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Springes letzte Hauptschule schließt

SPRINGE. Es ist ein schwüler Tag gegen Ende Mai, die Uhr zeigt zwölf: So lässt Gerhart Hauptmann sein Drama „Die Weber“ beginnen. Mit diesen Worten ließen sich auch die letzten Tage der nach ihm benannten Springer Hauptschule beschreiben. Ein Besuch in einer Schule, die mehr Vergangenheit hat als Zukunft.

Katrin Telschow-Don, kommissarische Schulleiterin der Gerhart-Hauptmann-Schule, präsentiert den Abschluss-Pulli. Foto: Mischer
Mischer

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Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite

Im Lehrerzimmer ohne Lehrer sieht es aus, wie Lehrerzimmer aussehen: Kaffeetassen auf dem großen Tisch, Aktenordner daneben, Unterlagen überall, aus dem Flur dringen Gesprächsfetzen ins Zimmer und verlieren sich dort, wie Regenwolken über der Atacama-Wüste.

Vier Pädagogen kümmern sich an der Schule um 34 verbliebene Schüler in der neunten und zehnten Klasse. „Die Vorbereitungen für die Abschlüsse, das Schreiben der Zeugnisse und die Aufhebung der Schule, das läuft alles parallel“, sagt Katrin Telschow-Don, kommissarische Schulleiterin und seit sieben Jahren an der einzigen in Springe verbliebenen Hauptschule.

Ende einer Schulform

Verblasst: Der Hinweis auf die Hauptschule. Foto: Mischer

Mit der Gerhart-Hauptmann-Schule endet deshalb nicht nur eine Schule, die von etlichen Schülergenerationen besucht wurde, sondern vor Ort auch eine ganze Schulform. Ihr endgültiges Aus, ein Jahr früher als geplant, hatte die Politik im November 2017 beschlossen. Dass es irgendwann kommen würde, war aber spätestens mit der Etablierung der Integrierten Gesamtschule klar. Ganz allgemeine Weichen für das Ende der Hauptschulen stellte man in Niedersachsen allerdings bereits 2010 – damals ermöglichte die schwarz-gelbe Landesregierung den Kommunen, Hauptschulen in neuen Oberschulen aufgehen zu lassen. Auch die sind inzwischen eine Art Auslaufmodell.

Telschow-Don packt ihre Unterrichtstasche, dunkler Stoff oben, schmale Rollen unten, und gleitet damit Richtung Klassenräume. Zwei davon im zweiten Stock nutzt die Hauptschule noch, der Rest des Gebäudes wird von der Grundschule am Ebersberg und den Sprachlernklassen der IGS in Anspruch genommen. „Das Gebäude wird vielfältig genutzt“, sagt die Schul-Chefin.

Häufiger Standortwechsel der Gerhart-Hauptmann-Schule Springe

Leerstehen wird das Haus das parallel zur Adolf-Reichwein-Straße verläuft, also auf keinen Fall, wenngleich an einigen Stellen die Farbe so bräsig an der Wand klebt, als warte sie auf ihre Pensionierung. Und auch das Inventar sieht nicht aus, als käme es gerade aus dem Möbelmarkt. Immerhin klagt die IGS über akute Raumnot – die Realschule läuft erst im Jahr 2019 aus – und auch die Sprachlernklassen brauchen Unterrichtsräume.

Cornelia Rosenbusch ist seit 2004 Lehrerin an der Gerhart-Hauptmann-Schule und hat etliche Umzüge der Bildungseinrichtung mitgemacht: 2004 vom Schulzentrum Nord zum Schulzentrum Süd, vor vier Jahren schließlich zum aktuellen Standort nahe der Grundschule Am Ebersberg. „Wir waren immer ein bisschen wie Manövriermasse“, sagt sie. Und lacht. Im Unterricht sei die Schließung immer wieder ein Thema: „Es ist ja nicht so, dass man einfach in die Sommerferien geht – und danach wiederkommt.“

Nach den Ferien wird es die Schule nicht mehr geben. „Man sieht, dass das die Schüler beschäftigt. Es gibt Schüler, deren Eltern schon die Schule besucht haben.“ Das gibt es künftig nicht mehr: Dass man nach dem Abschluss zurück in die Schule kommt und über alte Zeiten spricht. Seinerzeit gab es in Springe zwei Hauptschulen, die Gerhart-Hauptmann-Schule und eine Grund- und Hauptschule Hinter der Burg, dazu in Bennigsen und Eldagsen jeweils eine Hauptschule.

Beginn eines neuen Lebensabschnitts

Für Lehrerin Ute Ellmers beginnt mit dem Ende der Hauptschule ein neuer Lebensabschnitt. Mit Beginn der Sommerferien wird die Pädagogin in den Ruhestand gehen. Sie bedauert das Aus für die Schule. „Wenn Schüler langsamer lernen, dann ist es gut, wenn die Klassen kleiner sind“, sagt sie. Und auch der Praxisbezug, unter anderem durch die Kooperation mit der BBS, habe vielen jungen Menschen den Berufsstart erleichtert. „Unsere Schüler werden eng umgarnt und ein bisschen an die Hand genommen“, schwärmt auch Telschow-Don für das Konzept der Schule, die keine Zukunft hat.

Trotzdem befasst sich die kommissarische Schulleiterin mit dem Thema Zukunft, genauer gesagt mit der Zukunft der Unterlagen: Was passiert mit Schülerdaten, mit Zeugniskopien, wohin gehen alte Akten? Rosenbusch sagt, dass vor einigen Tagen jemand alte Unterlagen über einen Arbeitsunfall vor etlichen Jahren angefordert habe. Die müssen auch auffindbar sein, wenn es die Schule nicht mehr gibt. Zu diesen und anderen Themen gebe es seit Monaten enge Rücksprachen mit der Stadt. Gleichzeitig läuft der Schulbetrieb. Und dabei geht es um die Zukunft der Schüler: Wer macht wo eine Ausbildung, wer geht an welche Schule? Telschow-Don: „Viele wollen an der BBS weitermachen.“ Andere gehen an die Realschule, die ein Jahr später aufgelöst wird.

Abschiedspullis „Ich bin dann mal weg“

Für die Abschlussfeier haben Schüler Abschiedspullis gestaltet, schwarzer Stoff, neongelbe Beschriftung. „Ich bin dann mal weg“, steht darauf. Telschow-Don hält sie hoch, ein bisschen stolz funkeln ihre Augen, als sie sagt, dass die Schüler das selbst produziert haben. „In diesen Tagen ist es hier oben so warm, dass sie niemand trägt.“ Ein schwüler Tag im Mai, zurück im Lehrerzimmer ist es kühler als im ersten Stock, die Lehrerinnen sprechen über Zeugnisse, Prüfungen und den ganzen Rest. „Alles ist wie immer, nur eben diesmal zum letzten Mal“, sagt die kommissarische Schulleiterin.



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