft in ein Funkgerät, reckt die Arme in die Luft. Ein letztes Kommando, dann kommen sie.

12.37 Uhr. Vorne fährt ein weißer Mercedes-Transporter mit einem Kamera-Aufbau oben drauf vor. Dahinter kommen zwei Volkswagen, kleinere Bauart, entweder Polo oder Golf, genau lässt sich das nicht erkennen, die Fahrzeuge sind zu schnell unterwegs. Und rasch wieder verschwunden. Zeit ist Geld in der Branche.

12.40 Uhr. Die Straße wird von den Männern in den gelben Warnwesten wieder freigegeben. Die Dreharbeiten sind damit aber noch nicht beendet.

12.45 Uhr. In einer Seitenstraße hält ein Kombiwagen an. Die blonde Frau lächelt, ihre weißen Zähne blitzen auf. Sie lässt die Autoscheibe heruntergleiten. „Guten Tag. Ich muss Sie bitten, hier nicht zu parken. Wir brauchen diese Landschaft für einen Werbefilm. Sie müssen diese Straße bitte verlassen.“ Immer freundlich, aber bestimmt. Fotografieren sei ohnehin nicht möglich, sagt sie noch. Dann ist sie weg. Und mit ihr das gesamte Filmteam.

13.12 Uhr. Fernblick auf die Landesstraße. Das Panorama ist wunderbar, die Straße wenig befahren. Dann kommen sie wieder. Zuerst nur ein Transporter, ausgeliehen bei Sixt. Zwei Männer steigen aus, stellen eine mobile Straßenabsperrung auf. Nach fünf Minuten kommt ein Kleinwagen. Als er die Absperrung sieht, kehrt der Fahrer sofort wieder um.

13.30 Uhr. Hinter der Absperrung: Eine lange Autoschlange, sogar der Linienbus wartet. Dann heult Motorenlärm auf. Ein weißer Rallye-Rennwagen düst den Berg herunter. Biegt in eine Nebenstrecke, wirbelt mächtig staub auf. Der Fahrer haut rasant die Gänge rein, gibt Gas, ist weg. Stille. Ein Kamerawagen war nirgends zu erkennen. Die Absperrung wird wieder aufgehoben, der Verkehr rollt wieder an. Das wird heute noch oft so gehen: Stop and Go im Zehn-Minuten-Takt.

Für die Autoindustrie mag der Satz von Henry Ford stimmen. Emotionen sind alles. Besonders für Autofahrer. Aber die fühlen heute auf dieser Landesstraße ganz was anderes:: Ungeduld. Fords Satz stimmt für sie nicht. Heute Nachmittag ist es eher so: Wenn der Autokonzern keine Werbung bestellt hätte, würden die Wartenden Zeit sparen. Nur zehn Minuten. Aber auch die können glücklich machen.



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