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Göttinger Historikerin stellt in der Springer HVHS ihre Forschungen zu Hinrich Wilhelm Kopf vor

Stürzt der „rote Welfe“ vom Thron?

Springe. Das Bild von Hinrich Wilhelm Kopf als landesväterlicher „roter Welfe“ und Gründungsvater des Landes Niedersachsen hat deutliche Risse bekommen. Spätestens seit Veröffentlichung der Stellungnahme der Historischen Kommission des Landes in der vergangenen Woche droht die Ikone des ersten Ministerpräsidenten vom Sockel zu stürzen.

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Autor:

Christoph Huppert

Ausgelöst hat das die Forschungsarbeit der jungen Göttinger Historikerin Teresa Nentwig. Sie stellte jetzt in der Springer Heimvolkshochschule (HVHS) vor einem großen Publikum die wesentlichsten Inhalte ihrer Arbeit vor. „Man muss mit seiner Geschichte umgehen können, von daher sind hektische Reaktionen zu Kopfs Aktivitäten im Dritten Reich zwar unangebracht, aber man kann meines Erachtens nicht an einem Ort tagen, wo der Namensgeber den Landtag dreist belogen hat“, erklärte der HVHS-Vorsitzende und langjährige SPD-Landeschef Wolfgang Jüttner. 1948 hatte Kopf vor dem Landtag behauptet, nie „Treuhänder“ gewesen zu sein.

Akribisch zeichnete Teresa Nentwig Hinrich Wilhelm Kopfs Lebensweg nach. „Er war in Berlin seit 1934 als Immobilienmakler und Grundstücksverwalter beschäftigt und hat da an Arisierungen mitgewirkt; später war er in Polen für die Haupttreuhandstelle Ost tätig – und hat da Enteignungen jüdischer und nichtjüdischer Polen durchgeführt.“

Nentwig sagt, sie sei „regelrecht erschüttert“ gewesen, als sie vor drei Jahren im Archiv in Kattowitz auf die Dokumente gestoßen war. Die von der 31-Jährigen vorgelegten Papiere belegen einen erheblichen Diensteifer Kopfs. An Fallbeispielen machte Nentwig klar, dass viele entsprechende Geschäftsbeschlagnahmungen von Kopf abgezeichnet wurden. Damit habe sich Kopf zum Werkzeug der rücksichtslosen Germanisierungspolitik der Nationalsozialisten in den Ostgebieten gemacht.

„Eine gigantische Enteignungsmaschine, das hat was Machiavellistisches“, fand ein Besucher der Veranstaltung. Man könne, sagte Jüttner, der vor allem die Stellungnahme der Historischen Kommission als „bemerkenswert konsequenzlos“ kritisierte, bei aller notwendigen Gelassenheit nicht zur Tagesordnung übergehen. „Vor allem, wenn es wie hier in Springe bei der HVHS um Gebäudenamen einer Bildungseinrichtung oder gar um Schulen geht, besteht Handlungsbedarf.“

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