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Sturm im Ausschuss: Windkraft bei Lüdersen erhitzt Gemüter

LÜDERSEN. Selten waren sich die Mitglieder des Planungs- und Umweltausschusses bei ihrer ersten Sitzung der neuen Wahlperiode so einig wie beim Thema Windkraftanlagen bei Lüdersen. Arnd Bachmann (AfD) wurde richtig emotional: „Es wird eine Sturmwelle von Bürgerprotesten und auch politisch richtiges Theater geben.“

Jedes der Windräder im Vorranggebiet Springe soll 233 Meter hoch werden. FOTO: DPA
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Sandra Hermes Redakteurin zur Autorenseite

Die Worte richtete er vor allem an Martin Müller vom Windparkentwickler UKA Nord. Müller wollte die Ausschusssitzung nutzen, um sich als Projektleiter und das Vorhaben vorzustellen. Keine leichte Aufgabe – vor allem die Zuhörer bombardierten ihn mit vorwurfsvollen Fragen.

Die UKA plant einen rund 400 Hektar großen Windräderpark zwischen Hemmingen, Pattensen und Springe. Allein auf Springer Gebiet sollen sechs Windenergieanlagenstandorte entstehen. Die Höhe der einzelnen Windräder: 233 Meter. Fast so hoch wie der Fernmeldeturm in Hannover. „Haben sie überhaupt schon mal Windräder mit einer derartigen Höhe realisiert?“, fragte ein empörter Zuhörer. „Nein“, gab Müller zu, ergänzte aber: „Das hat einen einfachen Grund: Wir arbeiten immer mit der neusten Technik und für Springe nehmen wir die aktuellsten Anlagen.“

Gerade die Höhe der Anlagen bereitet vielen Lüdersern Sorge. Gesundheitliche Auswirkungen fürchten sie vor allem durch den hörbaren Schall, durch Geräusche der Rotorenblätter sowie durch den Infraschall. Aber das sind nicht die einzigen Bedenken: „Die Sicht auf und von Lüdersen ins Calenberger Land wird durch die Windkraftanlagen unwiederbringlich zerstört“, erklärte eine Zuhörerin.

Zudem wollte sie wissen, ob die UKA schon Untersuchungen in den Bereichen Naturschutz und Naturerholung durchgeführt habe – sie sehe auch Gefahren für die Tier- und Vogelwelt. Immerhin brüte unter anderem ein Rotmilanpärchen am Wolfsberg. Damit gelte der Bestand dieser Greifvögel als gefährdet.

Müller erklärte, dass die UKA seit März diverse Voruntersuchungen angestellt habe, besonders in Bezug auf Feldhamster, Fledermäuse, Greifvögel, Flora und Fauna sowie Nistplätze. Alle bisherigen Ergebnisse seien öffentlich einsehbar und lägen auch der Region Hannover vor. Bisher sprächen sie aber eine eindeutige Sprache. „Nichts spricht gegen den Bau der Windkraftanlagen“, machte der Projektleiter deutlich.

Der Ausschuss stellte gleich klar, dass sämtliche Angaben noch mal von entsprechenden Behörden überprüft würden. „Springe hat schon jetzt die höchste Windkraftdichte in der Region Hannover. Für mich unerklärbar, immerhin herrscht hier kein besonders günstiger Wind“, machte ein Besucher des Ausschusses deutlich. Seine Frage: „Wie viel Strom wird denn überhaupt von einer Anlage erzeugt?“ Müllers Antwort: „Das ist von Modell zu Modell unterschiedlich. Hier gehen wir davon aus, dass 4000 Haushalte jährlich mit einer der Anlage versorgt werden können.“

Ein weiterer Zuhörer wollte wissen, seit wann die UKA in dem betroffenen Gebiet schon Windkraftanlagen plant. „Seit zwei Jahren“, sagte Müller und ergänzte: „Da haben zumindest die ersten Gespräche mit den Landeigentümern begonnen.“ Raunen unter den Zuhörern. Wie es denn sein könne, dass die Verwaltung dies nicht hätte verhindern können, lautete die nächste Frage. Bürgermeister Christian Springfeld betonte, dass sich erst im Mai dieses Jahres herausgestellt habe, dass aus der potenziellen Fläche ein Vorranggebiet geworden sei.

Daraufhin hätten die Kommunen von jetzt auf gleich eine Stellungnahme ausarbeiten müssen, ohne dass ihnen eine angemessene Frist gewährt worden wäre. „Das war wirklich eine Zumutung“, sagte er. „Unsere Verwaltung war für 14 Tage lahm gelegt, weil sich alle mit der Stellungnahme beschäftigt haben. Wir mussten sogar eine Sonderratssitzung einberufen.“

Dennoch glaube er, dass ihnen die Stellungnahme sehr gut gelungen sei, auch wenn sie nicht zu dem erhofften Erfolg geführt habe. Ihm sei aber für die Zukunft wichtig, bei diesem Thema als Stadtverwaltung auf der formal sauberen Ebene zu agieren. „Trotzdem versuchen wir alles, um den geplanten Windkraftpark zu verhindern“, stellte er klar.

Zudem zollte er dem Projektleiter Martin Müller seinen Respekt. Auch wenn er hier in Springe auf sehr viel Widerstand stoße, sei es nicht selbstverständlich, sich als Anlagen-Investor der Situation zu stellen und um Transparenz bemüht zu sein. Es gebe andere Investoren, die nur im Hintergrund tätig seien, von denen man nichts mitbekomme.

CDU-Ratsfrau Elke Riegelmann aus Lüdersen hatte sich bei der Ausschusssitzung unter die Zuhörer gemischt. Ihr brannte vor allem eine Frage unter den Nägeln: Wie wirken sich die Windkraftanlagen auf die Grundstückspreise aus? Projektleiter Martin Müller musste kleinlaut zugeben, dass Studien zu dem Ergebnis kämen, dass es zunächst zu einem Rückgang komme. „Allerdings pendeln sich die Preise nach und nach wieder ein“, erklärte er ergänzend.

Ausschussmitglied Klaus Nagel (FDP) forderte eine neue Evaluierung. „Wir müssen alle Angaben nochmal neu auswerten. Immerhin ist jeder Beschluss von Menschen letztlich revidierbar, so auch dieser.“

Information

Fakt ist, das Raumordnungsprogramm, in dem das Vorranggebiet Hemmingen-Pattensen-Springe verankert ist, ist in der Regionsversammlung am 27. September beschlossen worden. Jetzt muss es noch vom Amt für regionale Landesentwicklung Leine-Weser genehmigt werden. Mit den Ergebnissen ist aber erst im Februar zu rechnen.

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